Epipsychidion

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Percy Bysshe Shelley: Epipsychidion (1807)

1
Du Schwestergeist von dem verwaisten Geist,
2
Deß Name Thränen deinem Aug' entreißt,
3
In meines Herzens Tempel weih' ich dir
4
Die welken Kränze der Erinnrung hier.

5
Gefangner Vogel, der so holde Klänge
6
Aushaucht, daß sich der rauhen Herzen Strenge,
7
Die dich umgarnten, müßt' in Milde kehren,
8
Wenn sie nicht taub für jeden Wohllaut wären:
9
Dies Lied sei deine Rose! Ist ihr Blatt,
10
Geliebte Nachtigall, auch fahl und matt:
11
Doch ist der welken nicht ihr Duft entschwunden,
12
Auch blieb kein Dorn, die Brust dir zu verwunden.

13
Hochfliegend Herz, das, immerdar bewegt,
14
Umsonst an seines Kerkers Gitter schlägt,
15
Bis daß geknickt des Geistes lichte Schwingen,
16
Die himmelan gestrebt in kühnem Ringen;
17
Und bis das Blut, aus wunder Brust entflossen,
18
Auf sein unmütterliches Nest ergossen: –
19
Vergebens wein' ich; freud'ger gäb' ich hin
20
Um dich mein Herzblut, wär' dir's zum Gewinn.

21
Seraph des Himmels, überirdisch mild,
22
Ach, unter deiner Frauenschönheit Bild
23
Birgst Alles du, was herrlich und geweiht
24
An Liebe, Licht und an Unsterblichkeit!
25
Du süßer Segen für den ew'gen Fluch!
26
Du Licht, das Glanz ins dunkle Weltall trug!
27
Mond im Gewölk! Im finstern Todtenhaus
28
Ein lebend Wesen! Stern im Sturmgebraus!
29
Du Wunder, und du Schönheit, und du Grauen!
30
Du Harmonie der Welt! In dir beschauen,
31
Hehr strahlend, wie vom Sonnenglanz erhellt,
32
Sich alle Ding', auf die dein Auge fällt!
33
Blitzgleich in ungewohntem Lichte funkelt
34
Dies trübe Lied selbst, das dich jetzt umdunkelt;
35
O, rein'ge du dies Klagwort meiner Seele
36
Von seinen Schlacken, seinem Erdenfehle,
37
Mit jenen Zähren, die wie heil'ger Thau
38
Entströmen deiner Augen sanftem Blau,
39
Weine, bis Leid sich wandelt in Entzücken –
40
Dann lächle drauf, dem Tod es zu entrücken!

41
Nie glaubte ich, vor meinem Tod so schön
42
Der Jugendträume Wirklichkeit zu sehn!
43
Ich liebe dich, Emilie, ob die Welt
44
Mit ihrem Hohn auch diese Lieb' umgellt.
45
O wären wir ein Zwillingspaar geboren!
46
O wär' der Name, den mein Herz erkoren
47
Für eine Andre, dir und ihr ein Band,
48
Das schwesterlich zwei Seelen hell umwand!
49
Doch wär' der eine recht, der andre wahr:
50
Die theuren Namen sprächen nimmer klar,
51
Wie rettungslos ich dein bin. Wehe mir!
52
Ich bin nicht dein – ich bin ein Theil von

53
Du holde Leuchte! wie dem Schmetterlinge,
54
Versengtest meiner Muse du die Schwinge,
55
Sonst würde junge Liebe wie ein Schwan,
56
Der singend hinwallt seine Todesbahn,
57
Verkünden Alles, was du bist, dem Buch
58
Der grauen Zeit. Bist du nicht frei von Trug?
59
Ein lieblich Bild, bestimmt für höchste Wonnen?
60
Geheimen und verschlossnen Glückes Bronnen,
61
Vor dessen heitrem Licht und Wohllaut fern
62
Mißklang und Finsterniß entfliehn? Ein Stern,
63
Der einzig fest am Himmelsbogen ruht?
64
Ein Lächeln unter finstrer Stirnen Wuth?
65
Ein sanfter Ton inmitten rauher Stimmen?
66
Ein liebes Licht, das auf dem Meer, dem grimmen,
67
Den Schiffer lenkt? Ein einsames Asyl?
68
Ein Jubelrausch der Lust? Ein Saitenspiel,
69
Das Die, so Liebe es gelehrt, bewegen,
70
Das tiefste Leid, das sie im Herzen hegen,
71
In Schlaf zu lullen? Ein vergrabner Hort?
72
Ein Nest von Freuden, die an sel'gem Ort
73
Die Schwingen falten, nie zur Flucht geweckt?
74
Ein Grab des Leids, mit Veilchen überdeckt?
75
Ich suche rings ein Bild, das dir entspreche,
76
Und finde – ach! nur meine eigne Schwäche. –

