Das Wehen des Allliebenden

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Das Wehen des Allliebenden (1798)

1
Was stürmst du, meine Seele?
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Was flammst du, Ewige?
3
Woher dein durstig Sehnen?
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Woher dein folternd Weh?
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Die grauen Hügel dämmern,
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Die Fluren duften Ruh —
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Doch unauslöschlich schmachtest,
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Und rastlos schwärmest du!

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Ist Thatendurst dein Dursten;
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Durst nach Unsterblichkeit?
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Auf, gürte dich, und handle!
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Die Bahn ist gross und weit!
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Ists Durst nach schnödem Golde?
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Vergib! Ich wusst' es, nie,
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Nie beugtest du
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Unsterbliche, das Knie.

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Bist du es, Auserwählte,
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Die dieses Schmachten meint?
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Du, die des Nachts dem Träumer,
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Dem Träumer Tags erscheint?
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Nein, nicht dem Staub' entflammet,
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Was diese Leere füllt.
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O, sagt mir an, o nennt mir,
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Was dieses Lechzen stillt! — —

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So rufend, sank ich nieder,
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Und stiller ward das Still.
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Es schwieg das Hayngeschmetter;
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Es schwieg das Sumpfgeschrill.
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Leishorchend hingegossen
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Lag ich am Blumenrand
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Des Bachs. Des Halbmonds Sichel
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Erblinkt', erblasst', und schwand.

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Und dunkler ward das Dunkel
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Ein leises Flistern rann
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Durch Schilf und Busch und Saaten;
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Mich wehten Schauer an
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Es klang in meine Ohren,
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Süss, süss, wie Lautenklang —
39
Woher, woher, o Stimme,
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Die mir das Herz durchdrang? —

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„nicht ist es Durst nach Schätzen,
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„nicht nach dem Lob der Welt,
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„nicht nach der Auserwählten,
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„was dir den Busen schwellt.
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„es ist — Hinweg vom Auge
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„die Binde! Weg vom Ohr
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„die dicke Haut! — O Blöder,
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„schau um dich! schau empor!

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„siehst du des Spätroths Gluthen?
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„des Waldes Düstergrün?
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„die Gräser und die Blumen,
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„die duftend um dich blühn?
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„hörst du der Wachtel Schmettern?
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„siehst du im Gras, im Moos
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„das fröhliche Gewimmel
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„der Leben klein und gross?

57
„o Blöder, o Betäubter,
58
„dich formt' aus feinerm Thon
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„die Hand, die alles formte;
60
„und du verkennst sie schon!
61
„es hängt vor deinen Blicken
62
„des Stoffes dichter Flor.
63
„hinweg, hinweg vom Auge
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„den Staar, die Haut vom Ohr!

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„er, den dein Herz verkennet,
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„und doch mit Inbrunst sucht,
67
„er ist von dir nicht ferne!
68
„wer treu und redlich sucht,
69
„mag leichtlich ihn gewahren.
70
„er schwebet um dich her
71
„im Frühroth und im Spätroth,
72
„zu Land' und auf dem Meer!

73
„ihm, ihm, du Vielbegabter,
74
„entflammst du, ihm allein!
75
„ihn meint dein heisses Schmachten!
76
„ihn ruft dein lautes Schreyn!
77
„dein Geist, den Ursprung ahnend,
78
„verachtend Erdenleid,
79
„verschmähend Erdenwollust,
80
„heischt reinre Seligkeit.

81
„bey Ihm, bey Ihm ist Letzung.
82
„sein Nam' ist Wunderbar,
83
„sein Wesen Lieb' und Leben,
84
„sein Wann ist Immerdar,
85
„sein Wo ist Allenthalben,
86
„sein Ebenbild bist Du!
87
„sey stolz auf dich, mein Bruder!
88
„du bist sein Abglanz, du!“

89
So sprachs; und Bind' und Decke
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Entrollten meinem Blick.
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Ich sah' es um mich schimmern,
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Und bebte bang' zurück.
93
Nicht wagte der Verzagte
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Noch einmal aufzusehn;
95
Doch hört' ich seine Stimme
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Im Abendsäusel wehn.

97
Nun knie't' ich, anzubeten,
98
Ins Gras. Wie feyerlich
99
War mir! wie unaussprechlich!
100
Wie brannt', wie schauert' ich!
101
Ich hab', ich hab' dich funden,
102
Dich, Wunderbarer, dich,
103
Und nie will ich dich lassen —
104
Ach segne, segne mich!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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