An Christiane von Smiterlöwe

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Ludwig Gotthard Kosegarten: An Christiane von Smiterlöwe (1798)

1
Komm herab von deiner Klageweide,
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Meine goldne Harfe, du mein Ruhm,
3
Meine Trösterin im Lebensleide,
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Meine Lieblingin, mein Heiligthum,
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Meine Sehnsucht, meine süsse Freude,
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Mein gewünschtes einzigs Eigenthum,
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Komm herab, und klinge lind' und leise,
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Süss, wie Kussgelispel, hold, wie Liebesweise.

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Dir, o Freundin, sey mein Lied gesungen,
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Die du liebst der Harfe Zauberklang!
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Gerne fühlt sich deine Brust durchdrungen
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Von der Dichter Weh- und Wonnedrang,
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Gerne deine Seel' emporgeschwungen
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Von des Psalters heilgem Weihgesang.
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Solche Seelen sind dem Dichter theuer,
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Solchen schwillt sein Herz, entbrennt sein schön-
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stes Feuer.

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Meines Blumengartens schönste Pflanze
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Brächt' ich gerne dir zum Opfer dar;
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Flöchte gern' aus meinem Dichterkranze
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Einen Lorbeer in dein blondes Haar;
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Führte gerne dich zum Reihentanze
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In der Grazien und Musen Schaar;
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Reichte gerne dir beym Göttermahle
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Der Unsterblichkeit kristallne Nektarschale.

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Doch ein Geist, durchglüht von Dichterfeuer,
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Ist nicht edler, als ein reines Herz.
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Edel, wie Gefühl für Harf' und Leyer
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Ist Gefühl für Menschenwohl und Schmerz.
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Theu'r dem Engel und dem Menschen theuer
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Ist ein zartes ungefärbtes Herz,
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Dessen Einfalt noch kein Wahn verschraubte,
33
Dem noch Thorheit nicht die schöne Unschuld
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raubte.

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Schöner ist, als Klopstocks schönste Ode,
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Eine That der reinen Menschlichkeit;
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Sie beschämt den Putz der schönsten Mode,
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Lohnt mit himmlischer Zufriedenheit,
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Lächelt, wie ein Engel, Trost im Tode,
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Und geleitet in die Ewigkeit.
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Solcher Thaten viel dir zu erstreben,
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Freundin, sey dein Preis, dein Kranz, dein Heil
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im Leben!

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Sey geadelt mit dem grossen Namen:
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Menschenfreundin — durch ihn edel g'nug,
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Trüge gleich dein Schild nicht Helm und Fahnen,
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Die er schon seit sieben Säkeln trug;
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Wärst du gleich nicht aus des Helden Samen,
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Der den Löwen in der Wüste schlug.
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Menschenadel beugt nur Knie und Rücken,
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Während, Edle, dir die Seelen selbst sich bücken.

52
Schonend decken seines Bruders Blösse,
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Sorgsam kühlen rascher Jugend Gluth;
54
Muthig dulden harte Schicksalsstösse,
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Gross verachten blinde Bubenwuth;
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Giebet Seelenwerth und Geistesgrösse,
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Zeugt von Edelsinn und Heldenblut.
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Solchem Adel huldigt auch der Weise,
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Huldigen des Dichters auserwähltste Preise.

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Was ist Leibesschönheit? was ihr Prangen?
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Was ist Lilienhals und ringelnd Haar?
62
Was sind Purpurlippen, Rosenwangen,
63
Schwanenbrust und schimmernd Augenpaar?
64
Blumen sind sie, gestern aufgegangen,
65
Heut verwelkt, verstoben morgen gar.
66
Unvergänglich sind des Geistes Schimmer;
67
Seine Blüthe welkt, sein Kelch verduftet nimmer

68
Reges Mittleid mit der Menschheit Nöthen
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Breitet Strahlen übers Angesicht.
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Eifer, den Bedrängten zu vertreten,
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Leiht auch matten Augen Glanz und Licht.
72
Leuchtender, als alle Morgenröthen,
73
Leuchtet, Menschlichkeit, dein Angesicht.
74
Solche Schönheit ist die Lust der Geister,
75
Ist des Erdenrunds, ist selbst des Himmels Meister.

76
Soll ich denn dich schön und edel preisen,
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Holde Freundin, so sey tugendhaft!
78
Willst du ernten Lob und Preis der Weisen,
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So besiege niedre Leidenschaft!
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Willst du graden Wegs zum Himmel reisen,
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Ringe wohlzuthun mit reger Kraft! —
82
Schönern Inhalt kann mein Lied nicht singen,
83
Süssern Klanges nicht die goldne Harfe klingen.

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Doch noch einmal, meine goldnen Saiten,
85
Klingt und lispelt, süss, wie Brautgesang!
86
Singt des reinen Herzens Seligkeiten,
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Dass von tiefempfundner Rührung Drang
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Thränen meiner Freundin Aug' entgleiten,
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Und sie hang' hinfort mit süssem Hang
90
An der Tugend, wie am theuren Schatten
91
Hangt der Übrigbliebne zwey getrennter Gatten.

92
Gross ist auch schon in des Staubes Hütten,
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Gross und rein der Tugend Seligkeit.
94
Zwischen Freud' und Weisheit in der Mitten
95
Wandelt sie in lilienweissem Kleid.
96
Überall auf ihren leisen Schritten
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Spriesst das Blümchen Herzensfröhlichkeit.
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Reichlich trinket sie des Kelchs der Liebe;
99
Ihrer Freundschaft Wein wird nimmer schal und
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trübe.

101
Süsses Labsal, reine Seelenweide,
102
Saugt sie aus den Brüsten der Natur.
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Sieh, wie schmückt sich ihr im Feuerkleide,
104
Sieh, wie lacht ihr die smaragdne Flur!
105
Rosen spriessen ihr auf nackter Heyde;
106
Liebend koset ihr die Kreatur.
107
Nur der reinen Seele, der gesunden,
108
Mag dein Kelch, Natur, dein Becher, Freude,
109
munden.

110
Nie versiegt der Brunnquell ihrer Freude.
111
Ihrem Leben mangelt nie Genuss,
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Ihrem Herzen nie ein Trost im Leide,
113
Ihren Lippen nie ein Liebeskuss,
114
Ihrem Geiste nie erhabne Weide,
115
Bis der Ruhe holder Genius
116
Mit gesenkter Fackel still und milde
117
Sie hinüberführt in schönere Gefilde;

118
Wo sie weilt in Amaranthengründen;
119
Wo sie ruht an klarer Bächlein Rand,
120
Die sich murmelnd durch Violen winden;
121
Wo sich Alle, die ins stille Land
122
Vor ihr übergingen, zu ihr finden
123
Und sie freundlich leiten Hand in Hand
124
Durch die lotosreichen Sonnenauen,
125
Die Ambrosia und Nektartropfen thauen;

126
Wo sie einst sich mit des Lichtes Schnelle
127
Von Orion zu Orion schwingt,
128
Nicht mehr blinzelt ob der Sonnenhelle,
129
Mit des Stoffes Trägheit nicht mehr ringt,
130
Schöpfet aus der Weisheit reinster Quelle,
131
Und ins Adytum der Schönheit dringt —
132
Schweiget, schweiget, zu verwegne Saiten!
133
Unaussingbar sind der Tugend Seligkeiten!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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