77
Sie traf mich auf des Lebens rauhen Wegen,
78
Und lockte mich dem süßen Tod entgegen;
79
So führt der Lenz den Winter, Tageshelle
80
Die Nacht zu Licht und Leben. Die Gazelle,
81
Die flüchtig schwebt auf höchstem Felsenkranz,
82
Ist nicht so ätherleicht. Der Strahlenglanz
83
Von ihrer Göttlichkeit durchblinkt die Hülle
84
Des Körpers, wie aus thauiger Wolken Fülle,
85
Die unbewegt am Junihimmel stehn,
86
Der Mond hervorglänzt unauslöschlich schön.
87
Wie aus der Hyacinthe, thaugefüllt:
88
So ihren Lippen süß und weich entquillt
89
Ein Flüstern, das die Sinne wild berauscht,
90
Wie Sphärenmelodie, im Traum erlauscht.
91
In ihrer Augensterne milden Sonnen
92
Erglänzt das Strahlenspiel von jenen Bronnen,
93
Die quellen unter ihrer Seele Blitz, –
94
Zu tief, als daß des Menschengeistes Witz
95
Mit seinem Senkblei jemals sie ergründet.
96
Der Schimmer ihres Wesens, dort entzündet,
97
Erfüllt die todte, leere, kalte Luft
98
Mit einem warmen, wunderbaren Duft
99
Von Liebe, Licht, Bewegung, der vereint
100
Zu seliger Allgegenwart erscheint,
101
Und dessen Wogen ihr mit sanfter Fluth
102
Um Wang' und Finger wallen, die das Blut,
103
Das immerströmende, das dort erbebt,
104
Durchglüht (gleichwie in schneeiger Wolke webt
105
Zitternden Lichts der rothe Morgenschimmer),
106
In stetem Fluthgewog, und endend nimmer,
107
Bis jenes Schönheitswunder sie verzehrt,
108
Das rings die Welt erfüllet und verklärt,
109
So herrlich, daß der Blick es kaum erträgt.
110
Ein warmer Odem scheint, wenn sie sich regt,
111
Aus ihrem Kleid und wehnden Haar zu wallen;
112
Und wenn gelöst die Locken niederfallen,
113
Entfesselt von den Lüften, weich und lind,
114
Berauscht sich in dem süßen Hauch der Wind;
115
Und in die Seele dringt ein wilder Duft,
116
Den Sinnen fremd, gleichwie die heiße Luft
117
In der erstarrten Knospe schmilzt den Thau.
118
Sieh, dorten steht sie, eine hehre Schau!
119
Ein sterbliches Gebild im Wunderkleid
120
Von Liebe, Leben, Licht und Göttlichkeit,
121
Die wechseln kann, doch nicht dem Tod sich gatten;
122
Ein Bild der lichten Ewigkeit; ein Schatten
123
Von goldnem Traum, ein Glanz, der steuerlos
124
Die dritte Sphäre läßt im Himmelsschooß;
125
Ein Wiederschein vom ew'gen Mond der Liebe,
126
Der leis bewegt des Lebensmeers Getriebe;
127
Ein Bild von Jugend, Lenz und Morgenlicht;
128
Verkörperten Aprilmonds Traumgesicht,
129
Das, weinend bald und lächelnd bald, hinab
130
Den Winter lockt, das Frostgeripp, ins Grab.

131
Ach, wehe mir! Zu welcher Höhe trug
132
Empor mich des vermessnen Wagens Flug?
133
Wie steig' ich nieder, und verderbe nicht?
134
Gleich macht die Liebe Alles, also spricht
135
Mein trunknes Herz; in Lieb' und Andacht preist
136
Der Wurm selbst Gott, und eint sich seinem Geist.

137
Braut! Schwester! Engel! Leitstern dem Geschick,
138
Das hingeflossen ohne Sternenblick!
139
Zu spät geliebt, zu früh verehrt von mir!
140
Anbetend hätte sollen knien vor dir
141
Mein Geist in der Unsterblichkeit Gefild,
142
Im Götterhaus vor einem Götterbild;
143
Oder auf dieser Erde, dir zur Seiten,
144
Ein Schatten jenes Wesens, dich begleiten;
145
Doch nicht wie jetzt! Ich liebe dich; doch ruh
146
Ein Siegel stets auf meines Herzens Fluth,
147
Sie hell und rein dir haltend ohne Rast,
148
Da du an diesen
149
Wir aber – sind wir nicht geschaffen, wie?
150
Als Töne Einer süßen Harmonie,
151
Zwar ganz nicht gleich, doch Eins bestimmt dem Andern,
152
Verschieden ohne Mißklang, um zu wandern,
153
In holdem Wohllaut bebend, durch die Welt,
154
Wie zitternd Laub im Windhauch rauscht und schwellt?

