Hymne an die Tugend

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Ludwig Gotthard Kosegarten: Hymne an die Tugend (1798)

1
Dichten will ich ein Lied der unvergänglichen
2
Tugend.
3
Dichten will ich es heiss und kühn, dass, wer
4
sie verkannte,
5
Schnell aufspringe, die Hohe zu suchen, und wer
6
sie errungen,
7
An die Brust sie drücke mit voller Bräutigams-
8
inbrunst.

9
Tugend, Himmelgeborne, der Gottheit edelste
10
Gabe,
11
Labsal ewiger Geister, des Jünglings Sehnsucht,
12
des Mannes
13
Fernher strahlendes Ziel, des Greises theuer er-
14
rungnes
15
Höchstes Gut — Vergönne du Göttliche, dass ich
16
die Schwelle
17
Deines Heiligthums schauernd beschreite, dass ich
18
des Schleiers,
19
Welcher dein Angesicht deckt, den Zipfel, den
20
äussersten, lüpfe;
21
Dass ich schaue den Reiz, in welchen entbrannt,
22
die Heroen
23
Jeglicher Zeit und jeglichen Volks, in Gefahren
24
und Tode
25
Freudig sich stürzten, und gross und berühmt und
26
unsterblich sich starben,
27
Weil sie starben für dich. Ich sehe die Himmlische.
28
Dämmern
29
Seh' ich die Formen der Göttergestalt im fliessenden
30
Zwielicht.
31
Schauer ergreifen das Herz, und heilige Schrecken
32
den Kühnen.

33
Tugend, Tugend, der Gottheit Schoosskind,
34
Schutzgeist der Menschheit,
35
Tugend, wie bist du schön! Vor allen Töchtern
36
des Himmels
37
Schön und lieb und geschmückt mit herzbesiegenden
38
Reizen!
39
Wie so edel die Stirne gewölbt! Das gebietende
40
Auge
41
Flammen schleudernd! Die Wangen geröthet von
42
Thatenbegierde!
43
Lilienweiss dein Gewand, geschürzt mit dem Gürtel
44
Aurorens.

45
Tugend, kräftige Rebe, gepflanzt vom Schöp-
46
fer, gediehen
47
Durch des Himmels Regen und Thau zum schatten-
48
den Weinstock!
49
Siehe, wie funkeln an ihr, wie glühen die pur-
50
purnen Trauben!
51
Schau, wie perlt im goldenen Becher der duftende
52
Heilsaft!
53
Welcher dürstet, der komm'! und wessen Lippe
54
geweiht ist,
55
Komm' und trinke des köstlichen Weines, und
56
schwöre, von nun an
57
Nimmer zu kosten der Sinnlichkeit Kelch, noch
58
den Becher der Wollust.

59
Tugend, wie bist du süss dem Liebling, dei-
60
nem Erkohrnen!
61
Wie der einsamen Braut das Angedenken des Trau-
62
ten!
63
Wie des heiligen Liedes Besuch der Seele des
64
Dichters!

65
Tugend, wie bist du stark, du Unüberwind-
66
liche Gottes!
67
Bändigst die Lieb' und den Tod, die Bändiger jeg-
68
licher Stärke;
69
Lächelst, goldene Aehre, dem Stahl des Schnitters
70
entgegen;
71
Opferst grossmuthvoll dein Letztes Bestes dem
72
Schicksal.

73
Auf von der Erde, hindurch die Luft, weit
74
über die Sterne
75
Wehet der Duft, erschallt der Ruf der Thaten der
76
Tugend.

77
Melde, mein Lied, damit dich der Spötter des
78
Dünkels nicht zeihe,
79
Melde, was Tugend ist, damit du spottest des
80
Dünkels.

81
Hemme den Flug ein wenig, Begeisterung! Lass
82
uns die Schwester,
83
Lass uns, was Tugend sey, die kühlere Denkerin
84
fragen! —

85
Nannten die Weisen dich nicht das Leben des
86
Geistes, sein wahres
87
Unabhängiges Seyn, des Gemüthes kostenden Gau-
88
men,
89
Sein leishörendes Ohr, sein sorgsam prüfendes
90
Auge,
91
Seinen sicheren Schritt auf graden Pfaden des
92
Rechtes,
93
Seine Monarchengewalt, zu steuern den lüsternen
94
Sinnen,
95
Dass nicht den göttlichen Geist der Wollust Schlaf-
96
trunk entmanne,
97
Dass nicht des Schmerzes Wuth der ewige Heros
98
erliege?

