Dem Unbekannten

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Dem Unbekannten (1798)

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Ruhst und rastest du denn nimmer, erhabene
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Grosse Mutter Natur? Schlummert die Schnell-
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kraft nie,
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Die den Schooss dir befruchtet,
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Die die säugende Brust dir schwellt?

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Von dem mattesten Strahl, welcher den Morgen
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färbt,
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Regt die Rüstige sich, schafft und zerstört und wirkt,
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Bis die blasseste Rose
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In den Locken des Abends welkt —

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Auf thauduftender Flur schlummert die Mitternacht.
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Seine wolkige Bahn wandelt der müde Mond.
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Ringsum gähnet die Schöpfung;
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Rastlos waltet die Schöpferin,

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Schwirrt im flisternden Schilf, plätschert im Rohr
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des Sumpfs,
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Tränkt die Saaten mit Thau, duftet im Fliederbusch,
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Gurgelt heiser im Frosche,
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Flötet gellend im Wachtelschlag;

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Summt im blühenden Baum aus den Zehntausenden
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Goldner Käfer, beseelt Völker von gaukelnden
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Mücken, schrillt in der Grille
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Flügel, donnert im Wasserfall,

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Thürmt am Saume des Süd Wolken wie Berg'
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empor,
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Wälzt die Berge daher, prasselt aus kämpfenden
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Wolken, zuckt in der Leuchtung,
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Stürmt im brausenden Wirbelwind.

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Die du, heilige Kraft, brünstig das All um-
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schlingst,
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Alles Leben gebierst, alles Geborne nährst,
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Unbekannte, wer bist du?
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Nieerlauschte, wo wirkest du?

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Durch die Adern des All spritzest du flammend
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Blut,
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Kochst in Schachten das Gold, rüttelst den Ocean,
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Wölbst Basalte zu Domen,
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Höhlst kristallene Grotten aus.

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Aus dem Staube herauf rufst du die Pflanzen-
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welt.
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Säuselnd wallet die Saat, säuselnd der Eichenwald.
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Sonnan rauschet die Zeder,
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Würzig duftet das Veilchenthal.

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Stoffen gibst du Gestalt, gibst dem Atom Ge-
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fühl,
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Jubel füllen den Busch, Jubel die blaue Luft.
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Schau, es wimmelt im Tropfen,
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Schau, das Sandkorn bevölkert sich.

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Leben, nimmer gezählt, preisen dich, Künst
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lerin,
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Leben jeglicher Art, Kondor und Colibri,
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Strausspolype und Flusspferd,
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Riesenmuschel und Räderthier.

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Aber lauter, denn sie, preist dich des Menschen
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Geist,
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Dich der Kante Vernunft, dich der Gesang Homers,
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Dich der Zirkel des Newton,
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Dich der Pinsel des Raphael.

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Ahnd' ich Wahrheit? Bist du jenes unendliche,
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Unergründliche Ding, welches des Denkers Loth
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Zu ergründen, der Hymne
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Flug umsonst zu erfliegen strebt?

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Bist du Gottheit? bist du's, welchen die Myrias
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Menschenzunge besingt, den der Mäander
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Den der Jordan
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Den

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Schwindelnd steh' ich am Saum deiner Unendlich-
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keit!
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Eines ahnd' ich: Ich bin deiner Unendlichkeit
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Mitgenosse, bin Tropfe
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Deines stiebenden Flammenborns.

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In des flammenden Borns Silbergeriesel fliesst
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Einst der Tropfe zurück, freut sich der Einigung,
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Und verschmilzt in der Welten
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Allumgürtenden Ocean.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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