Was bleibet und was schwindet

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Was bleibet und was schwindet (1798)

1
Es rinnt der Sand der Stunden;
2
Es rauscht der Jahre Flügel.
3
Der Zukunft heilge Siegel
4
Bricht jeder Augenblick.
5
Wie Schlossen Schlossen jagen,
6
Wie Fluthen Fluthen schlagen,
7
So rollt der Strom der Zeiten;
8
Kein Gott ruft ihn zurück.

9
Es kreisst der Zeiten Strudel,
10
Und reisst des Menschen Freuden
11
Und seine tausend Leiden
12
In seinen Schlund hinab.
13
Hast du verjauchzt Secunden?
14
Hast du verjammert Stunden? —
15
Dein Jauchzen und dein Jammern
16
Verschliesst das stumme Grab.

17
Die Ros' erblüht am Morgen.
18
Wie strömen ihre Düfte!
19
Ihr Hauch durchwürzt die Lüfte;
20
Am Abend welkt sie hin.
21
Es lockt im Mayenschatten
22
Die Nachtigal den Gatten.
23
Der May entflieht, und traurig
24
Erstummt die Sängerin.

25
Hoch klingt des Dichters Harfe;
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Sie schmelzt die rohe Jugend,
27
Entflammt zu hoher Tugend,
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Und stärkt zu Edelthat.
29
Der Wandrer kommt im Lenzen,
30
Sein grünend Grab zu kränzen —
31
Umsonst! denn niemand kennet
32
Des Edeln Ruhestatt.

33
Von Durst nach Ruhm und Liebe,
34
Vom Wein der Lebensfreuden,
35
Vom Heldenmuth zu leiden —
36
Wie flammt des Jünglings Blick!
37
Vom Morgen saust ein Lüftchen,
38
Vom Mittag weht ein Düftchen,
39
Umhaucht den Starken — Plötzlich
40
Erlischt sein Flammenblick!

41
In ihrer Myrtenkrone,
42
In lilienweisser Seide,
43
In bräutlichem Geschmeide,
44
Wem blüht die junge Braut?
45
Es flammt die Mittagsschwüle,
46
Es weht die Abendkühle —
47
Und in die kalten Arme
48
Nimmt Tod die holde Braut.

49
Die Zeder trozt den Stürmen;
50
Es trotzt der Fels den Wogen.
51
Es fährt am Himmelsbegen
52
Die Sonn' in stolzer Pracht.
53
Die hohe Zeder splittert;
54
Der stolze Fels verwittert.
55
Einst sinkst du, goldne Sonne,
56
Und kehrst nicht aus der Nacht.

57
Mit diamantnem Griffel
58
Ward es in Erz geschrieben:
59
„was Staub ist, soll zerstieben;
60
„was athmet, soll verwehn;
61
„die vollste Kraft ermatten;
62
„der lichte Tag in Schatten,
63
„die Schönheit und die Jugend
64
„in Moder übergehn!“

65
Welkt, Lorbeern meines Hauptes!
66
Bekränzt mich, Weid' und Wermuth!
67
Die Seele wölke Schwermuth,
68
Das Auge Thränenfluth!
69
Verblühn wird Idens Blüthe;
70
Dein Blick voll reiner Güte,
71
Ellwina, wird ermatten,
72
Erlöschen meine Gluth!

73
Klagt, Saiten, ächzt, ihr Weiden —
74
Doch nein, erjauchzt in Psalmen!
75
Rauscht, Edens ewge Palmen!
76
Mag seyn, dass Staub zerstiebe!
77
Eins, weiss ich, kann nicht sterben;
78
Eins trotzet dem Verderben,
79
Eins spottet der Verwesung —
80
Ein Geist, der Tugend liebt!

81
Ein Geist voll reiner Tugend,
82
Voll Einfalt und voll Liebe,
83
Bezwungen nie vom Triebe,
84
Bleibt ewig jung und schön;
85
Ist Hauch des Mundes Gottes,
86
Ist Blirz der Flamme Gottes,
87
Ist Abglanz seines Lichtes,
88
Kann ewig nicht vergehn.

89
Er stammt nicht von hienieden;
90
Er wird nicht dir zum Raube,
91
Verwesung, gleich dem Staube,
92
Dran ihn sein Schöpfer band.
93
Er sieht den Staub verfliegen,
94
Den Sturmwind um ihn kriegen,
95
Erhebt sich, mächtig, schwingt sich
96
Hoch in sein Vaterland.

97
Sein Vaterland ist droben.
98
Dort leuchten andre Sonnen;
99
Dort quillt ein Born von Wonnen,
100
Die keine Reue trübt.
101
In unbewölkter Klarheit
102
Glänzt dort der Stern der Wahrheit,
103
Der Schönheit Cynosura,
104
Dem Geist, der sie geliebt.

105
Dort werd' ich, meine Ida,
106
Dafern du Tugend liebtest
107
Und schöne Thaten übtest,
108
Dich schimmernd wiedersehn,
109
In lilienweisser Seide,
110
In bräutlichem Geschmeide,
111
In Myrten, welche duftig
112
Dein goldnes Haar durchwehn!

113
Da werd' ich wonnetrunken,
114
Im Amaranthenkranze,
115
In hochzeitlichem Glanze,
116
Ellwinen wiedersehn,
117
Fest an mein Herz sie schliessen,
118
Sie Braut und Schwester grüssen,
119
Und zwischen ihr und Iden
120
Durch Edens Auen gehn.

121
Wer sagt mir an: Wo wandelt,
122
In welchen Blumenfeldern,
123
In welchen Lorbeerwäldern
124
Der Dichter selge Schhaar?
125
Wo klingen Assafs Psalmen?
126
Wo rauschen Miltons Palmen?
127
Wo kränzet Cona's Sänger
128
Sein silberweisses Haar?

129
Es führt der Götter einer
130
Auf raschem Zephyrflügel
131
Mich über Thal und Hügel:
132
„hier wallt die selge Schaar.
133
„hier klingen Miltons Psalmen;
134
„dort rauschen Klopstocks Palmen;
135
„dort kränzt dem Sänger Cona's
136
„homer das graue Haar!“

137
Der edlen Sänger einer
138
Entschwebt des Haynes Nächten,
139
Führt mit der Strahlenrechten
140
Mich zu der hellen Schaar.
141
Mit trautem Brudergrusse,
142
Mit heilgem Weihekusse
143
Empfahn sie mich, und kränzen
144
Des Blöden strömend Haar.

145
„nimm hin! Nimm hin die Harfe!“
146
„vernimm der Flamme Prasseln,
147
„des Sonnenwagens Rasseln,
148
„der Wieh'rer Adlerschwung.
149
„nimm hin, nimm hin die Harfe!“ —
150
Wie bebt, wie tönt die Harfe.
151
Es braust von ihren Saiten,
152
Wie Orionenschwung.

153
Nun strömt des Hymnus Fülle
154
Vom Lorbeerhügel nieder.
155
Der Felshang tönt sie wieder;
156
Es tönet: „Staub zerstiebet.
157
„doch ewig unvergänglich,
158
„doch selig überschwänglich
159
„bleibst du, o Gottgeliebter,
160
„o Geist, der Tugend liebt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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