Der Aufbruch der Hunnen

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Hermann von Lingg: Der Aufbruch der Hunnen (1862)

1
Man sagt, zum Lager des Nomadenstamms
2
Kam wandernd einst durch die verbrannten Strecken
3
Ein großer Hirt im grauen Elenwams.
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Sein Antlitz war entstellt von Pockenflecken,
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Sein Leib verzehrt und elend; um ihn schwamm's
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Und kroch's von Raupen, Mäusen und Heuschrecken,
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Die er mit dorngeflochtner Geißel hieb
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Und fluchend vorwärts durch die Heide trieb.

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In seinen hohlen Blicken lag ein tiefer,
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Jahrhundertalter Gram, ein grauer Bart
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Hing lang und wirr vom abgedorrten Kiefer;
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Um seine Schultern saß nach Jägerart
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Ein Tierfell, doch zersetzt, voll Ungeziefer,
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Und wie sein Scheitel, grau und dünnbehaart.
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Um seine Lenden bei der Ledertasche
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Hing wie bei Pilgern eine Kürbisflasche.

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Indem er vor die Lagerwälle saß
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Und Dorne zog aus seinen nackten Füßen
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Und seine Herde rings die Flur zerfraß,
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Sprach er zum Volk umher: Ich soll euch grüßen.
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Ich bin der Hunger; Moos und dürres Gras,
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Gefallner Tiere Fleisch lernt' ich genießen.
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Die Wurzel, die ich aus der Erde riß,
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Dünkt meinem Gaumen noch ein Leckerbiß.

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Ich wohne bald am unfruchtbaren Meere,
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Bald, wo taglang am toten Dromedar
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Die Schakals nagen in der Menschenleere,
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Wo nie der Sand ein Sonnenkind gebar.
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Auch mach' ich oft mit einem Siegesheere
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Vor aller Welt mein Dasein offenbar
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Und lass' in Städten, die sich täglich füllen,
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Die Menschen wütend durch die Straßen brüllen.

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Zu euch jetzt! Wandert aus von euren Sitzen!
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Zieht aus und fort, von mir hinausgeschreckt!
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Durch ferne Länder sollt ihr niederblitzen,
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Wie Hagel, der die Saaten niederstreckt,
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Und wie ein Wolkenbruch in Felsenritzen
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Versiegt und in die Tiefen sich versteckt,
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So sollt auch ihr im großen Völkerbrunnen
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Versiegen gehn. Und jetzt – fort! vorwärts, Hunnen!

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Er sprach's, da ward von unzählbaren Nagern
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Die Heide bald ein ödes Heidegrab.
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Der Hunne sah die Herde täglich magern
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Und einen Boden, der ihm nichts mehr gab.
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Und also zogen sie aus ihren Lagern
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Vom Steppenhochland Asiens herab
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Und wälzten, Volk um Volk in sich begrabend,
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Verheerend sich von Morgen gegen Abend.

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Sie kommen, wie das Herbstlaub von den Ästen,
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Das aufgehäuft im Sturm von dannen fliegt.
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Am Tanais und wo in den Morästen
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Des Schwarzen Meers der große Strom versiegt,
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Entfliehn solch nie gesehnen Schreckensgästen
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Teils unterjocht und teils noch unbesiegt
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Nach Süd und West sich rastlos fortbewegend,
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Die namenlosen Stämme jener Gegend.

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So muß es sein, wenn in den Tropenzonen
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Durch Urwaldnacht ein plötzlich Feuer leckt;
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Im Flug ergreift's die höchsten Gipfelkronen,
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Aus Höhlen, die kein Lichstrahl noch entdeckt,
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Fliehn alle Tiere, die den Forst bewohnen;
62
Der Adler, von dem neuen Tag erschreckt,
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Verläßt sein Nest am tausendjähr'gen Stamme
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Und rauscht empor, ein Phönix aus der Flamme.

65
Zu Boden stürzen uralt dunkle Rüstern,
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Die Äste fliegen prasselnd auf, es blitzt
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Aus Säulen Rauches, die den Himmel düstern;
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Es kocht der See, Fels, Sumpf und Erde schwitzt;
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Die Steppenrosse mit weit offnen Nüstern,
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Die Mähnen hoch, die Adern aufgeschlitzt,
71
Fliehn fort und fort, verfolgt vom Feuerstrudel,
72
Und ihnen nach der Antilopenrudel. –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Lingg
(18201905)

* 22.01.1820 in Lindau, † 18.06.1905 in München

männlich, geb. Lingg

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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