8. Verfall

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Hermann von Lingg: 8. Verfall (1862)

1
Schwer ist der Völker Schlaf, wenn eingeschlafen
2
Fern im Gebirg der Adler ihrer Taten,
3
Wenn ihre Banner Fremde niedertraten,
4
Wenn ihre Schiffe ruhn im seichten Hafen.

5
Auf Trümmern blühn Zypressen und Agaven,
6
Und wo sonst Knaben schon um Waffen baten,
7
Stehn jetzt die letzten Männer, stumm, verraten,
8
Und sterben ruhmlos hin wie andre Sklaven.

9
Die Sitten kranken, tot sind Ruhm und Ehre,
10
Die Kraft versiegt, man schlägt die freie Wehre,
11
Man schlägt voll Furcht das freie Wort in Bande.

12
Entschleiert durch die Gassen wallt die Schande,
13
Der Schönheit Blüte reift gemeinen Lüsten,
14
Und schuldig ist das Kind schon an den Brüsten.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Lingg
(18201905)

* 22.01.1820 in Lindau, † 18.06.1905 in München

männlich, geb. Lingg

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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