Weh! wunderliche, einsame Stadt

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Edgar Allan Poe: Weh! wunderliche, einsame Stadt Titel entspricht 1. Vers(1829)

1
Weh! wunderliche, einsame Stadt,
2
Drin Tod seinen Thron errichtet hat,
3
Tief unter des Westens düsterer Glut,
4
Wo Sünde bei Güte, wo Schlecht bei Gut
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In letzter ewiger Ruhe ruht.
6
An Schlössern, Altären und Türmen hat
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(zerfreßnen Türmen, die nicht beben!)
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Nichts Gleiches eine unsrige Stadt.
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Von Winden vergessen, die wühlen und heben,
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Stehn unterm Himmel die Wasser ringsum,
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Schwermütige Wasser, ergeben und stumm.

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Kein Strahlen vom Himmel kommt herab
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Auf jener Stadt langnächtiges Grab.
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Doch steigt ein Licht aus dem Meere herauf,
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Strömt schweigend an kühnen Zinnen hinauf,
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Hinauf an Türmen bis zum Knauf,
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Hinauf an Palästen, an Zitadellen,
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An Tempeln hinauf und an Babylonwällen,
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Hinauf an vergessenen Laubengängen
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Mit eingemeißelten Fruchtgehängen,
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Hinauf an manchem Opferstein,
22
Auf dessen Friesen zu engem Verein
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Verflochten Viola, Violen und Wein.

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Stehn unterm Himmel die Wasser ringsum,
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Schwermütige Wasser, ergeben und stumm.
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Die Mauern und Schatten wie Nebelduft –
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Es scheint, als hänge alles in Luft.
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Vom Turm, der herrschend ragt und droht,
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Schaut riesenhaft herab der Tod.

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Geöffnete Tempel und Totengrüfte
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Gähnen auf leuchtende Meeresschlüfte.
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Doch nicht die blitzenden Juwelen
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In goldner Götzen Augenhöhlen
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Und nicht der reiche Tod verführen
35
Die starren Wasser, sich zu rühren:
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Kein kleinstes Wellchen kommt in Gang
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Die gläserne Einöde entlang;
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Kein Kräuseln erinnert, daß weniger leer
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Von Wind ist irgendein anderes Meer,
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Nichts sagt, daß je ein Wehen war
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Auf Meeren, die weniger grauenhaft klar.

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Doch, oh – es regt sich leis wie Wind!
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Ein Wellen durch das Wasser rinnt –
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Als ob die Türme im sachten Sinken
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Die Flut verschöben zur Rechten und Linken –
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Als ob schon die Spitzen inmitten des blassen
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Himmels Lücken zurückgelassen.
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Ein roteres Glimmen steigt heran –
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Die Stunden halten den Atem an –
50
Und wenn die Stadt hinab, hinab
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Von hinnen sinkt mit unirdischem Stöhnen,
52
Wird ihr von eintausend Thronen herab
53
Der Gruß der Hölle tönen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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