99
Bist du nicht, Hehre, der Saiten der Seele
100
lauterste Stimmung,
101
Ihr harmonischer Einklang in die Akkorde der
102
Schöpfung,
103
Ihr Einfugen im Gliederbau der sittlichen Ord
104
nung,
105
Ihr Behagen an sich, ihr Gernedaheimseyn, ihr
106
Jauchzen,
107
In sich selbst, im Lebensgefühle der vollen Ge-
108
sundheit!

109
Bist du nicht, Holde, die süsse, die selige
110
Liebesempfindung,
111
Welche den Geist hinneigt zur uranfänglichen
112
Schönheit,
113
Ihr Mitwirken zum sicherberechneten Besten des
114
Ganzen,
115
Ihr Hinschaun auf das Eine Nothwend'ge, ihr herz-
116
liches Sehnen,
117
Ihr unermüdsames Streben, zu schaffen in sich,
118
und um sich
119
Höhere Ordnung, lichtere Klarheit, reineren Ein-
120
klang?

121
Schau, wie quellen, wie rieseln, wie rauschen
122
in mächtigen Fluthen
123
Nie versiegende Ström' aus dem unausschöpflichen
124
Urborn,
125
Und durchwässern das Land, und schwängern es,
126
dass es gebäre
127
Kräftige Keim'; es schossen die Keim' im Antlitz
128
des Himmels,
129
Blühn und wehn weit über die Flur in wogenden
130
Saaten.

131
Reine Jungfrau, wie sind aus deinem züchtigen
132
Schoosse,
133
Wie der Söhne so viel, so viel der Töchter ent-
134
sprossen!
135
Siehe, wie schweben die Schönen dahin, wie stei-
136
gen die zarten
137
Reinen Täublein, die freudigen sonnanfliegenden
138
Adler,
139
Lauschend auf deinen Wink, gerüstet, den Wink
140
zu vollführen!

141
Lass mich singen die stattlichen Söhne, die
142
blühenden Töchter!

143
Der du, ernsten Blicks, gehorsamheischenden
144
Anstands,
145
Hader schlichtend, und Frieden gebietend, und
146
Brüder versöhnend,
147
Jene Schaaren durchwallst; wer bist du, Himmel-
148
geborner?
149
Rede, wer bist du! wer trittst du einher so
150
trotzigen Schrittes?
151
Sey mir gegrüsst in deinem Vermögen! Dich grüssen
152
die Völker,
153
Grader gerechter Sinn! Des Rechtes ewiger
154
Eckstein!
155
Goldner Pfeiler der himmlischen Ordnung! Schrecken
156
des Drängers!
157
Aber der Leidenden Hort, ein Schild der flüchten-
158
den Unschuld.

159
Siehe, wie birget so blöde sich hinter dem
160
schattenden Mayen,
161
Wie so sittsam verhüllt, umrollt von fliessenden
162
Locken,
163
Feuernd die Wange von Scham, die Brust von
164
Rosen umduftet,
165
Liebenswürdig und allgeliebt die heilige
166
schuld!
167
Ach, wie senkt sich ihr Blick vor jedem fremderen
168
Anblick!
169
Ach, wie erschrickt ihr Ohr vor jedem leisen Ge-
170
flister!
171
Ach, wie zittert ihr Herz von ungestandnen Ge-
172
fühlen!
173
Warum fliehst du, wie schüchterne Rehe des Wal-
174
des, Geliebte?
175
Hüte dich! Rein ist dein Kleid; dass der Gasse
176
Staub es nicht schmutze!
177
Zart dein Antliz; dass nicht der sengende Mittag
178
es bräune!