155
In mir spricht deine Weisheit, und sie heißt
156
Mich vor den Klippen, dran manch hoher Geist,
157
Manch edles Herz gescheitert, nicht zu zagen.
158
Nie hab' ich mich zum großen Troß geschlagen,
159
Der lehrt, es solle Jeder Einen Freund,
160
Und all' die Andern, wären noch so rein
161
Und schön sie, frostigem Vergessen weihn.
162
Zwar ist's das Machtgebot der heut'gen Sitte,
163
Der Alltagspfad, auf dem mit müdem Schritte
164
Die armen Sklaven wandern, die ins Grab
165
Des Lebens breiten Heerweg gehn hinab,
166
Und so, geschmiedet fest an Einen Freund,
167
Der ihnen, ach, vielleicht ein bittrer Feind,
168
Hinziehn die Bahn, die endlos öde scheint.

169
Darin ist wahre Lieb' ungleich dem Staub
170
Und Gold, daß Theilung ihr kein schnöder Raub.
171
Sie gleichet dem Verstand, der sich erhellt,
172
Je mehr der Wahrheit ihm ins Auge fällt;
173
Sie gleichet deinem Licht, o Phantasie,
174
Das von der Erde und vom Himmel, wie
175
Aus tiefstem Geist der schönheitstrunknen Dichter,
176
Als würfen tausend Prismen ihre Lichter,
177
Ein hehres Glanzmeer ausgießt übers All,
178
Und mit der Sonnenpfeile Widerprall
179
Den Lindwurm »Irrthum« tödtet. Eng und klein
180
Das Herz, das Einem nur mag Liebe weihn,
181
Das Hirn, in dem nur Ein Gedanke brennt,
182
Das Leben, das nur Einen Zweck erkennt,
183
Der Geist, der Eins nur schafft, und wahndurchgraut
184
Ein Grabmal seiner Ewigkeit erbaut!

185
Denn also unterscheidet sich der Geist
186
Von seinem Stoff und Gegenstand zumeist:
187
Wie Bös von Gut; Unglück von Glück; das Kleine
188
Und Niedrige vom Hohen; das Gemeine
189
Und Schwache von des ewigen Lichtes Reine.
190
Und theilst du Erdenschmutz und Erdenleiden,
191
So magst du sie, bis sie verschwinden, scheiden;
192
Doch theilst du Freude, Liebe und Gedanken,
193
So überragt ein jeder Theil die Schranken
194
Des Ganzen, und wir wissen nicht, so lang
195
Noch ungetheilt ein Sehnen bleibt, ein Drang,
196
Wie Viel der Lust wir könnten noch gewinnen,
197
Wie vielem Leid wir könnten noch entrinnen.
198
Dies ist der Wahrheit Bronnen, welcher hell
199
Dem Weisen fließt als hehrer Hoffnung Quell;
200
Das ewige Gesetz, an dem sich hält
201
Der edle Mensch, dem diese Lebenswelt
202
Ein Garten scheint, verödet und verheert,
203
Und der sich müht, so lang sein Dasein währt,
204
Zu pflegen für der Zukunft goldnen Tag
205
Des Erdenparadieses wüsten Hag. –

206
Ein Wesen gab's, dem oft in seinen Träumen
207
Mein Geist begegnete in Aetherräumen,
208
In meiner Jugendfrühe goldnem Schein,
209
Auf Feeninseln in besonntem Hain,
210
Inmitten zaubervoller Bergesreihn,
211
In Grotten, wo ich schlummernd sanft geruht,
212
Wie in des Träumemeeres luft'ger Fluth,
213
Auf dessen Wellen
214
Einhergewandelt; – mir vorüber glitt
215
Ihr Bild an phantasieerschautem Strand,
216
Gehüllt in also hehres Lichtgewand,
217
Daß mich's geblendet. In dem Wald, dem düstern,
218
Rief ihre Stimme aus des Laubes Flüstern,
219
Und aus den Quellen und den Duftergüssen
220
Der Blumen mir, die, wie im Schlaf von Küssen
221
Die Lippe murmelt und den Liebsten ruft,
222
Von
223
Und aus der Frühlingswinde lauem Fluß,
224
Und aus der ziehnden Wolke Regenguß,
225
Und aus der Sommervögel hellem Sang,
226
Aus jedem Ton und Schweigen. In dem Klang
227
Uralter Lieder, hoch erhabner Weisen, –
228
In Form, Ton, Farbe, – Allem, was den Gleisen
229
Der morschen Gegenwart, die höhnisch ringt,
230
Vergangnes zu ersticken, sich entschwingt, –
231
Und in
232
Das Menschenleben, diese Höllenqual,
233
Zu einem Schicksal macht, so hehr und groß
234
Wie gluthumflammten Martyrthumes Loos,
235
War aller Wahrheit Einklang

