Hymne an die Schönheit

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Hymne an die Schönheit (1798)

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Schönheit, Amme der Kunst, des Dichters traute
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Gespielin,
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Selige Tochter der Erd' und des erdumarmenden
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Himmels,
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Von dem Gedanken erzeugt, und von der Empfin-
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dung empfangen,
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Die du erschienest, ein waltender Dämon, ein
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segnender Schutzgeist,
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Frieden zu stiften im hadernden Reiche der Kräft'
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und der Triebe,
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Die du Gehorsam lehrtest das Element und den
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Atom,
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Die du entlocktest dem starren Chaos der Schöpfun-
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gen schönste,
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Die du den Massen Gestalt, dem Todten Leben
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gewährtest,
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Die du der Töne wildes Geschrille zu lieblichem
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Wohllaut,
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Zu gefälligem Einklang den Schrey der Farben ver-
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schmelztest;
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Die du uns, Mächtige, leiser itzt, itzt wilder
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ergreifest
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In der Bewegungen Schwung, im wellenschlagen-
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den Umriss,
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In der Accorde frohem Gewühl, im Rythmus der
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Farben,
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In Aurorens Erröthen, im schwellenden Kelche der
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Rose,
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In der Säule schlankem Gewächs, im Bogen des
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Domes,
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In der Nachtigall Schlag, im seeleschmelzenden
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Liede,
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In des Weibes Anmuth, und in der Würde des
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Mannes;
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Die du den Wilden bezähmst, und den Barbaren
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vermenschlichst,
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Die du den Rohen erweichst, und die du straffst
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den Erschlafften,
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Die du den Zorn entwaffnest, die schnaubende
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Rache versöhnest,
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Und die wiehernde Gier veredelst zu flehender
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Liebe;
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Die du schlichtest den herben Kampf im Busen der
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Menschheit,
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Jegliche Fehde verträgst, und jegliche Zwietracht
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vereinest,
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Jegliche Pflicht verlieblichst, und adelst jegliche
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Neigung;
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Die du uns lösest vom Joch des Instincts, aus der
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Sinne Beschränktheit
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Uns ins Unendliche hebst, aus der Kräfte gähren-
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dem Aufruhr
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In des Gesetzes heiliges Reich die Schwindelnden
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rettest;
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Die du verkörperst den Geist, und wieder den
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Körper vergeistigst,
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Mit lebendigem Hauch die träge Masse besee-
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lest,
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Mit der Linken der Pflicht, und mit der Rechten
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der Neigung
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Wechselnd kosest, die Pflicht mit Anmuth kränzest,
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der Neigung
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Würd' und Adel gewährst, dass freygesprochen und
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selig
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Die vollendete Menschheit aus deiner Umarmung
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hervorgeh —
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Schönheit, Schönheit, der Sterblichen Preis, der
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Unsterblichen Schoosskind,
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Heitere, Fröhliche, Freye, Anmuthige, Blühende,
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Frische,
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Reine, Keusche, Klare, Gefällige, Spielende,
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Leichte,
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Zweyen Welten verwandt und beyden hold und
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gewärtig,
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Busenfreundin der Wahrheit und Blutsverwandte
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der Tugend,
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Günstling des Himmels und Liebling der Erde und
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Schutzgeist der Menschheit —
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Sey uns, Hehre, gegrüsst, und sey uns gnädig,
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du Milde;
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Öffne, Göttin, das blinzelnde Auge, die wegernden
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Ohren,
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Jenes der lieblichen Form, und diese dem zaubern-
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den Wohllaut;
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Stimme die Dissonanzen im Busen zu lauterem Ein-
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klang,
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Schmelze das störrige Herz in thränenträufelnde
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Wehmuth,
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Stähle die Sehne des trägen Betrachters zu freudiger
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Thatkraft,
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Löse die Fessel des Stoffs vom wunden Nacken
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des Rohen,
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Reiss' aus der Former frostigem Arm den lauen
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Beschauer,
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Führ' an des Triebes schwellende Brust den ernsten
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Gedanken,
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In die Arme der Pflicht die leicht verlockende
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Neigung —
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Löse, Göttin, mit leisem Finger, den Knoten der
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Menschheit,
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Steigre zum Menschen das Thier, und adle zum
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Dämon den Menschen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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