Geistersehen

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Hermann von Lingg: Geistersehen (1862)

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Zu lautes Klagen um die Toten
2
Verstöre, sagt man, ihre Ruh.
3
Sie schweben dann wie Friedensboten
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Dem Lager der Verlassnen zu;

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Und unsrer Tränen überdrüssig
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Erscheinen sie zwar bleich und kalt,
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Doch strahlend und wie Nebel flüssig,
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In ätherhafter Lichtgestalt.

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Ach, wär' es so, und lebt' ein Leben,
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Das aus Verwesung sich entreißt,
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Nein, keine Fiber sollte beben,
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Trät' in der Nacht zu mir dein Geist!

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Wenn mich die milden Augen grüßten,
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In denen sich ein Jenseits malt,
15
Mir wär' es, wie ein Tau den Wüsten,
16
Wie Licht, das einem Kerker strahlt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Lingg
(18201905)

* 22.01.1820 in Lindau, † 18.06.1905 in München

männlich, geb. Lingg

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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