Der Barbier des Hugo von Hofmannsthal

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Alfred Lichtenstein: Der Barbier des Hugo von Hofmannsthal (1912)

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So steh ich nun die trüben Wintertage
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Von früh bis spät und seife Köpfe ein,
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Rasiere sie und pudre sie und sage
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Gleichgültge Worte, dumme, Spielerein.
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Die meisten Köpfe sind ganz zugeschlossen,
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Sie schlafen schlaff. Und andre lesen wieder
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Und blicken langsam durch die langen Lider,
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Als hätten sie schon alles ausgenossen.
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Noch andre öffnen weit die rote Ritze
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Des Mundes und verkünden viele Witze.

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Ich aber lächle höflich. Ach, ich berge
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Tief unter diesem Lächeln wie in Särge
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Die schlimmen, überwachen, weisen Klagen,
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Daß wir in dieses Dasein eingepreßt,
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Hineingezwängt sind, unentrinnbar fest
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Wie in Gefängnisse, und Ketten tragen,
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Verworrne, harte, die wir nicht verstehen.
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Und daß ein jeder fern sich ist und fremd
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Wie einem Nachbar, den er gar nicht kennt.
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Und dessen Haus er immer nur gesehen hat.

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Manchmal, während ich an einem Kinn rasiere,
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Wissend, daß ein ganzes Leben
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In meiner Macht ist, daß ich Herr nun bin,
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Ich, ein Barbier, und daß ein Schnitt daneben,
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Ein Schnitt zu tief, den runden frohen Kopf,
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Der vor mir liegt [er denkt jetzt an ein Weib,
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An Bücher, ans Geschäft] abreißt von seinem Leib,
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Als wäre er ein lockrer Westenknopf –
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Dann überkommts mich. Plötzlich ... Dieses Tier.
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Ist da. Das Tier ... Mir zittern beide Knie.

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Und wie ein kleiner Knabe, der Papier
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Zerreißt [und weiß es nicht, warum],
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Und wie Studenten, die viel Gaslaternen töten,
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Und wie die Kinder, die so sehr erröten,
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Wenn sie gefangner Fliegen Flügel brechen,
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So möchte ich oft wie von ungefähr,
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Wie wenn es eine Art versehen wär,
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An solchem Kinn mit meinem Messer ritzen.
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Ich säh zu gern den roten Blutstrahl spritzen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Alfred Lichtenstein
(18891914)

* 23.08.1889 in Berlin, † 25.09.1914 in Département Somme

männlich, geb. Lichtenstein

deutscher Jurist und expressionistischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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