1
Dichten will ich ein Lied der unvergänglichen
3
Dichten will ich es heiss und kühn, dass, wer
5
Schnell aufspringe, die Hohe zu suchen, und wer
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An die Brust sie drücke mit voller Bräutigams-
9
Tugend, Himmelgeborne, der Gottheit edelste
11
Labsal ewiger Geister, des Jünglings Sehnsucht,
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Fernher strahlendes Ziel, des Greises theuer er-
15
Höchstes Gut — Vergönne du Göttliche, dass ich
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Deines Heiligthums schauernd beschreite, dass ich
19
Welcher dein Angesicht deckt, den Zipfel, den
21
Dass ich schaue den Reiz, in welchen entbrannt,
23
Jeglicher Zeit und jeglichen Volks, in Gefahren
25
Freudig sich stürzten, und gross und berühmt und
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unsterblich sich starben,
27
Weil sie starben für dich. Ich sehe die Himmlische.
29
Seh' ich die Formen der Göttergestalt im fliessenden
31
Schauer ergreifen das Herz, und heilige Schrecken
33
Tugend, Tugend, der Gottheit Schoosskind,
34
Schutzgeist der Menschheit,
35
Tugend, wie bist du schön! Vor allen Töchtern
37
Schön und lieb und geschmückt mit herzbesiegenden
39
Wie so edel die Stirne gewölbt! Das gebietende
41
Flammen schleudernd! Die Wangen geröthet von
43
Lilienweiss dein Gewand, geschürzt mit dem Gürtel
45
Tugend, kräftige Rebe, gepflanzt vom Schöp-
47
Durch des Himmels Regen und Thau zum schatten-
49
Siehe, wie funkeln an ihr, wie glühen die pur-
51
Schau, wie perlt im goldenen Becher der duftende
53
Welcher dürstet, der komm'! und wessen Lippe
55
Komm' und trinke des köstlichen Weines, und
57
Nimmer zu kosten der Sinnlichkeit Kelch, noch
58
den Becher der Wollust.
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Tugend, wie bist du stark, du Unüberwind-
67
Bändigst die Lieb' und den Tod, die Bändiger jeg-
69
Lächelst, goldene Aehre, dem Stahl des Schnitters
71
Opferst grossmuthvoll dein Letztes Bestes dem
85
Nannten die Weisen dich nicht das Leben des
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Unabhängiges Seyn, des Gemüthes kostenden Gau-
89
Sein leishörendes Ohr, sein sorgsam prüfendes
91
Seinen sicheren Schritt auf graden Pfaden des
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Seine Monarchengewalt, zu steuern den lüsternen
95
Dass nicht den göttlichen Geist der Wollust Schlaf-
97
Dass nicht des Schmerzes Wuth der ewige Heros
99
Bist du nicht, Hehre, der Saiten der Seele
101
Ihr harmonischer Einklang in die Akkorde der
103
Ihr Einfugen im Gliederbau der sittlichen Ord
105
Ihr Behagen an sich, ihr Gernedaheimseyn, ihr
107
In sich selbst, im Lebensgefühle der vollen Ge-
109
Bist du nicht, Holde, die süsse, die selige
111
Welche den Geist hinneigt zur uranfänglichen
113
Ihr Mitwirken zum sicherberechneten Besten des
115
Ihr Hinschaun auf das Eine Nothwend'ge, ihr herz-
117
Ihr unermüdsames Streben, zu schaffen in sich,
119
Höhere Ordnung, lichtere Klarheit, reineren Ein-
121
Schau, wie quellen, wie rieseln, wie rauschen
123
Nie versiegende Ström' aus dem unausschöpflichen
125
Und durchwässern das Land, und schwängern es,
127
Kräftige Keim'; es schossen die Keim' im Antlitz
129
Blühn und wehn weit über die Flur in wogenden
131
Reine Jungfrau, wie sind aus deinem züchtigen
133
Wie der Söhne so viel, so viel der Töchter ent-
135
Siehe, wie schweben die Schönen dahin, wie stei-
137
Reinen Täublein, die freudigen sonnanfliegenden
139
Lauschend auf deinen Wink, gerüstet, den Wink
143
Der du, ernsten Blicks, gehorsamheischenden
145
Hader schlichtend, und Frieden gebietend, und
147
Jene Schaaren durchwallst; wer bist du, Himmel-
149
Rede, wer bist du! wer trittst du einher so
151
Sey mir gegrüsst in deinem Vermögen! Dich grüssen
153
Grader gerechter Sinn! Des Rechtes ewiger
155
Goldner Pfeiler der himmlischen Ordnung! Schrecken
157
Aber der Leidenden Hort, ein Schild der flüchten-
159
Siehe, wie birget so blöde sich hinter dem
161
Wie so sittsam verhüllt, umrollt von fliessenden
163
Feuernd die Wange von Scham, die Brust von
165
Liebenswürdig und allgeliebt die heilige
167
Ach, wie senkt sich ihr Blick vor jedem fremderen
169
Ach, wie erschrickt ihr Ohr vor jedem leisen Ge-
171
Ach, wie zittert ihr Herz von ungestandnen Ge-
173
Warum fliehst du, wie schüchterne Rehe des Wal-
175
Hüte dich! Rein ist dein Kleid; dass der Gasse
176
Staub es nicht schmutze!
