Meerfest

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Hermann von Lingg: Meerfest (1862)

1
Hoch ging es her in jenem sonst so stillen
2
Palaste zu Venedig, öd' seit Jahren.
3
Vergessen stand er, unbewohnt, doch heute,
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Nach diesem schwülen Tag, wo selbst die Nacht
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Nicht Kühlung brachte, heut', wie rauscht und wogt
6
Am Tor, auf Treppen, in den Korridoren
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Ein bunt Gedräng' von Gästen, eine Pracht,
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Wie wir auf Bildern Veronese's schau'n.

9
Vom Westen ziehen schwarze Wolken auf,
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Doch hier ist lauter Lust und Leben, aber
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Wie seltsam! Diese Herrn und schönen Frau'n,
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Sie tun so fremd, so eckig und behutsam,
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Als wär' für sie hier alles ungewohnt!
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Die Frauen tragen Perlen nur als Schmuck,
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Als Kranz in ihren Locken und am Saum
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Der fließenden Gewänder. Längs der Tafel
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Sind Schalen aufgestellt aus Bernstein, Vasen,
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Worin, anstatt der Blumensträuße, rote
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Korallen prangen, starr und unbeweglich.
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Nur Muschelhörner sind die Trinkgefäße,
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Und statt von Kerzen ist der Saal erhellt
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Von einem eignen Leuchten, ähnlich dem,
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Wie diamanthell sprüht das Tropenmeer.
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Man neigt sich und verbeugt sich, spricht von dem
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Und jenem, von den Männern, die im Seesturm
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Und die im fernen Kriegszug umgekommen.
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Dort flüstert man vertraut und zärtlich, dort
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Geheimnisvoll und wichtig; Viele sehen
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Sich kalt und feindlich an, und Andre suchen
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Verstohlen sich mit Blicken. Endlich stellt man
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Zum Tanz sich auf. – Sie kommen! hört man flüstern,
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Denn eine Hochzeit ist das Fest. Die Gatten
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Erscheinen unter rauschender Musik;
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Sie sehn sehr vornehm aus und ach, so freudlos,
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So blühend und so kalt, so schön und so
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Dämonisch; Keines ist geliebt vom Andern.
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Die schöne Braut verbirgt in ihrem Schleier
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Mit Mühe nur die Tränen, bleich vor Angst.
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Ihr Gatte sieht es, finster wird sein Blick,
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Denn alles kann er sehn, nur keine Tränen.
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In Falten zieht er drohend seine Stirne,
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Er streift vom Finger ihr den goldnen Reif,
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Und zornig stampft er mit dem Fuß, das Zeichen
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Zum Aufbruch. Alle schrecken auf, ein Blitz
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Durchfährt den Saal, ein Donnerschlag, und plötzlich
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Dringt überall die Flut herein, es werfen
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Die Ritter Hut und Mantel ab, die Maske
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Entfällt von blutlos grinsenden Gesichtern,
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Und mit den Frauen, die verzweiflungsvoll
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Die Arme ringen, sinken sie hinunter,
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Lautlos hinunter in die Tiefe. Siehe!
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Da gleitet durch die Wellen her und stößt
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Ein Fahrzeug an die Pforte, ein Gespann
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Befloßter Pferde, stolz und drachenartig
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Die Schweife ringelnd, Ungetüme tauchen
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Zugleich empor, geschuppte Halbgestalten
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Mit bärtigem Gesicht, und reichen sich
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Die Hand zum Reigen um den Muschelwagen.
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Doch jene Beiden, die Vermählten, schau'n
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Mit tödlich kaltem Hasse sich einander
61
Versteinernd an, als könnten sie nicht satt
62
Des Widerwillens werden ihrer eignen
63
Treulosen, falschen Seelen, und allmählich
64
Mit allem um sie her verwandelt sind sie
65
Und ihr Gefolge bald nebst Roß und Wagen
66
Die Marmorbilder am Portal des alten
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Verlassenen Palastes.
68
Eben bricht
69
Die Dämmrung an, vorüberrudernd singt
70
Sein Lied ein Barkenführer ...

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Lingg
(18201905)

* 22.01.1820 in Lindau, † 18.06.1905 in München

männlich, geb. Lingg

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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