236
Dann schwang ich aus der Jugend Traumeshöhle
237
Mich auf, und strebte, wie mit Feuerschwingen,
238
Zum Leitstern meiner Sehnsucht hinzudringen,
239
Gleich einer trunknen Motte, welche matt
240
Durchschwirrt die Dämmrung wie ein welkes Blatt
241
Wenn sie in Hesper's lichtumstrahltem Schooß,
242
Als wär' er eine Erdenleuchte bloß,
243
Sich sucht ein Flammengrab als Todesloos. –
244
Doch
245
Schwand wie ein Gott, deß Lichtthron ein Planet,
246
Deß Schwingen zehnfach ihn beflügelt hatten,
247
In unsres Lebens trüben Kegelschatten.
248
Wie Einer, dem sein Liebstes floh hinab,
249
Wär' ich gefolgt, und gähnte selbst das Grab
250
Dazwischen wie ein Meer voll düstrer Schauer;
251
Da rief es: »O du Herz voll zager Trauer,
252
Das Traumbild, das du suchst, steht neben dir!«
253
Ich fragte: »Wo?« Des Weltalls Echo mir
254
Rückhallte: »Wo!« und tief von Weh durchdrungen
255
Frug ich der Abendwinde stumme Zungen,
256
Die an dem Trauerort vorüberstrichen:
257
»wohin ist meiner Seele Seel' entwichen?«
258
Und Zauberworte sprach ich, um zu bannen
259
Des Menschenschicksals finstere Tyrannen.
260
Doch konnte nicht Gebet noch Bannspruch lichten
261
Die Nacht, die sie verschlungen; noch vernichten
262
Die Welt, die meinem Chaos sich entwand,
263
In der
264
Die Welt, in der
265
Drum ging ich fort, der Furcht und Hoffnung voll,
266
Todkrank jedwede sanfte Leidenschaft,
267
Nur noch genährt von der Erwartung Kraft,
268
Fort in die Winterwüstenei des Lebens;
269
Mit seinem Irrthum kämpfend stets vergebens,
270
Und taumelnd stets vor Müdigkeit und Hast,
271
Von neuen Formen rings geblendet fast,
272
Durchirrt' ich forschend jene rauhen Gründe,
273
Ob dort ich nicht vielleicht ein Wesen finde,
274
In dem sie meinen Blicken sich entzog.
275
Und Eine fand ich, die sich niederbog
276
An einem Quell, umrankt von dunkelblauen
277
Nachtschatten, und ein Lied voll Todesgrauen
278
Entklang aus ihrem falschen Mund, wie Duft
279
Von welken Blumen in der Herbstesluft;
280
Ihr Handdruck sengte mich mit gift'gem Schmerz;
281
Aus ihrem Blick schoß Feuer mir ins Herz,
282
Ein Grabeshauch entströmte ihren Wangen,
283
Und der Verwesung Moderdüfte drangen
284
Wie Mehlthau in das grüne Herz mir ein,
285
Zerstörend seiner Blätter Frühlingsschein;
286
Bis sie, wie Haar, das vor der Zeit erblich
287
Auf einer Jünglingsstirne, grausiglich
288
Mit den Ruinen vor der Zeit geweckten,
289
Scheinlebens seinen todten Lenz bedeckten.

290
Ich sucht' in manchem Weib des Erdenthals
291
Den Schatten meines Seelenideals.
292
Und Ein'ge waren schön – doch Schönheit flieht;
293
Und Andre klug – doch trog ihr Schmeichellied;
294
Und Eine treu – ach! warum mir nicht treu?
295
Dann wandte ich, wie der gejagte Leu,
296
Den hetzenden Gedanken mich entgegen,
297
Zu Tode wund, mit matten Herzensschlägen.
298
Der kalte Tag sah bebend meine Qual,
299
Als mir urplötzlich, wie ein Frührothsstrahl,
300
Befreiung winkte. Denn ein Wesen stand
301
Auf meinem Pfade, welches so verwandt
302
Der Hehren schien, die sich im Traum gezeigt,
303
Wie dort der Mond der ew'gen Sonne gleicht; –
304
Der kalte, keusche Mond, der Nachts am Himmel
305
Als Königin beherrscht das Sterngewimmel,
306
Verschönernd Alles, was mit sanftem Schein
307
Sein Auge trifft; ein bleicher Flammenschrein,
308
Der unstät irrt, mit mildem, frost'gem Schimmer,
309
Der, immer wechselnd, doch sich gleich bleibt immer,
310
Und nicht erwärmt, nur leuchtet. Jung und schön,
311
Als wäre sie ein Geist aus Himmelshöhn,
312
Umhüllte sie mich, wie der Mond die Nacht
313
Vor ihrem Graun verhüllt, in lichter Pracht,
314
Bis zwischen Erd' und Himmel Alles klar
315
Und hell in meiner stillen Seele war.
316
Und wie die Wolke, die der Wind berührt,
317
Ward ich in eine Grotte fortgeführt.
318
Dort saß sie neben mir, und ihr Gesicht
319
Erhellte meinen Schlummer, wie das Licht
320
Des Mondes, dessen Strahlen erdwärts flohn,
321
Herabgeleuchtet auf Endymion.
322
Und als mich eingelullt des Schlafes Quell,
323
Ward all mein Wesen finster oder hell,
324
Wie sommerliche Fluth im Mondenschein,
325
Bei ihrem Lächeln oder Zornesdräun.
326
Auf kaltem, keuschem Pfühl im Abendroth
327
Lag ich, – weh mir! – nicht lebend, und nicht todt;
328
Denn ihrer Silberstimme Ton berief
329
Leben und Tod, die in der Höhle tief,
330
Vergessend ihren altgewohnten Streit,
331
Wie zwei Geschwister nahten meinem Leid,
332
Entstammt aus Einer armen Mutter Schooß;
333
Sie schwebten durch die Höhle flügellos,
334
Und sprachen: »Fort! denn unser ist er nicht!«
335
Ich weint', und weine, sei's auch Traumgesicht.