177
Zart dein Antliz; dass nicht der sengende Mittag
179
Aber geschmiegt an die göttliche Mutter, mit
181
Mit gesenkterem Blick, mit thränenschimmernden
183
Seufzergehobner Brust, und mitleidlächelnder
185
Redet, wer ist sie, wer sieht sie so trüblich, ein
187
Thauendem Dufte? — Ich kenne dein Antlitz —
191
Dich, den Liebling der Erd' und des Himmels.
193
Schwellet dir ewig die Brust, und ewig nässen die
195
Thränen des Mitleids. Die Plagen des Lebens, der
197
Und des Schmerzes durchdringender Schrey, der
199
Den nur die Mitternacht hört; der Trennung Herz-
201
Brechender Augen und berstender Herzen, der
203
Trostverschmähendes Händeringen, zerfleischet, zu
205
Dir das fühlende Herz; doch schweigst du, eilest
207
Schau, wie sie schleicht mit schwellendem Schooss in
209
Sieh, wie sie träufelt Öl und Wein in die Wunden
211
Wie sie sich grämt mit dem düsteren Gram! zur
213
Setzet sie auf den Gräbern sich hin, und waget
215
Starren Schmerz zu mildern in heilende Wehmuth. —
217
Hoch um die Göttliche her von Dankgestammel,
219
Lobgepreise, von Stimmen der segnenden Liebe!
221
Klingen der Edlen, wie Lispel aus Edens seligen
223
Sie durchströmet der Götter Gefühl, das nimmer-
225
Nimmerzusingende Himmelsgefühl, unsäglich zu
227
Und unsäglich geliebt zu seyn, wie die selige Gott-
229
Neben der Göttlichen strahlst, in voller Reife
231
Du, o Lockens und Kants und Sokrates Freundin,
233
Schau, wie sie heftet den prüfenden Blick auf das
235
Wie sie folgt mit geschärftem Auge dem Fluge des
237
Wie sie worfelt die Spreu von dem reinen Weizen,
239
Siebenmal abschmelzt, eh sie des lauteren Goldes
241
Sinnend geht sie einher am Rande des Baches, und
243
In der Natur verborgenem Schooss. In die Tiefen
245
Steigt sie hinab, und erfliegt in gestirnten Nächten
247
Jegliche Feder und jegliches Rad des gewaltigen
249
Alles Endlichen Maass und Zahl und Inhalt er-
251
Jegliche Falt' im Herzen der Menschen entblättert
253
Chiffer im offenen Buch des Menschengesichts liest
255
Jeder leisen Begier und jeder dämmernden Ahn-
257
Folgt sie durch labyrinthische Gäng' in das heilige
259
Ihrer Geburt. Sie ergründet des Wissens schwin-
261
Misst die Kräfte, und reiht die Geschlechter, und
263
Unermüdsam besorgt, zu fassen die Regel des
265
Einzugreifen mit rüstiger Kraft in der herrlichen
267
Starkes Getrieb', in die Axe des unermesslichen
269
Wachsende Sittlichkeit zu fördern, und steigende
271
Siehe die Zwillingsschwester der Weisheit; die
273
Neben der frühern, und nannte sie
274
Frisch ist ihr Ansehn;
275
Schlank ihr Wuchs; behend ihr Bewegen; die Gluth
277
Färbt ihr den blaugeaderten Arm und die Fülle der
279
Denn sie leeret nur halb des Weins berauschenden
281
Sparsam geneusst sie der Frucht des Halms, und
283
Nimmer verwöhnt ihr den Gaumen die kitzelnde
285
Nimmer ertappt sie die goldene Sonn' in späterem
287
Jede niedre Begier und Gunst erschlaffender Wol-
289
Opfert sie willig dem edleren Dienst der Schwester,
291
Diese die göttlichen Kinder der göttlichen
293
Zürnt' ob ihrer Schöne, verschwor sich, ewige
295
Ihnen zu bieten. Da ward dem waffenlosen Ge-
297
Ein Beschirmer geboren, ein kriegrischer Bruder.
