Dunkle Fragen

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Hermann von Lingg: Dunkle Fragen (1862)

1
Vorüber war schon längst die Stunde,
2
Wo sich der Müde schlafen legt,
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Da, fern von jeder frohen Stunde,
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Da zechten wir noch tiefbewegt.

5
Schon wob sich um die Lichtergarben
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Stets näher her die Finsternis
7
Und brannt' in lang verharrschte Narben
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Der alten Zweifel Schlangenbiß.

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Wir rechneten in langen Ziffern
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Der Schöpfung ihre Lücken vor,
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Bis sich in magisch dunkle Chiffern
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Das letzte Fragewort verlor.

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Wir konnten nicht den Zwiespalt lösen,
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Der trotz des Herzens Widerstand
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Doch stets das Gute mit dem Bösen
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Zu einem Weltgesetz verband.

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Du stundest auf, die leere Flasche
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Sah hohl und umgestürzt uns an,
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Verschüttet von Zigarrenasche,
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Ein ausgebrannter Weinvulkan.

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Und draußen vor der dunklen Schwelle,
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Da lag die Welt im Nebeltau,
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Und lag in düstrer Morgenhelle,
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In leichenfahlem Dämmergrau.

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Und als wir uns nun Abschied boten,
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Noch war kein Leben sonst erwacht.
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Sind Schläfer, dacht' ich, nicht gleich Toten,
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Und Nichtsein ist nur eine Nacht?

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Und führt ein Weg durch Schlaf und Träume
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Vielleicht in andre Welten ein,
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Ins Innre nie geschauter Räume,
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In ein ins All Versunkensein?

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Und dort scheint endlich sich zu lösen
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Der Kampf, der nie hier außen ruht,
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Der ew'ge Kampf vom Gut' und Bösen,
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Von Licht und Dunkel, Frost und Glut?

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Hier außen nur ist Blutvergießen,
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Hier sind die Schalen und der Dorn,
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Und doch strebt alles aufzusprießen
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Aus Hülle, Schlaf und Saatenkorn.

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Zur Körperwelt hervorzudringen,
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Strömt ewig aus die ruh'nde Kraft,
43
Und mit dem Feind sich abzuringen,
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Durch den sie wieder wird entrafft.

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Was ist der Zweck von all dem Streben?
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Nur ein sich selbst genügend Spiel?
47
Wie, oder hat vielleicht das Leben
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Ein unbekanntes großes Ziel?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Lingg
(18201905)

* 22.01.1820 in Lindau, † 18.06.1905 in München

männlich, geb. Lingg

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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