179
Aber geschmiegt an die göttliche Mutter, mit
180
trauerndem Anstand,
181
Mit gesenkterem Blick, mit thränenschimmernden
182
Augen,
183
Seufzergehobner Brust, und mitleidlächelnder
184
Lippe,
185
Redet, wer ist sie, wer sieht sie so trüblich, ein
186
Stern aus des Abends
187
Thauendem Dufte? — Ich kenne dein Antlitz —
188
die segnenden Völker
189
Nennen dich
190
Tochter der Mutter,
191
Dich, den Liebling der Erd' und des Himmels.
192
Reges Erbarmen
193
Schwellet dir ewig die Brust, und ewig nässen die
194
Augen
195
Thränen des Mitleids. Die Plagen des Lebens, der
196
Stachel der Armuth,
197
Und des Schmerzes durchdringender Schrey, der
198
schweigende Jammer,
199
Den nur die Mitternacht hört; der Trennung Herz-
200
leid, der Jammer
201
Brechender Augen und berstender Herzen, der
202
Übriggebliebnen
203
Trostverschmähendes Händeringen, zerfleischet, zu
204
Weiche,
205
Dir das fühlende Herz; doch schweigst du, eilest
206
und rettest.
207
Schau, wie sie schleicht mit schwellendem Schooss in
208
die Hütte der Armuth!
209
Sieh, wie sie träufelt Öl und Wein in die Wunden
210
des Siechthums!
211
Wie sie sich grämt mit dem düsteren Gram! zur
212
stummen Verzweiflung
213
Setzet sie auf den Gräbern sich hin, und waget
214
den stummen
215
Starren Schmerz zu mildern in heilende Wehmuth. —
216
Wie schallt es
217
Hoch um die Göttliche her von Dankgestammel,
218
von lautem
219
Lobgepreise, von Stimmen der segnenden Liebe!
220
Die Stimmen
221
Klingen der Edlen, wie Lispel aus Edens seligen
222
Chören.
223
Sie durchströmet der Götter Gefühl, das nimmer-
224
gesungne,
225
Nimmerzusingende Himmelsgefühl, unsäglich zu
226
lieben,
227
Und unsäglich geliebt zu seyn, wie die selige Gott-
228
heit.

229
Neben der Göttlichen strahlst, in voller Reife
230
der Schönheit,
231
Du, o Lockens und Kants und Sokrates Freundin,
232
o
233
Schau, wie sie heftet den prüfenden Blick auf das
234
Wahre, das Gute!
235
Wie sie folgt mit geschärftem Auge dem Fluge des
236
Denkers!
237
Wie sie worfelt die Spreu von dem reinen Weizen,
238
die Schlacken
239
Siebenmal abschmelzt, eh sie des lauteren Goldes
240
sich freuet!
241
Sinnend geht sie einher am Rande des Baches, und
242
spähet
243
In der Natur verborgenem Schooss. In die Tiefen
244
des Erdballs
245
Steigt sie hinab, und erfliegt in gestirnten Nächten
246
den Himmel.
247
Jegliche Feder und jegliches Rad des gewaltigen
248
Uhrwerks,
249
Alles Endlichen Maass und Zahl und Inhalt er-
250
forscht sie;
251
Jegliche Falt' im Herzen der Menschen entblättert
252
sie; jede
253
Chiffer im offenen Buch des Menschengesichts liest
254
sie.
255
Jeder leisen Begier und jeder dämmernden Ahn-
256
dung
257
Folgt sie durch labyrinthische Gäng' in das heilige
258
Dunkel
259
Ihrer Geburt. Sie ergründet des Wissens schwin-
260
delnden Abgrund,
261
Misst die Kräfte, und reiht die Geschlechter, und
262
ordnet die Arten,
263
Unermüdsam besorgt, zu fassen die Regel des
264
Ganzen,
265
Einzugreifen mit rüstiger Kraft in der herrlichen
266
Schöpfung
267
Starkes Getrieb', in die Axe des unermesslichen
268
Weltalls —
269
Wachsende Sittlichkeit zu fördern, und steigende
270
Gnüge.

271
Siehe die Zwillingsschwester der Weisheit; die
272
Mutter gebar sie
273
Neben der frühern, und nannte sie
274
Frisch ist ihr Ansehn;
275
Schlank ihr Wuchs; behend ihr Bewegen; die Gluth
276
der Gesundheit
277
Färbt ihr den blaugeaderten Arm und die Fülle der
278
Wange.
279
Denn sie leeret nur halb des Weins berauschenden
280
Becher;
281
Sparsam geneusst sie der Frucht des Halms, und
282
des Saftes der Palme;
283
Nimmer verwöhnt ihr den Gaumen die kitzelnde
284
Würze des Auslands.
285
Nimmer ertappt sie die goldene Sonn' in späterem
286
Schlummer.
287
Jede niedre Begier und Gunst erschlaffender Wol-
288
lust
289
Opfert sie willig dem edleren Dienst der Schwester,
290
der Weisheit.