299
Ist sein Arm, wie der Blitz, sein Schild ein fun-
301
Seine Lanze gestählt in Sirius feurigem Ofen.
302
Heldenmuth ist sein Name. Sein Thun ist Schwei-
304
Mächtig bahnt er die Pfade des Rechts dem richten-
306
Fürchterlich bäumt er die strahlende Lanze zu schir-
308
Jede grelle Gefahr, die, ein Riesengebirg', vor ihm
310
Überspringt er, wie Maulwurfshügel. Der Tück'
312
Schleudert er Kling' und Schaft der splitternden
314
Sieh, wie er spottet in seinem Vermögen des Wüthe-
316
Wie er so ruhig steht dem hämisch grinsenden
318
Flammen sprühet sein Blick, und Strahlen die Stirne.
320
Schwillt ihm die Sehne, gewaltig der zuckende
321
Muskel. Es strafft sich
322
Jegliche Kraft in ihm, zu retten die leidende Un-
324
Zu zermalmen den Dränger, zu sühnen jegliche
326
Die er entpresste, mit lauen Strömen des schuldi-
328
Tugend, wie lächelst, wie prangst du in Mit-
330
Wer mag nennen die Kinder, die deiner Wurzel
332
Wer ermessen die Thaten, die ihren Rechten ent-
334
Wer erzählen die Namen der Edeln, der Helden
336
Welchen du würdigtest, Hehre, zu zeigen das
338
Dass sie, von deiner Schöne gerührt, entzündet in
340
Schnell an die duftende Brust dir sanken, vom lin-
342
Deines Athems beseelt, gekräftigt durch deine Um-
344
Thaten thäten, darob der staunende Erdkreis auf-
346
Soll ich singen die Namen der Helden, die
348
Welche flammen in Sternenschrift am Bogen des
350
Welche verkündigt die Vorwelt der Zukunft, der
352
Welche der späte Enkel, der Jüngling werdender
354
Hört, und entbrennt, auffährt aus schönen Träumen,
356
Dass er nur träumte, ergrimmt ob seiner Dunkel-
358
Strebt, wie die Väter zu seyn, und gleich den
359
Vätern berühmt wird? —
360
Singe sie nicht, mein Gesang! In der Zeiten strö-
362
Würde doch nur unhörbar dein leises Lispeln ver-
364
Wie das Säuseln des Blattes im tausendstimmigen
372
Heil dem Gottgeliebten, dem Freund und Jün-
374
Mög' er wohnen in leimerner Hütte am Rauschen
376
Mög' er weiden mit Ruthen des Bachs die wollige
378
Mög' er wohnen in thürmender Burg, und mit gol-
380
Nationen weiden — Ihm ist das goldene Zep-
382
Leicht, wie des Hirten Gerte; dem Hirten die
384
Lieb und werth, wie dem Völkergebieter das
386
Heil dem Günstling des Himmels! In abgeschie-
388
Fühlt er sich glücklich, und glücklich im Strudel
389
der schwindelnden Menge.
390
Nimmer bewölkt sch sein innerer Mensch. Es er-
392
Nimmer im öden Frost der Seelenleerheit; und
394
Senget ihm aus den Röhren das Mark der Leiden-
396
Heil dem Vielbegabten, dem Nimmerdarbenden!
398
Mangelt der Schatz ihm, den Diebe nicht stehlen,
399
und Flammen nicht fressen.
400
Du, o Mässigkeit, bleibst ihm, und du, o Seelen-
402
Heil dem Gerechten! Wie steht er so freudig,
403
so sicher! Der Schrecken
404
Sträubet ihm nimmer das Haar, noch bleichet die
405
Furcht ihm die Wangen.
