Sie saß, gestützt das Haupt auf ihre Linke

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Hermann von Lingg: Sie saß, gestützt das Haupt auf ihre Linke Titel entspricht 1. Vers(1862)

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Sie saß, gestützt das Haupt auf ihre Linke,
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Ins Zimmer brach ein trüber Sonnenschein.
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Still traten und erwartend ihre Winke
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Mit Brot und Früchten ihre Diener ein.
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Doch ob Granat' und Goldorange blinke,
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Ob aus dem Becher funkle süßer Wein,
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Sie blickt nicht auf, ihr Mund ist fest geschlossen,
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Und Wein und Früchte werden nicht genossen.

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Da naht sich ihr und unterbricht das Schweigen
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Ein junger Neger mit gebeugtem Knie.
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Auf goldner Schale reicht er süße Feigen
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Und spricht: O Fürstin, schön're sahst du nie.
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Erst seit drei Tagen sind sie von den Zweigen,
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Der Himmel meiner Heimat reifte sie;
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Ein guter Fahrwind ließ es uns gelingen,
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Von Afrika sie frisch nach Rom zu bringen.

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»von Afrika!« – und ihre Blicke flammen –
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»und sahst du dort die großen Helden nicht,
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Die aus dem wunderbaren Norden stammen,
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Von deren Mut und Kraft die Sage spricht,
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Daß sie gepanzert manchen Sund durchschwammen,
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Ja, daß sie mit der Waffen Erzgewicht
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Dem Drang der Wogen sich entgegenstemmten
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Und so den Fluß in seiner Strömung hemmten?

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Und sahst du ihren König, jenen düstern
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Vandalen Geiserich? Sein wilder Mut,
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Nach unsern blühendsten Provinzen lüstern,
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Ist eine Sorg' uns, welche nimmer ruht.
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Hier nennt man seinen Namen nur mit Flüstern,
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Doch sag, blieb auch in eurer Sonnenglut
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Die Kriegslust seiner Scharen unermüdlich?
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Ward noch ihr Herz nicht üppig, weich und südlich?«

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»nein, Fürstin, mächtig saust noch ihre Lanze,
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Karthago dröhnt von ihrem Eisenschritt.
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Wir sahn sie nächtlich oft beim Fackelglanze,
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Wenn aus dem Hafen ihre Flotte glitt.
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Auch nahmen sie zum kühnen Waffentanze
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Und in die Wüste mich zum Weidwerk mit;
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Ich sah sie von des Tigers Blut gerötet,
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Den sie mit Einem Schwertesstreich getötet.

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Ihr König thront, vom Löwenpaar begleitet,
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Im düstern Schloß, dem alle bang nur nahn.
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Man sagt, wenn durch sein Arsenal er schreitet,
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Die Waffen fingen sich zu rühren an,
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Solch eine Strömung dunkler Kraft verbreitet
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Sein Kriegergeist. Zieht er der Schar voran,
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So ist's als ob sie Flammenhauch durchquölle;
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Sie folgt ihm nach, und ging' es in die Hölle.«

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Er sprach's – in jedem seiner Worte grüßte
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Die Fürstin einen Rächer ihrer Schmach.
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»weit mehr als seine süße Frucht versüßte
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Mein Herz, was dieser Afrikaner sprach.
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Nicht immer, scheint's, kommt Tod nur aus der Wüste;
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All meine Hoffnung lag verdorrt und brach,
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Und nun schickt mir das Sandmeer Tau und Regen,
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Auf denn, Gedanken! eurem Ziel entgegen!«

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Verborgen längst vor Luft und Tageshelle
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Lag im Palast noch aus der Heidenzeit
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Der alten Kaiser düstre Hauskapelle,
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Dem Pluto und der Nemesis geweiht.
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Die halb verschüttet, halb verbaute Schwelle
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Betritt allein in tiefster Dunkelheit
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Eudoxia, furchtlosen Mutes, schweigend,
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Mit vorgehaltner Leuchte niedersteigend.

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Ihr Licht erhellt die mächtige Rotunde,
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Der Luftzug haucht mit kaltem Geisterkuß.
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»ha, dort, du Marmor mit dem bleichen Munde
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Voll Hohn und bittrem Menschenüberdruß,
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Willkommen finstrer Gott in dieser Stunde!
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Ich kenne dich, du bist Tiberius.
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In diesen Schläfen, hohl und doch erhaben,
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Lag unter Lastern ein Titan begraben.

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Auch du dort, Henker voll der blut'gen Witze,
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Befleckter Wüstling, Narr Caligula!
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Wähnst du dich endlich vor dem Glanz der Blitze
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Hier sicher? Sprich doch, grinse doch ein Ja,
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Wie einst so oft beim Mahl von deinem Sitze
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Zu Bluturteilen. Und auch du, sieh da,
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Der hoch vom Turm ein griechisch Lied gesungen,
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Als Rom im Todesflammenkampf gerungen.

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O hört mich, ihr! Und was von Weibesschwächen
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Noch in mir wohnt, tilgt aus durch düstern Bann!
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Gebt mir, die unerhörte Schmach zu rächen,
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Das Herz von Stein, das nichts erschüttern kann.
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Vollenden helft den Kreislauf der Verbrechen,
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Den Bau des Fluchs, der unter euch begann.
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Mein Werk ist eures: Mord, Verrat, Entthronen:
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Seid günstig denn, ihr, dieses Dachs Dämonen.«

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Sie rief's, und fest wie von geglühtem Stahle
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Ward ihre Brust. Sie stieg empor und schrieb:
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Dies sendet dir, gefürchteter Vandale,
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Roms Fürstin, die ein schlauer Kronendieb,
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Ein Stifter blutbefleckter Bacchanale
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In ein Gewebe tiefster Schande trieb.
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Erscheine! Räche! Stürz ihn von dem Throne!
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Roms schönster Schmuck sei dir dafür zum Lohne.

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Mit diesem Brief und wenig treuen Sklaven
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Verließ die Kaiserburg ihr Kämmerling
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Und ritt sogleich zum nächsten Meereshafen,
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Wo schon gerüstet ihn ein Schiff empfing,
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Das, eh' den Mast noch Morgenlüfte trafen,
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Schon hoch im Meer mit seiner Sendung ging,
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Und als die Flut zum drittenmal sich sonnte,
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Im Angesicht Carthago's ankern konnte.

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Auf seinem Thron, umgeben von Vasallen,
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Vernahm die Botschaft König Geiserich.
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Sein Antlitz überflog ein Wohlgefallen,
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Mit wildem Lachen rief er: Sicherlich,
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Die Zeit ist da, die welken Blätter fallen,
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Ich werde kommen. Rom erwarte mich!
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Er sprach's, und ließ sofort als Friedenszeichen
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Den Boten Becher und Geschenke reichen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Lingg
(18201905)

* 22.01.1820 in Lindau, † 18.06.1905 in München

männlich, geb. Lingg

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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