291
Diese die göttlichen Kinder der göttlichen
292
Mutter. Die Bosheit
293
Zürnt' ob ihrer Schöne, verschwor sich, ewige
294
Fehde
295
Ihnen zu bieten. Da ward dem waffenlosen Ge-
296
schwister
297
Ein Beschirmer geboren, ein kriegrischer Bruder.
298
Gewaltig
299
Ist sein Arm, wie der Blitz, sein Schild ein fun-
300
kelnder Demant,
301
Seine Lanze gestählt in Sirius feurigem Ofen.
302
Heldenmuth ist sein Name. Sein Thun ist Schwei-
303
gen und Retten.
304
Mächtig bahnt er die Pfade des Rechts dem richten-
305
ten Bruder;
306
Fürchterlich bäumt er die strahlende Lanze zu schir-
307
men die Unschuld.
308
Jede grelle Gefahr, die, ein Riesengebirg', vor ihm
309
aufsteigt,
310
Überspringt er, wie Maulwurfshügel. Der Tück'
311
und der Bosheit
312
Schleudert er Kling' und Schaft der splitternden
313
Lanz' an die Stirne.
314
Sieh, wie er spottet in seinem Vermögen des Wüthe-
315
richs Ohnmacht!
316
Wie er so ruhig steht dem hämisch grinsenden
317
Tode!
318
Flammen sprühet sein Blick, und Strahlen die Stirne.
319
Gewaltig
320
Schwillt ihm die Sehne, gewaltig der zuckende
321
Muskel. Es strafft sich
322
Jegliche Kraft in ihm, zu retten die leidende Un-
323
schuld,
324
Zu zermalmen den Dränger, zu sühnen jegliche
325
Thräne,
326
Die er entpresste, mit lauen Strömen des schuldi-
327
gen Blutes.

328
Tugend, wie lächelst, wie prangst du in Mit-
329
ten deiner Erzeugten!
330
Wer mag nennen die Kinder, die deiner Wurzel
331
entsprossten,
332
Wer ermessen die Thaten, die ihren Rechten ent-
333
blitzten!
334
Wer erzählen die Namen der Edeln, der Helden
335
und Weisen,
336
Welchen du würdigtest, Hehre, zu zeigen das
337
göttliche Antlitz,
338
Dass sie, von deiner Schöne gerührt, entzündet in
339
Liebe,
340
Schnell an die duftende Brust dir sanken, vom lin-
341
den Gesäusel
342
Deines Athems beseelt, gekräftigt durch deine Um-
343
armung
344
Thaten thäten, darob der staunende Erdkreis auf-
345
stand!

346
Soll ich singen die Namen der Helden, die
347
Preise der Thaten,
348
Welche flammen in Sternenschrift am Bogen des
349
Himmels,
350
Welche verkündigt die Vorwelt der Zukunft, der
351
Äon dem Äon,
352
Welche der späte Enkel, der Jüngling werdender
353
Zeiten,
354
Hört, und entbrennt, auffährt aus schönen Träumen,
355
sich grämet,
356
Dass er nur träumte, ergrimmt ob seiner Dunkel-
357
heit, aufspringt,
358
Strebt, wie die Väter zu seyn, und gleich den
359
Vätern berühmt wird? —
360
Singe sie nicht, mein Gesang! In der Zeiten strö-
361
mendem Jubel
362
Würde doch nur unhörbar dein leises Lispeln ver-
363
hallen,
364
Wie das Säuseln des Blattes im tausendstimmigen
365
Sturmwind.

366
Aber singe die selige Ruhe der Tugend, den
367
Frieden;
368
Singe, welchen die Hohe gewähret dem Sohne des
369
Staubes,
370
Welcher die Himmlische sich erkohr zur Braut und
371
Gespielin.

