Die Tanzwut

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Hermann von Lingg: Die Tanzwut (1862)

1
Bald nach des schwarzen Todes Zeiten
2
Geschah's, daß eine wilde Lust
3
Zu Tanz und Spiel und Üppigkeiten
4
Durchzuckte vieler Menschen Brust.
5
Es kam ein Not- und Hungerjahr,
6
In Lüften starb der Vögel Schar.

7
Bald sah man Volk, das durch die Städte
8
Am hellen Tag im Jubel zog
9
Und fragte, wo man Geiger hätte,
10
Und tanzend durch die Straßen flog.
11
Schalmei und Flötenspiel ertönten
12
Im Kirchhof und im Kirchengang,
13
Die Toten in den Grüften stöhnten:
14
Erweckt uns schon Posaunenklang?
15
Der Bettler ließ sein Lagerstroh,
16
Vom Kloster kamen Mönch und Nonne,
17
Vom Krankenbett der Sieche floh,
18
Der Säufer von der vollen Tonne,
19
Und Alle sangen: »Frisch und froh
20
Macht euch an die Sonne!
21
Mußtet lang im Dunkel liegen,
22
Demut hegen, Wehmut wiegen;
23
Aber heute seid ihr Leute!
24
Seht ihr wo verlassne Bräute,
25
Seht ihr wo verlorne Kinder,
26
Nehmt sie mit und schwingt sie so,
27
So und so,
28
Immer geschwinder, geschwinder!«

29
So tanzten Arm' in Arme schmiegend
30
In bunten Kleidern Paar an Paar,
31
Den kranken Leib in Sehnsucht wiegend,
32
Voll Anmut, schön und wunderbar.
33
Das Alter schien sich zu verjüngen,
34
Die Jugend plötzlich früh gereist,
35
So sprangen sie mit wilden Sprüngen,
36
Bis Sock' und Sohle durchgeschleift.
37
Die von der Wut ergriffnen Leiber,
38
Ach, wie sie nach dem Wasser schrie'n,
39
Die Männer und die jungen Weiber
40
Man sah sie bitten, weinen, knie'n.
41
Sie tanzten über Flur und Felder,
42
Sie sprangen über Stock und Stein,
43
Sie tanzten in die wilden Wälder
44
Und in den tiefen Rhein hinein.
45
Sie ras'ten fort und fort gezogen
46
Und eilten bis ans Meer voll Weh,
47
Und stürzten in die wilden Wogen,
48
Die Fische spritzten in die Höh'.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Hermann Lingg
(18201905)

* 22.01.1820 in Lindau, † 18.06.1905 in München

männlich, geb. Lingg

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.