336
Von welchen Stürmen meines Schlummers Fluth
337
Dann aufgeregt ward, bis, in bleicher Gluth
338
Erlöschend, jener Mondeslippen Rand
339
Wie in dem Siechthum der Verfinstrung schwand; –
340
Wie meine Seele ward ein lichtlos Meer,
341
Und wer als Wetter zog darüber her;
342
Und welcher Frost, da
343
Als Stern mich leitete, versunken war,
344
Dann über jene öden Wasser schlich,
345
Bis meines Wesens wilde Wogen sich
346
Verdickt zu starren Eises Todeshaft;
347
Und welch Erdbeben seinen Grund zerklafft
348
Und aufgewühlt, indeß in kalter Ruh'
349
Der bleiche Mond gelächelt immerzu,
350
Verhehlt dies Lied: – endlos ergössen sich
351
Sonst Thrän' auf Thräne. Weine nicht um mich!

352
Zuletzt erschien die hehre Traumgestalt,
353
Die ich durch Leid und Schmach gesucht, im Wald.
354
Um jener Winterwüste Dornenbahn
355
Floß Glanz wie Morgenroth bei ihrem Nahn,
356
Und ihre Gegenwart ließ neu erbeben
357
Die kahle Flur, das todte Laub von Leben,
358
Daß unter ihr und ihr zu Häupten droben
359
Ihr Pfad von Blumen lieblich war umwoben.
360
Aus ihrem Odem schwoll ein süßer Klang,
361
Der, sich wie Licht verbreitend, rings durchdrang
362
Jedweden Ton mit leisem, holdem Klingen,
363
Daß stumm der wilde Wind gesenkt die Schwingen;
364
Aus ihrem Haar enttroff ein warmer Duft,
365
Aufthauend die erstarrte, kalte Luft;
366
Mild wie die Sonne selbst, wenn sich ihr Licht
367
In Liebe wandelte, so schwebte dicht
368
Zu mir heran, wo in der Höhl' ich schlief,
369
Das wunderhehre Götterbild, und rief
370
Mich an, und wie den Rauch des Feuers Gluth,
371
So hob mein Geist den Leib, vom Schlaf umruht,
372
Ich stand erwacht in ihrer Schönheit Pracht,
373
Und fühlte, daß das Licht verscheucht die Nacht.
374
Ich wußte, daß das Traumbild, lang verhüllt,
375
Ich schaute, – daß ich sah Emiliens Bild!

376
Gleichwie der Sterne Licht den Erdenball,
377
Dies Ich, beherrscht, dies weite Liebesall;
378
Und seine Frücht' und Blumen rings erschafft,
379
Und in das Herz ihm gießt magnet'sche Kraft;
380
Die Meerfluth und der Nebel Schwall regiert,
381
Und jeden Wind und jede Welle führt
382
Zu ihrer Wolke, ihrer Felsenkluft;
383
Und jeden Sturm in seiner Höhle Gruft,
384
Der seine Wiege war, einlullt; den Regen
385
Herniederlockt, dem Feld und Wald zum Segen;
386
Und wie die beiden Leuchten, die vom Himmel
387
Herniederblicken und das Erdgewimmel
388
Mit Glanz und Friedensschlummer rings umfahn,
389
Und, ewigen Gesetzen unterthan,
390
Ungleich, nicht uneins, wandeln ihre Bahn: –
391
So, helle Sterne, lenkt in Wechselpracht
392
Die Sphäre meines Lebens, Tag und Nacht!
393
Du, selbst geliehne Macht verschmähend nicht;
394
Du, nicht verdunkelnd ein entfernter Licht;
395
Und führet durch der Jahreszeiten Schatten,
396
Vom Lenz bis zu des Herbstes kühlen Matten,
397
Mein Sein zum Grabeswinter, wo es mag
398
Entgegenblühen einem bessern Tag.
399
Auch du, Komet, so schön und gluthentbrannt,
400
Der dieses Herzens schwache Welt gebannt
401
In seinen Kreis, bis wechselnd angezogen
402
Und abgestoßen, in des Kampfes Wogen,
403
Mein Herz zerbrach, und deines irrefuhr:
404
O, nahe wieder unsrer Himmelsflur
405
Als Stern der Liebe mit verklärtem Strahle!
406
Die Sonne wird aus goldner Flammenschale
407
Dich nähren, und der Mond sein Horn verschleiern
408
In deinem Lächeln; brünstig werden feiern
409
Morgen und Abend dich mit Friedensodem
410
Und Glanz und Schatten; wie mit Andachtsbrodem
411
Den Stern des Tods und der Geburt die hehren
412
Geschwister Furcht und Hoffnung heiß verehren –
413
Ein Opferaltar flammt ihr Herz, – so quellt
414
Aus diesem Lied das Opfer einer Welt.