372
Heil dem Gottgeliebten, dem Freund und Jün-
373
ger der Tugend!
374
Mög' er wohnen in leimerner Hütte am Rauschen
375
des Baches,
376
Mög' er weiden mit Ruthen des Bachs die wollige
377
Heerde,
378
Mög' er wohnen in thürmender Burg, und mit gol-
379
denem Zepter
380
Nationen weiden — Ihm ist das goldene Zep-
381
ter
382
Leicht, wie des Hirten Gerte; dem Hirten die
383
schwanke Gerte
384
Lieb und werth, wie dem Völkergebieter das
385
dene Zepter.

386
Heil dem Günstling des Himmels! In abgeschie-
387
dener Stille
388
Fühlt er sich glücklich, und glücklich im Strudel
389
der schwindelnden Menge.
390
Nimmer bewölkt sch sein innerer Mensch. Es er-
391
starret sein Busen
392
Nimmer im öden Frost der Seelenleerheit; und
393
nimmer
394
Senget ihm aus den Röhren das Mark der Leiden-
395
schaft Samum.

396
Heil dem Vielbegabten, dem Nimmerdarbenden!
397
Nimmer
398
Mangelt der Schatz ihm, den Diebe nicht stehlen,
399
und Flammen nicht fressen.
400
Du, o Mässigkeit, bleibst ihm, und du, o Seelen-
401
genüge!

402
Heil dem Gerechten! Wie steht er so freudig,
403
so sicher! Der Schrecken
404
Sträubet ihm nimmer das Haar, noch bleichet die
405
Furcht ihm die Wangen.
406
Seine Thaten lagern sich um ihn, ein schirmendes
407
Kriegsheer.
408
Furchtlos tritt er einher. Statt einer ehernen
409
Mauer
410
Dient ihm, vor keiner Schuld zu erblassen, vor
411
keinem Verbrechen.

412
Selig ist er. Der Eymer der Freuden leeret sich
413
nimmer,
414
Nimmer der Becher lieblicher Kühlungen, welcher
415
ihn labe,
416
Wenn ihn die Schweisse der Tugend ermatteten,
417
weil er die Lasten
418
Seiner Brüder, und eigene Lasten, zu treulich ge-
419
tragen.

420
Hehre Göttin, mein Herz entbrennt dir. Das
421
glänzende Auge
422
Weinet dir nach, o allmitleidige Freundin des
423
Kummers.
424
Schonend beschwichtigest du des Lebens schluch-
425
zende Klagen.
426
Über fliesst von Tröstungen Gottes dein goldener
427
Becher.
428
Süss ist dem Gramerschlafften, an deinem Busen zu
429
athmen,
430
Lieblich dem Jammermüden, in deinen Armen zu
431
schlummern.

432
Tugend, Tugend, der Gottheit Funke, Fackel
433
des Himmels!
434
Wehe mir, heilige Flamme, voran auf nächtlichem
435
Pfade,
436
Dass nicht irre die täuschende Nacht den zweifeln-
437
den Wandrer.

438
Tugend, Tugend, der Menschheit Glorie, Lä-
439
cheln des Geistes,
440
Nieversiegender lauterer Quell der lautersten Freu-
441
den,
442
Einziges, was hienieden nicht Tand, noch Täu-
443
schung, noch Traum ist,
444
Einzige, deren Genuss nicht Reue gebieret, noch
445
Ekel,
446
Einzig unabhängige Seligkeit, immer dir selbst
447
gleich,
448
Nimmer ändernd, und nimmer alternd, und nimmer
449
ermüdend,
450
Unaussingbare Würde des Geistes, Leben des Le-
451
bens,
452
Thätig wie Frühling, gewaltig wie Jugend, süss
453
wie die Liebe,
454
Wollest dich, Heldin, erbarmen des rastlos schwär-
455
menden Jünglings
456
Wollest letzen an deinem Busen sein Dursten und
457
Schmachten,
458
Wollest ihn lullen in deinem Schooss in heilenden
459
Schlummer.
460
Hab' ich dir nicht, wie der Amme der Säugling,
461
entgegengezappelt?
462
Hab' ich dir nicht entgegengedurstet, wie Auen
463
dem Regen?
464
Hab' ich nicht fest an dir gehalten im schütternden
465
Sturme?
466
Wollest nicht von dir stossen, o Gute, den flehen-
467
den Waller!
468
Wollest ihn bergen und retten bey dir, damit ihn
469
der Jugend
470
Leidenschaftliche Gluth nicht entnerve, damit er
471
nicht ewig
472
Nach verwehetem Rausch hinstarr' in grässliche
473
Kälte!
474
Wollst aufhauchen in seinem Innern dein heiliges
475
Feuer,
476
Dass er Flüge des Adlers auf Sonnenbahnen er-
477
fliege!
478
Wollest ihm reichen dein Schwert, ihm gürten die
479
rüstige Lende,
480
Dass er steh' ein freudiger Held in Schlachtenge-
481
tümmel,
482
Dass er trotz' an deinem Busen dem Neide des
483
Schicksals,
484
Dass er vergesse bey deinem Kuss, in deiner Um-
485
armung,
486
Was er an
487
nenlocken,
488
Süss wie Lilienduft, und rein wie Lilienblüthe! —

