1
Horch, wie sauset der Wind in deinem vertrau-
3
Schau, wie schüttelt sein Hauch
4
Von den Bäumen die letzten, die gelblichen Blätter
6
Siehe, wie treiben sie stumm
7
Auf dem Boden umher, die bebenden schüchternen
9
Weiland die Krone des Baums. —
10
Haben dich oft so sanft in luftigen Schlummer ge-
12
Haben dich oft aus der Ruh
13
Aufgerauscht, und wieder in melancholische Stille
14
Freundlich niedergewiegt.
15
Arme Blättchen, ihr werdet nun ferner in Schlum-
17
Emma nicht säuseln. Ihr rollt
18
Hoch in der brausenden Luft, und bald verwes't ihr,
21
Emma, ich irr' hinauf und hinab im schaurigen
23
Wühl' im raschelnden Laub,
24
Und es hüllet mir Dämmrung die Seele, Dämmrung
27
Jedes welkende Blatt und jedes sterbende Gräschen:
28
„einstens grünt' ich, wie du!
29
„einstens welkst du, wie ich. Wie Gras auf dem
31
„grünen und welken, wie wir.“
32
Rauschendes Blättchen, du irrst. Du täuschest dich,
34
Denn ich bin nicht, wie du.
35
Zwar ich werde verwelken in meiner grünenden
37
Jünglingsstärke zerschillt;
38
Mädchenschöne verblüht. Wir welken, wie Gras
40
Aber wir welken nicht ganz.
41
Freudig entschwingt sich dem Graus der Verwesung
43
Schwebet jubelnd empor,
44
Lebet von Äon zu Äon. Die morsche gebrechliche
46
Welkt und verwes't, wie du!
47
Seufzest du, sterbendes Blättchen? Mich dünkt,
49
Über dein nichtiges Loos.
50
Blättchen, du seufzest mit Recht. Geh, klag' es
52
Er trägt Stern' und Staub,
53
Seinen herrlichen Cherub und seine verduftende Blume,
54
Und den verschmachtenden Wurm,
55
Und dich, seufzendes Blättchen, er kennt und
57
In dem seligen Schooss,
58
Liebt euch und labt euch, und wird sich deines
60
Wie er sich aller erbarmt.
61
Rauschendes Blättchen, wo schwebest du hin? Der
63
Wirbelt dich hoch in die Luft,
64
Höher und immer höher. Du schwindest dem Blicke;
66
Sieht dich nicht ferner. — Doch zuckt
67
Mir durch die Seele, wie Blitz, ein lichtes, ein
69
Gott trägt Stern' und Staub,
70
Sonnen und Monden und Würmchen an seinem er-
72
Wahrt und wärmet sie treu,
73
Und erbarmt sich ihrer Seufzer. Sie seufzen um
75
Dass der vernichtende Arm
76
Sie nicht ergreife, dass sie der tausend tausendmal
79
Leben mögen, und klimmen von Sprosse zu Sprosse
81
Die die Geschaffenen trägt,
82
Bis sie die oberste Stuf' erklimmen, des Endlichen
84
Freue dich, welkendes Blatt!
85
Kehrest wieder im Lenz als schönste Rose des
87
Duftest den Sommer hindurch,
88
Blühst und erblassest, und welkst, und um dich
90
Der du am Busen verwelkst.
91
Lass sie trauern, und traure nicht mit. Im kehren-
93
Hört sie dich einsam im Busch
94
Eine Nachtigall klagen, und weinet dir Thränen
96
Zwar auch die Nachtigall stirbt;
97
Aber es keimt aus der Nachtigall Asch' ein blühen-
99
Edel von Anstand, von Wuchs,
100
Schlank und zierlich, wie unter den Blumen Emma
102
Sey mir, schlanke Gestalt,
103
Sey mir gegrüsst! — Auch du wirst sterben — nicht
105
Wirst du, holdes Gebild,
106
Reifen vom Mädchen zum Engel, vom Engel zum
108
Schwindelt — o schone mein!
109
Schon' und hemme die wiehernden Rosse des Wa-
111
Dass nicht ihr sausender Flug
112
In der Unendlichkeit Strudel mich reisse, die zornigen
114
Mich erfassen und tief
115
Aus der sonnigen Höh', die strahlenden Sphären
117
Schleudern ins donnernde Meer.