415
O Herrin mein, verschmähe nicht die Blüthen,
416
Die dir mein Geist erdacht, die schnell verglühten,
417
Die aus der tiefsten Seele ungesucht
418
Hervortrieb jene Pflanze, deren Frucht,
419
Gereift in deiner Augen Sonnenschein,
420
Wird wie die Frucht von Edens Bäumen sein!

421
Entflieh mit mir, gekommen ist die Zeit!
422
Dem, was in mir voll trüber Sterblichkeit,
423
Mögst ewig du vestalische Schwester sein;
424
Dem Nievergehnden, Heil'gen, was nicht mein,
425
Was
426
Die glücklich und beglückend um sich schaut.
427
Die Stund' ist da – der Schicksalsstern ging auf,
428
Aus deinem Kerker führt er dich herauf.
429
Hoch sind die Mauern, und die Thore fest,
430
Die Wachen stark – doch wahre Liebe läßt
431
Sich so nicht zwingen; Alles überspringt
432
Sie, wie der Blitz, der ungesehn durchdringt
433
Der Erde Kern; und wie des Himmels Winde,
434
Die dem, der sie ergreift, entfliehn geschwinde;
435
Mehr noch dem Tode gleich, der, auf Gedanken
436
Hinjagend, Palast, Thurm und Tempelschranken
437
Mißachtet: – stärker ist die Liebe noch,
438
Denn sie zerbricht sogar des Todes Joch,
439
Macht frei den Leib in Ketten, frei das Herz
440
In Qual, die Seel' in Staub und Sündenschmerz.