489
Heimische Erde, du bist der Gräber Heimath.
490
Des Wandrers
491
Fusstritt schwindet spurlos dahin. Sein Name ver-
492
hallet,
493
Wie der Gesang des Vogels im Walde. Die Winde
494
des Himmels
495
Kämpfen um seinen Staub. Ach, tröste mich, ewige
496
Tugend,
497
Tröste mich, wenn mich umrauschen des Todes
498
nächtliche Flügel,
499
Wenn mich, ein Meuchelmörder, ergreift der Ge-
500
danke des Tilgens
501
Aus der Lebendigen Land', und aus der Seele der
502
Lieben —
503
Tröste mich, himmlische Tugend, mit deiner ewi-
504
gen Schöne!

505
Ewig ist Tugend. Ihr Strahl erlischt, ihr Leben
506
verwelkt nicht.

507
Werde laut, mein Gesang, wie Erndtegejauchz,
508
wie Siegsruf
509
Nach bestandenem heissen Schlachttag. Stürme die
510
Harfe
511
Mächtig hinab in vollen Griffen, und singe der
512
Tugend
513
Ewige Schöne, dass kaum die bebenden Saiten es
514
tragen.

515
Ewig ist Tugend. Ihr Leuchten erlischt, ihr
516
Leben versiegt nicht.

517
Sieh, es verwelkt, es verweset der Blumen
518
des duftigen Kranzes,
519
Welche die Stirn' ihr schatten, nicht Eine. Der
520
hellen Juwelen
521
Ihres Sterndiadems verblasst in Ewigkeit keine.

522
Sieh, in der Ewigkeit nimmer ermessenem,
523
nimmer beschifftem
524
Ocean treiben die Zeiten und drängen sich Wog'
525
auf Woge.
526
Schau, wie fluthen die Hundert! wie rollen die
527
tausendmal Tausend
528
Brausend dahin, und reissen hinweg in wirbelnden
529
Strudeln
530
Alles, was ist, und war, und seyn wird! — Nur
531
die Gottheit
532
Bleibt, wie sie ist und war, und der Gottheit
533
Tochter, die Tugend.

534
Horch, wie ächzet, wie stöhnt des Weltalls
535
mächtige Axe!
536
Schau, es brechen die Angel der Erde. Die Sparren
537
des Himmels
538
Krachen. Der Feste lasurene Wölbungen trümmern.
539
Der Himmel
540
Krümmet sich in Gebärerinwehen, ermannet sich,
541
schüttelt
542
Sonnen und Erden und Sterne hinunter. Die tau-
543
melnden Welten
544
Stürzen zusammen in Schutt und Graus. — Die
545
göttliche Tugend
546
Flüchtet die scheiternden Trümmer hindurch, durch
547
die stiebende Asche,
548
Durch der berstenden Balle Geschrey, und die
549
wehenden Flammen
550
Hoch hinauf zum Stuhle des ewig lebenden Vaters.

551
Und der ewig liebende Vater breitet die
552
Rechte
553
Schirmend über sie aus. Sie küsst die Rechte des
554
Milden,
555
Der sie umfängt mit dem waltenden Arm, mit am-
556
brosischem Kusse
557
Sie begrüsst, und sie birgt in seinem sicheren
558
Schoosse.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.