Die Schlacht auf den katalaunischen Feldern

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Hermann von Lingg: Die Schlacht auf den katalaunischen Feldern (1862)

1
Ein grauer Tag erhebt sich trüb im Osten
2
Der Flur, wo jetzt Campaniens Traube reift,
3
Da sehn des Gotenheeres erste Posten
4
Beim Dämmerlicht, das um die Höhen streift,
5
Wachfeuer fern durch Nebelmeere glosten,
6
Und als Aëtius sein Schwert ergreift,
7
Vernimmt er schlachtenmutig, todesbräutlich
8
Das wilde Lied der Hunnenkrieger deutlich.

9
Noch zweifelnd, ob er heut die Schlacht schon wage,
10
Steht drüben sinnend Attila und stellt
11
An seine Priester die Verhängnisfrage,
12
Allein und unruhvoll in seinem Zelt –
13
»die Götter künden unsre Niederlage,« –
14
So sprechen die – »horch, wie die Wölfin bellt!
15
Doch mit dem Tod auch büßt dein überlegner,
16
Dein größter Feind, der kühnste deiner Gegner.« –

17
»zur Schlacht denn!« ruft der König ohne Zagen,
18
»aëtius falle! Meine Sorge soll
19
Der Sieg sein. Auf, laßt an den Heerschild schlagen!
20
Weckt meine Fürsten! Eine Stimm' erscholl:
21
Die Geißel Gottes wird die Völker jagen,
22
Bis seines Zorns gemessne Schale voll.
23
Mein Speer sei's, dem zuerst ein Feind erliege;
24
Wer mir nicht folgt, wer flieht, stirbt nach dem Siege!«

25
Wo kornreich Land in üppiger Bewellung
26
Durchströmt die Marn', erhebt gebieterisch
27
Ein grüner Hügel sich in sanfter Schwellung,
28
Bedeckt von Wald und niedrem Strauchgebüsch.
29
Nach seines Gipfels auserles'ner Stellung
30
Fliegt auf den Fahnen Löwe, Greis und Fisch;
31
Bald tönt der Schlachtruf aller Nationen,
32
Die zwischen Tiber, Rhein und Wolga wohnen.

33
An Bannern, Waffen und Gestalt verschieden,
34
Doch gleich an Wut und wilder Tapferkeit,
35
Begegnen die noch nie gekannt den Frieden,
36
Der großen Wandrung Völker sich im Streit,
37
Des Goten Schwert, die Lanze des Gepiden,
38
Des Römers Trotz, des Scythen Schnelligkeit.
39
Ein Wunder ist die Schlacht, so vielgestaltig,
40
An Taten wie noch nie ein Tag gewaltig.

41
Auf Rossen, schnell mit kurzen, schwarzen Mähnen,
42
Stürmt wütend hier das Volk der Hunnen ein,
43
Den kurzen Wurfspeer zwischen ihren Zähnen,
44
Geschuppten Stahl vom Rumpf bis an das Bein.
45
Sie gleichen Wölfen, grinsenden Hyänen,
46
Sie scheinen Pferd und Mensch zugleich zu sein;
47
Den Feind begrüßen sie, mit Zähnefletschen,
48
Die Keulen schleudernd, die sein Haupt zerquetschen.

49
Dort fliegen Lanzen aus der Römer Gliedern
50
Auf Attila's Ostgotenreiterei.
51
Doch diese, statt den Angriff zu erwidern,
52
Braust an dem Zug der Legion vorbei,
53
Und Rache tönt aus ihren Schlachtenliedern,
54
Entsetzen liegt in ihrem Feldgeschrei.
55
Sie suchen über Sterbenden und Toten
56
Zum Kampf das Brudervolk der Wisigoten.

57
Hartnäckig, grimmig, blutig ohnegleichen
58
Bis in die Nacht kämpft man mit höchster Wut;
59
Hoch schwillt der Strom, kaum faßt sein Bett die Leichen.
60
An beiden Ufern suchen in die Flut
61
Verwundete mit Helm und Hand zu reichen
62
Und trinken Freundes so wie Feindes Blut.
63
Erdbeben dürften eine Welt zerstören,
64
Die Kämpfer würden kaum den Donner hören.

65
Zu fallen ist kein Raum, wie erzverbunden
66
Stehn Mann an Mann, beseelt vom Schlachtengeist.
67
Der Gote kämpft, indem er aus den Wunden
68
Das feindliche Geschoß sich lachend beißt,
69
Damit kein Aufschub auch nur von Sekunden
70
Dem heißen Streittag seinen Arm entreißt.
71
Selbst deren Odem schon der Tod vernichtet,
72
Stehn noch wie lebend da mit aufgerichtet.

