Helena

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Hermann von Lingg: Helena (1862)

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In Menelaos' goldnem Saale
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Saß Nestor's Sohn und Telemach.
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Sie freuten sich mit ihm beim Mahle,
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Doch als er von Odysseus sprach,
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Barg in des Mantels Purpurhülle
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Der Jüngling rasch sein Angesicht
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Und seiner Tränen dunkle Fülle –
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Nur Helenen entging es nicht.

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Sie kam gleich Artemis geschritten
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Vom duftenden Gemach hervor,
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Ihr stellte an der Tafel Mitten
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Den Stuhl der Dienerinnen Chor,
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Den Teppich brachten sie, den weichen,
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Und eilten, ihrer Königin
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Den Korb von Silber darzureichen,
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Die Spindel und das Garn darin.

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Und so zu Menelaos wandte
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Die Gattin sich von ihrem Thron:
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Wenn ich den Gast dort recht erkannte,
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So ist er des Odysseus Sohn.
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Er sieht – ich mußt' ihn längst betrachten –
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Sprach Menelaos, ganz ihm gleich,
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Und als des Helden wir gedachten,
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Ward auch sein Herz von Tränen weich.

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Es ist so! rief der Nestoride.
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Dem bei der Herzenssaite Ton
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Die Träne bebt' am Augenlide,
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Er ist es, des Odysseus Sohn,
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Des vielerfahrnen, reich an Ehren,
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Dem ach, noch fern in wilder Flut
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Der Heimkehr Tag die Götter wehren,
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Der schon vielleicht im Meere ruht!

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O welche Stunde, reich gesegnet,
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Rief Menelaos, bringst du mit,
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Da mir des Mannes Sohn begegnet,
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Der viel für mich erlitt und stritt!
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Wie wär' er selbst erst mir willkommen!
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Ich räumte eine Stadt ihm ein,
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So sollt' er bei mir aufgenommen
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Bis an sein Lebensende sein.

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Er sprach es, und in Aller Herzen
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Drang Kümmernis und tiefer Gram,
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Daß ein Erinnern aller Schmerzen
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Die großen Seelen überkam.
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Doch Helena stand auf und mischte
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Ein Zaubermittel in den Wein,
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Das vom Gedächtnis weg verwischte
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Jedweden Kummer, jede Pein.

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Und alle Haß- und Zorngedanken,
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Des Unglücks Macht, der Feinde Hohn
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Vergaßen, die den Zauber tranken,
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Nur Helena trank nicht davon.
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Ihr Blick sah nach des Tores Schwelle,
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Sie starrte traumhaft vor sich aus;
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Ihr war, als leuchte Fackelhelle,
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Ein schöner Jüngling trat ins Haus.

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Er war's, der zärtliche Verbrecher,
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Er schwebte lächelnd auf sie zu,
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Doch Menelaos hob den Becher:
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Trink, Helena, vergiß auch du!
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Sieh, schmerzlich winkend schwand der Schatten
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Und wies auf ein noch blutig Erz.
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Es traf ihr Blick den Blick des Gatten,
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Und Todesfrost durchfror ihr Herz.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Lingg
(18201905)

* 22.01.1820 in Lindau, † 18.06.1905 in München

männlich, geb. Lingg

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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