Thomson's Hymne

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Thomson's Hymne (1798)

1
So rollt in nimmermüdem Reihentanz,
2
So ändert sich das Jahr, und mannigfach
3
Verklärt sein Wechsel, grosser Vater, dich.

4
Im holden Frühling webet überall
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Dein zarter Liebesodem. Weit und breit
6
Ergrünen die Gefilde. Wohlgeruch
7
Durchweht die Luft. Der Berge falbes Moos
8
Wird jung. Das Waldthal lächelt. Freude strömt
9
Und Leben sprüht in jedes offne Herz.

10
Doch voller noch, und noch gewaltiger
11
Verklärt, o Gott, sich deine Glorie
12
In schwüler Pracht des Sommers. Mächtig reift
13
Der Sonne kochend Feuer Obst und Korn.
14
Oft hören wir in lautem Donner dich,
15
In sanftem Lispeln oft, um Mitternacht,
16
Wann sinkt des Abends und der Frühe Thau.

17
Der Herbst erscheint. Nun öffnet mildiglich
18
Sich deine Hand und spendet Segen aus.
19
All Auge harret dein. All Leben speist
20
Und sättigt sich an deinem reichen Tisch.

21
Im Winter, Ewger, wie so feyerlich,
22
Wie furchtbar ist dein Kommen! Sturmesnacht
23
Und Wolkendunkel hüllen deinen Thron.
24
Auf Wetter rasselt Wetter. Hagel rauscht
25
Vor Wirbelwinden her. Gewaltig fährst
26
Du auf der Winde Wagen. Bange knieet
27
Die Welt, und schaut dir stumm und schweigend nach.

28
Geheimnissvoller Reigen, welche Kraft
29
Hat dich geschürzet? Welche Meisterhand
30
Hat dich mit so viel Kunst und Lieblichkeit,
31
Hat mit so sanften Übergängen dich
32
Verschmolzen in einander? Alles stimmt
33
Zu Einem grossen Ganzen. Alles reisst
34
Den Geist mit sich in schnellem Fluge fort.

35
Zwar wandelt oft, des Feldes Thieren gleich,
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Der Mensch gedankenlos die Wunder durch,
37
Vernimmt sie nicht, verkennt die Meisterhand,
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Die Welten wägt, und Himmelssphären wälzt,
39
Der Erde nie enthüllte Schooss durchwirkt,
40
Im Frühling Millionen Keime schafft,
41
Die Keime schwellt durch heisse Sommergluth,
42
Mit ihren Früchten uns im Herbste speist,
43
Und stürmend dann das Jahr in Schlummer wiegt.

44
Vernimm es, du Natur! Ihr Leben all,
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Vernehmts, so weit der Himmel euch umspannt!
46
Vereint euch, anzubeten! Flammend steig',
47
Und lodernd euer Loblied himmelan!

48
Die ihr den Hayn durchflistert, flistert ihm,
49
Ihr Abendlüftchen, leises Lob! Er ists,
50
Dess Geist in eurer frischen Kühle weht.
51
Erzählt von ihm dem ahndungsvollen Hayn!
52
Erzählt dem Fichtenwald, der übern Fels
53
Hochrauschend braune Schauerschatten wirft.

54
Ihr, deren kühnre Stimme ferne tönt,
55
Die ihr die Welt in Schrecken brüllt; empor,
56
Ihr Stürm', empor schwingt euer wildes Lied
57
Zu Dem, der euch die Macht zu toben gab.

58
Preist ihn, ihr Flüsse! Bächlein, bang und scheu,
59
Verschweigt sein Lob dem stillen Wandrer nicht!
60
Ihr Ströme, königlich und stolz und wild,
61
Ihr sanftern Wellen, die ihr durch das Thal
62
Bescheiden rieselt. — Majestätisch Meer,
63
Du Welt verborgner Wunder in dir selbst,
64
Lobsing, lobsing' ihm laut! Er ruft: „Erbrüll!“
65
Und du erbrüllst! „Erstumm!“ und du erstummst!

66
Ihr Kräuter, Pflanzen, Bäume! Duftgewölk
67
Entwall' euch, süsser Weihrauch vor dem Herrn!
68
Denn seine Sonne kräftigt euch. Sein Hauch
69
Entsäuselt euch. Sein Pinsel mahlet euch!