406
Seine Thaten lagern sich um ihn, ein schirmendes
408
Furchtlos tritt er einher. Statt einer ehernen
410
Dient ihm, vor keiner Schuld zu erblassen, vor
412
Selig ist er. Der Eymer der Freuden leeret sich
414
Nimmer der Becher lieblicher Kühlungen, welcher
416
Wenn ihn die Schweisse der Tugend ermatteten,
418
Seiner Brüder, und eigene Lasten, zu treulich ge-
420
Hehre Göttin, mein Herz entbrennt dir. Das
422
Weinet dir nach, o allmitleidige Freundin des
424
Schonend beschwichtigest du des Lebens schluch-
426
Über fliesst von Tröstungen Gottes dein goldener
428
Süss ist dem Gramerschlafften, an deinem Busen zu
430
Lieblich dem Jammermüden, in deinen Armen zu
432
Tugend, Tugend, der Gottheit Funke, Fackel
434
Wehe mir, heilige Flamme, voran auf nächtlichem
436
Dass nicht irre die täuschende Nacht den zweifeln-
438
Tugend, Tugend, der Menschheit Glorie, Lä-
440
Nieversiegender lauterer Quell der lautersten Freu-
442
Einziges, was hienieden nicht Tand, noch Täu-
443
schung, noch Traum ist,
444
Einzige, deren Genuss nicht Reue gebieret, noch
446
Einzig unabhängige Seligkeit, immer dir selbst
448
Nimmer ändernd, und nimmer alternd, und nimmer
450
Unaussingbare Würde des Geistes, Leben des Le-
452
Thätig wie Frühling, gewaltig wie Jugend, süss
454
Wollest dich, Heldin, erbarmen des rastlos schwär-
456
Wollest letzen an deinem Busen sein Dursten und
458
Wollest ihn lullen in deinem Schooss in heilenden
460
Hab' ich dir nicht, wie der Amme der Säugling,
462
Hab' ich dir nicht entgegengedurstet, wie Auen
464
Hab' ich nicht fest an dir gehalten im schütternden
466
Wollest nicht von dir stossen, o Gute, den flehen-
468
Wollest ihn bergen und retten bey dir, damit ihn
470
Leidenschaftliche Gluth nicht entnerve, damit er
472
Nach verwehetem Rausch hinstarr' in grässliche
474
Wollst aufhauchen in seinem Innern dein heiliges
476
Dass er Flüge des Adlers auf Sonnenbahnen er-
478
Wollest ihm reichen dein Schwert, ihm gürten die
480
Dass er steh' ein freudiger Held in Schlachtenge-
482
Dass er trotz' an deinem Busen dem Neide des
484
Dass er vergesse bey deinem Kuss, in deiner Um-
488
Süss wie Lilienduft, und rein wie Lilienblüthe! —
489
Heimische Erde, du bist der Gräber Heimath.
491
Fusstritt schwindet spurlos dahin. Sein Name ver-
493
Wie der Gesang des Vogels im Walde. Die Winde
495
Kämpfen um seinen Staub. Ach, tröste mich, ewige
497
Tröste mich, wenn mich umrauschen des Todes
499
Wenn mich, ein Meuchelmörder, ergreift der Ge-
501
Aus der Lebendigen Land', und aus der Seele der
503
Tröste mich, himmlische Tugend, mit deiner ewi-
507
Werde laut, mein Gesang, wie Erndtegejauchz,
509
Nach bestandenem heissen Schlachttag. Stürme die
511
Mächtig hinab in vollen Griffen, und singe der
513
Ewige Schöne, dass kaum die bebenden Saiten es
517
Sieh, es verwelkt, es verweset der Blumen
519
Welche die Stirn' ihr schatten, nicht Eine. Der
521
Ihres Sterndiadems verblasst in Ewigkeit keine.
522
Sieh, in der Ewigkeit nimmer ermessenem,
524
Ocean treiben die Zeiten und drängen sich Wog'
526
Schau, wie fluthen die Hundert! wie rollen die
528
Brausend dahin, und reissen hinweg in wirbelnden
530
Alles, was ist, und war, und seyn wird! — Nur
532
Bleibt, wie sie ist und war, und der Gottheit
534
Horch, wie ächzet, wie stöhnt des Weltalls
536
Schau, es brechen die Angel der Erde. Die Sparren
538
Krachen. Der Feste lasurene Wölbungen trümmern.
540
Krümmet sich in Gebärerinwehen, ermannet sich,
542
Sonnen und Erden und Sterne hinunter. Die tau-
544
Stürzen zusammen in Schutt und Graus. — Die
546
Flüchtet die scheiternden Trümmer hindurch, durch
548
Durch der berstenden Balle Geschrey, und die
550
Hoch hinauf zum Stuhle des ewig lebenden Vaters.
551
Und der ewig liebende Vater breitet die
553
Schirmend über sie aus. Sie küsst die Rechte des
555
Der sie umfängt mit dem waltenden Arm, mit am-
557
Sie begrüsst, und sie birgt in seinem sicheren