441
Emilie, dort im Hafen liegt ein Schiff,
442
Ein Wind umflüstert dort das Felsenriff,
443
Ein Pfad ist auf des Meeres blauer Flur,
444
Den nimmer je zuvor ein Kiel befuhr;
445
Eisvögel um die sonnigen Inseln nisten,
446
Das Meer vergaß dort seine tückischen Listen;
447
Das lust'ge Schiffervolk ist frei und kühn –
448
Sag, Herzensschwester, willst du mit mir fliehn?
449
Ein Albatroß, deß Nest im Purpurroth
450
Des herrlichen Ostens ruht, ist unser Boot;
451
Wir weilen unter seiner Schwingen Pracht,
452
Und Sturm und Windesstille, Tag und Nacht,
453
Ziehn, unsre Diener, übers weite Meer
454
In unbeachtet schneller Flucht einher.
455
Der Fluth entragt ein Eiland, hold und süß,
456
Schön wie ein Trümmerrest vom Paradies,
457
Das, weil der Port nicht sicher landen ließ,
458
Geblieben wär' ein einsam öder Ort,
459
Wenn nicht ein Hirtenvolk entsprossen dort,
460
Dem noch den letzten Abglanz goldner Zeit
461
Der Hauch der klaren, goldnen Luft verleiht,
462
Einfach und fröhlich, unschuldsvoll und kühn.
463
Mit ewig wechselndem Murmellaute ziehn
464
Die blauen Wogen der ägäischen See
465
Um dieses traute Heim, mit Schaumesschnee
466
Den Sand benetzend und die Höhlenschlünde;
467
Und rings am Strand die wanderlust'gen Winde
468
Aufwogen nach dem Wogentakt der Fluth;
469
Der Waldesgötter Schaar im Dickicht ruht;
470
Und mancher Bach und Weiher blinkt und Quell,
471
Wie Demant oder Morgenlicht so hell;
472
Und weiterhin, entfernter vom Gestade,
473
Führen landeinwärts moosbewachsne Pfade,
474
Drauf Reh und Ziege prägten ihre Spur
475
(der Hirt betritt sie jährlich einmal nur),
476
Zu Grotten, Lichtungen und Laubesbogen,
477
Und Hallen, rings mit Epheu überzogen,
478
Erleuchtet von der Wasserfälle Schimmer,
479
In deren plätschernd Rauschen lieblich immer
480
Sich mischt der Mittagssang der Nachtigallen;
481
Und rings von Duft geschwängert sind die Hallen;
482
Des sonnighellen, klaren Aethers Strom
483
Ist schwer von der Citronenblüth' Arom,
484
Das wie ein unsichtbarer Nebel schweift,
485
Und matten Schlummer auf das Auge träuft;
486
Jonquill' und Veilchen blühn im moosigen Thal,
487
Und senden pfeilschnell ihrer Düfte Strahl
488
Durchs Hirn, daß du vergehst vor süßer Qual.
489
Und jede Regung, Duft und Strahl und Sang
490
Stimmt überein mit jenem Wunderklang,
491
Der eine Seel' ist in der Seele Reich,
492
Dem Wiederhall vorirdischer Träume gleich. –
493
Ein Eiland ist's, das zwischen Himmel, Fluth,
494
Erde und Luft in hehrer Stille ruht,
495
Schön wie der Morgenstern, wenn seiner Bahn
496
Des blauen Luftmeers sanfte Wellen nahn.
497
's ist ein gefeiter Ort. Hernieder läßt
498
Sich niemals Hunger, Krieg, Erdbeben, Pest
499
Auf seiner Berge Höhn; vorüber ziehn
500
Wie blinde Geier fern sie drüberhin;
501
Beschwingte Wetter, die auf andrer Flur
502
Sich grimm entladen, hüllen in Azur
503
Die Insel, oder lösen sich in Thau,
504
Durch welchen ewig Wald und Feld und Au
505
Erneun ihr grün und goldenes Gewand.
506
Vom Meer entsteigen, und vom Himmelsrand
507
Entsinken klare Dünste, glanzvoll mild,
508
Von denen jeder ein entzückend Bild
509
Verhüllt, bis Sonne, Mond und Zephyrwehn
510
Den Schleier lüften, und wir strahlen sehn
511
Der Insel Schönheit, wie die nackte Maid,
512
Erglühnd in Liebe und in Lieblichkeit,
513
Erröthet und erbebt ob ihrer Pracht.
514
Doch wie das Grubenlicht im Bergesschacht,
515
Glüht eine Seel' auch in des Eilands Kern,
516
Ein Hauch des Ewigen, das nah und fern
517
Sein Lächeln, ungesehn, doch tiefgefühlt,
518
Aufs blaue Meer, das leis den Strand umspült,
519
Auf graues Feld und grünen Wald ergießt,
520
Und ihre kahlen Lücken hold umfließt. –
521
Als größtes Wunder dieser Einsamkeit
522
Erhebt ein Bau sich dort aus alter Zeit;
523
Doch Niemand von dem Inselvolke kündet,
524
Von wem, und wann, und wie er ward gegründet;
525
Kein Kriegsthurm ist's, obgleich er überschaut
526
Der Wälder Kranz; zur Lust hat ihn gebaut
527
Ein weiser, guter Meeresfürst vorzeit,
528
Eh' in der Erde Frühling Sünd' und Leid
529
Erfunden war, – ein Wunderwerk und Ruhm
530
Der schlichten Zeit, das er als Eigenthum
531
Der Schwester oder Gattin zugewandt.
532
Kaum scheint es jetzt ein Werk der Menschenhand,
533
Nein, ein Titanenwerk, das aus dem Herzen
534
Der Erde wuchs, und aus der Berge Erzen
535
Und Felsgestein entstieg dem finstren Joch,
536
Und selbst sich wölbte Grotten, hell und hoch;
537
Denn all' die alten, künstlichen Gebilde
538
Erloschen längst, an deren Statt die wilde
539
Weinrebe und des Epheus dunkle Ranken
540
Als luft'ge Zier um Dach und Mauern schwanken;
541
Thaufunkelnd bunte Blüthen hell durchscheinen
542
Die dunklen Hallen rings gleich Edelsteinen,
543
Und wenn sie welken, lugt der Himmel vor
544
Durch ihres Laubgewindes Winterflor
545
Mit Mondenschimmer oder Sternenglanz
546
Und lichter Sommerwölkchen schneeigem Kranz,
547
Daß auf des parischen Marmors Dielenflur
548
Musivisch hinfällt ihrer Schatten Spur.
549
Und Tag und Nacht, von hoher Zinne her
550
Hinunter blickend, sieht man Erd' und Meer,
551
Die sich im Schlummer zu umarmen scheinen,
552
Süß träumend von Gewölk, Fels, Blumen, Hainen,
553
Und Allem, was wir glauben zu erkennen
554
In ihres Lächelns Glanz, und