73
Der Hunne, da die Nacht kam, war geschlagen,
74
Die Schlacht entschied der tapfre Torismund.
75
Doch ward auf einer Bahre schon getragen
76
Theodorich, der Heergreis, todeswund.
77
Sein Sohn, noch stürmend die verschanzten Wagen,
78
Die Sattelburg, worin der Hunne stund,
79
Schrie: »Stürmt ihr Goten, ströme Blut in Bächen!
80
Den Helden, meinen Toten will ich rächen.«

81
Rings um die Wagenburg trotzt undurchdringbar
82
Ein Wall von Pfählen und ein Wall von Mut.
83
Mit schweren Steinen, Waffen kaum erschwingbar,
84
Behaupten sich die Hunnen drin voll Wut,
85
Wie Leu'n in ihrer Höhle unbezwingbar,
86
Ihr König höhnt: Kommt an und laßt das Blut
87
Vom Knöchel steigen bis ans Wehrgehenke,
88
Zur Tiber führ' ich doch mein Pferd zur Tränke!

89
Des Bogens Schaft ergreift nach diesen Worten
90
Sein sieggewohnter Arm, die Sehne schwirrt,
91
Es tönt, als würden von der Gräber Pforten
92
Die schweren Eisenriegel aufgeklirrt,
93
Und rückwärts fliehend sehen Roms Cohorten
94
Auf Sätteln von den Rossen abgeschirrt,
95
Hoch zwischen roten Fackeln unerreichbar
96
Ihn thronen einem Götzenbild vergleichbar.

97
An diesem Schlachttag wurde nicht gerungen
98
Um eines Purpurs, einer Krone Nichts,
99
Das Schicksal hat in jedem Pfeil geklungen,
100
Auf jedem Schild die Schale des Gerichts.
101
Die finstre Nacht hat sich herabgeschwungen,
102
Es lagen da die Toten, bar des Lichts,
103
Und hie und da noch schwer aufatmend stöhnten
104
Die Schwerverwundeten und Unversöhnten.

105
Da rauscht einher ein Zug von schwarzen Schwänen.
106
Die kreisen übers Walfeld. Wo ihr Flug
107
Erschlagne trifft und toter Rosse Mähnen,
108
Da schnaubt das Roß zum Streiter, den es trug,
109
Es wiehert dumpf; es knirschet mit den Zähnen
110
Der Mann, der seinen Gegenmann erschlug,
111
Und weckt ihn auf, zum Kampf sich neu zu schicken
112
Mit müdem Arm, mit todeskalten Blicken.

113
Jungfrauen sind indes die Schwäne worden,
114
Jungfrau'n mit blankem Schwert in dunklem Stahl;
115
Sie wenden sich nach Ost, Süd, West und Norden:
116
Steht auf Erschlagne, kämpft zum andernmal!
117
Da murrt's: Ist noch der Gott nicht satt vom Morden?
118
Walkyren, heischt ihr noch ein Leichenmahl?
119
Belebt euch, Herzen, schließt euch, Todeswunden!
120
Auf, Goten, Franken, auf! Wacht auf, Burgunden!

121
Und aufwacht Feind auf Feind und kämpft erbittert,
122
Helm über Helm und Schwert auf Schwert erschallt,
123
Heerhorn und Schlachtruf tönt, Pfeil, Speerwurf splittert,
124
Blut trieft herab, Panier und Helmbusch wallt,
125
Schild schlägt auf Schild, die finstre Luft erzittert,
126
Wie fester Boden, der von Streichen hallt;
127
Der Streiter Leiber scheinen unzerstörbar,
128
Kein Todesröcheln wird, kein Wehruf hörbar.

129
Indes sich so die bleichen Schatten jagen,
130
Verteilt mit Odin Freia Weg und Wind.
131
Er spricht zu ihr: Wie stehen unsre Wagen?
132
Du weißt, ich bin auf einem Auge blind.
133
Nimm du, die auf der Brust die Wunde tragen,
134
Und ich, die auf dem Haupt getötet sind;
135
Die weißen Rosen ich und du die roten. –
136
So teilten sie die Schlacht, den Sieg, die Toten.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Hermann Lingg
(18201905)

* 22.01.1820 in Lindau, † 18.06.1905 in München

männlich, geb. Lingg

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.