In tiefe Junimitternacht

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Edgar Allan Poe: In tiefe Junimitternacht Titel entspricht 1. Vers(1829)

1
In tiefe Junimitternacht
2
Der mystische Mond herniederwacht.
3
Einschläfernde Nebel dunsten leise
4
Heraus aus seinem goldnen Kreise
5
Und triefen sanft wie Schlummerlieder
6
Tropfen um Tropfen sachte nieder
7
Auf Höhen, schimmernd wie Opal,
8
Und in das allumfassende Tal.
9
Auf einem Grab nickt Rosmarin,
10
Träg lehnt die Lilie drüber hin.
11
Von leerem Nebel überdacht
12
Fault die Ruine hinein in Nacht.
13
Wie Lethe sieh den Weiher ruhn,
14
Scheint tiefen, tiefen Schlaf zu tun,
15
Nicht um die Welt erwachte er nun.
16
Alle Schönheit schläft! – und ach! wo liegt
17
(ihr Fenster den Himmeln geöffnet) – wo liegt
18
Irene, vom Schicksal eingewiegt!

19
O Schönste! – ach! ich steh' betroffen:
20
Das Fenster weit dem Nachtwind offen?
21
Die Lüfte fallen im Mondenschein
22
Vom Baum herab durchs Gitter ein –
23
Sie flüchten flüsternd wie Geisterschar
24
Durch dein Gemach und stoßen gar
25
Am Bett den bunten Baldachin
26
So schaurig her, so schaurig hin
27
Über des Auges geschlossene Glut,
28
Darunter die schlummernde Seele ruht,
29
Daß Schatten gleich Gespenstern weben
30
Und Wand und Boden irr beleben.
31
O liebe Dame, banget dir?
32
Warum und was nur träumst du hier?
33
Gewiß, du kamst von fernstem Meer,
34
Ein Wunder, in diesen Garten her!
35
Seltsam deine Blässe! Seltsam dein Kleid!
36
Die Locken länger als jederzeit!
37
Seltsam die düstere Feierlichkeit!

38
Sie schläft! Und wie sie dauernd ruht,
39
So ruhe sie auch tief! Und gut
40
Hab Himmel sie in heiliger Hut!
41
Heiliger sie jetzt und der Raum,
42
Schwermütiger sie als je ihr Traum.
43
O Gott! laß nie ihren Schlaf vergehn,
44
Ihr Auge nie sich öffnen und sehn,
45
Indes die Gespenster vorüberwehn!

46
Meine Liebe, sie schläft! Wie dauernd sie ruht,
47
So ruhe sie auch tief und gut;
48
Leis krieche um sie die Würmerbrut!
49
Mög fern im Forst, in Düster und Duft,
50
Für sie sich auftun eine Gruft –
51
Eine Gruft, die oft das schwarze Tor
52
Aufwarf vor bangem Trauerchor,
53
Triumphierend über den Wappenflor
54
Der Toten aus ihrem erhabenen Hause –
55
Eine Gruft, entlegen wie Einsiedlerklause,
56
Deren Tor ihr einst beim kindlichen Spiel
57
Für manchen Stein gedient als Ziel –
58
Ein Grab, aus dessen tönendem Tor
59
Sie nimmermehr zwingt ein Echo hervor,
60
Das dröhnend dem Kind in die Ohren rollte,
61
Als sei es der Tod, der da drinnen grollte.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent
Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.