70
Beugt euch, ihr Wälder! Saaten, neigt euch ihm,
71
Und haucht Entzücken in des Schnitters Herz,
72
Indem er heim zur lieben Hütte wallt,
73
Indem ihn heimgeleitet Gottes Mond.

74
Die ihr am hohen Himmel wacht, dieweil
75
Die Erde sorglos schlummert, funkelt schön
76
Ihr Sterne! Überstrahlt der Sterne Glanz,
77
Und rührt die goldnen Harfen, Seraphim!

78
Quell alles Lichts, des Schöpfers schönstes Bild
79
Hienieden, Born der Leben überall,
80
O Sonne, Buchstab sey dein bleichster Strahl
81
Im grossen Buche der Natur! Es sey
82
Des Buches Thema Eines: Herr, dein Lob!

83
Der Donner rollt. Knie nieder, Welt, und horch!
84
Von Wolk zu Wolke rollt der hohe Psalm.
85
Ertöst in euren Schachten, Berge! Kracht
86
In euren Festen, Felsen! Dumpfes Thal
87
Hall wider seine Stimme. — Nah ist, nah
88
Der grosse Hirte, nah sein selig Reich!

89
Erwacht, ihr Wälder all! Dem Hayn, dem Forst
90
Entströme gränzenloses Lob! Und wann
91
Der laute Tag verstummt, die Wache Welt
92
Müd niederschlummert, süsse Nachtigall,
93
O, so entzücke du die stille Nacht,
94
Und lehr' die Dämmrung deines Meisters Lob.

95
Vor allen ihr, für die die Schöpfung lacht,
96
Ihr, aller Dinge Zunge, Herz und Haupt,
97
Krönt, Menschen, krönt den Psalm! Versammelt euch
98
In euren stolzen Münstern, Städter; schlagt
99
Die feyerliche Orgel; stimmet an
100
Den heil'gen Chorgesang, und jedes Herz
101
Entzünde sich, und jedes Herzens Flamm'
102
Ergreif die Schwesterflamme, lodre hoch
103
Zum Herrn empor ein allgemeiner Brand!

104
Und decket euch ein ländlich Schattendach,
105
Ergreift Anbetung euch im düstern Hayn,
106
So weckt auch dort des Schäfers Flöte, weckt
107
Der Jungfrau Lied, des Dichters Saitenspiel!
108
Ein Seraph flistr' euch zu, und euer Psalm
109
Sey Gott der Herrscher, der die Zeiten misst.

110
O Lob des Herrn, vergess' ich deiner je,
111
Mag blühn des Lenzes Blume, mag der Strahl
112
Des Sommers flammen, mag der milde Herbst
113
Begeisternd schimmern, mag im kalten Ost
114
Der Winter thürmen sein umstöbert Haupt,
115
Vergess' ich deiner je, o so erstumm',
116
Entzückte Zung'! Erlahme, Phantasie!
117
Hör' auf zu schlagen, undankbares Herz!

118
Und bannte mich des Schicksals strenger Schluss
119
An einen fernen unbewohnten Strand,
120
An nie besungne Ufer, wo die Sonn'
121
Hindostans Berge steigend röthet, wo
122
Ihr schräger Abendstrahl auf Inseln streift
123
In unbeschifften Meeren — Immerhin!
124
Allgegenwärtig ist, und allgefühlt,
125
Allsichtbar und allhörbar ist mein Gott
126
In dir, o wilde Wüste, wie in dir,
127
Volkreiche Königsstadt. Sein Odem weht,
128
Und schafft der Freuden Fülle überall.

129
Und wann dereinst die letzte Stunde schlägt,
130
Die meinen Geist zum wunderbaren Flug
131
In jene Welt beschwingt; wie will ich da
132
Mich freuen, will mit neubeschwingter Kraft
133
Die neuen Wunder singen! Kann ich seyn,
134
Wo nicht in ihrem Schooss mich wärmt und wahrt
135
Die ewge Liebe, die die Welten trägt,
136
Die scheinbar'm Übel ächtes Gut entlockt,
137
Dem Guten Bessres, und dem Besseren
138
Noch einmal Bessres, bis das Beste wird
139
Von Ewigkeit zu Ewigkeit! — Doch ach!
140
Mein Geist erliegt des Unaussprechlichen,
141
Des Unaussingbar'n nie erreichtem Lob.
142
Komm, ausdruckvollres Schweigen, feyr' ihn du!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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