555
Dies Haus und dieses Eiland nenn' ich mein,
556
Und du sollst Herrin dieser Wildniß sein.
557
Gemächer werden dort bereit dir stehn,
558
Die nach des Ostens goldnen Thoren sehn,
559
Vom Windeshauch umkost, der wellengleich
560
Hinfluthet überm Meereswellenreich.
561
Ich habe Bücher, Noten hingeschafft,
562
Und all' die Instrumente, welche Kraft
563
Dem Geist verleihn, die Zukunft aufzurufen
564
Aus ihrer Wiege, von des Grabes Stufen
565
Vergangnes zu beschwören, und den schwanken
566
Moment durch Glück zu fesseln und Gedanken,
567
Die schlummern können, aber niemals sterben,
568
Weil in sich selbst sie Ewigkeit erwerben.
569
Wenig bedürfen wir; gesunder Sinn
570
Giebt nimmer sich dem bleichen Luxus hin,
571
Dem Sklaven, der, statt sie zu schmücken, nur
572
Die Welt verwüstet; so wird stets Natur
573
Mit ihren Kindern segnen unsre Flur.
574
Die Ringeltaube noch im Epheu girrt
575
Ihr Liebesleid, und um den Thurm noch schwirrt
576
Die Eule, und der jungen Sterne Glanz
577
Blinkt auf der Fledermäuse Zwielichtstanz.
578
Es spielt das Reh in klarer Mondespracht
579
Vor unsern Blicken, und die stille Nacht
580
Mißt ihren Gang nach ihres Odems Beben.
581
Sei dies denn unsre Heimat für das Leben,
582
Und wenn die Jahre welker Stunden Pein
583
Wie Herbstlaub auf uns häufen, laß uns sein
584
Der Tag, der droben ausgespannt sein Blau,
585
Die Lebensseele dieser Edensau,
586
Uns selbst bewußt, untrennbar, Eines nur.
587
Bis dahin wollen unter dem Azur,
588
Der auf Joniens lichten Inseln ruht,
589
Wir Hand in Hand uns lagern an der Fluth,
590
Und durch die Felder wandeln, und besteigen
591
Die Berge, wo sich blaue Lüfte neigen
592
Mit leisem Hauch zu ihrem Buhlen nieder;
593
Dann wollen wir am hehren Strande wieder
594
Ausruhn, der, von des Meeres Kuß gestreift,
595
Funkelt und bebt und wie von Wonne träuft, –
596
Besitzend und empfindend all die Welt,
597
Die jener stille Kreis von Glück enthält,
598
Eines dem Andern völlig hingegeben,
599
Bis Eins in uns geworden Lieb' und Leben!
600
Und Mittags, Liebste, wollen wir verweilen
601
In einer Grotte, die den Strahlenpfeilen
602
Des wachen Tages ewig sich verschließt,
603
Und wo sich noch mit mattem Schein ergießt
604
Das Mondlicht, das die vorige Nacht versüßt, –
605
Ein Schleier, der uns einhüllt wie die Nacht!
606
Dort tödte Schlummer deiner Augen Pracht, –
607
Schlaf, der, wie schmachtender Liebe Thau so lind,
608
Wie Regen auf die glühnden Küsse rinnt,
609
Daß sie verlöschen unter seiner Fluth,
610
Bis sie erwachen mit erneuter Gluth.
611
Und plaudern wollen wir, bis unsren Seelen
612
Für ihre Melodie die Worte fehlen,
613
Um unsres Fühlens Wonne auszudrücken;
614
Dann sollen neu sie auferstehn in Blicken,
615
Die durch das stumme Herz entzückend lohn,
616
Harmonisch es durchfluthend ohne Ton.
617
Ineins soll unser warmer Odem schwellen,
618
Vereint sich heben unsres Busens Wellen;
619
Und vor der Lippen vielberedtem Schweigen
620
Soll sich verfinstert fast die Seele zeigen,
621
Die zwischen ihnen glüht; und jene Bronnen,
622
Die unsres Wesens tiefstem Schacht entronnen,
623
Die Quellen unsres Lebens, sollen kraus
624
Erblinken in der Leidenschaft Gebraus,
625
Wie Bergesquellen in dem Morgenschein.
626
Dann werden wir Ein Geist, Ein Odem sein
627
In zweien Körpern – ach! warum in zwein?
628
In Zwillingsherzen Eine Leidenschaft,
629
Die wächst und wuchs mit stets erneuter Kraft,
630
Bis, gleich zwei hellen Feuermeteoren,
631
Die gluthentflammten Seelen traumverloren
632
Sich treffen, einen, wandeln, holdverklärt,
633
Stets brennend, aber ewig unverzehrt;
634
Eines sich nährend an des Andern Sein,
635
Wie Flammen, die zu edel, licht und rein,
636
Um sich an niedrem Stoffe zu entzünden,
637
Sie, die, gen Himmel weisend, nimmer schwinden;
638
Ein Hoffen in zwei Willen, und Ein Wille,
639
Bedeckt von zweier Seelen Schattenhülle,
640
Ein Leben, Ein Tod, Eine Himmelsfreud',
641
Ein Höllenleid, Eine Unsterblichkeit,
642
Eine Vernichtung! – Weh, der Worte Schwingen,
643
Auf denen meine Seele wollte dringen
644
Zur höchsten Höh' der Liebeswelt hinauf,
645
Sie hemmen angstvoll ihren Feuerlauf,
646
Gelähmt, versengt im Flammendunst und Rauche –
647
Ich keuche, stöhne, zittre und verhauche!

648
Kniet, schwache Verse, vor der Herrin Thron,
649
Und sagt: »Wir sind die Herren deines Sklaven;
650
Was willst von uns du und von dem, was dein?«
651
Und dann aus des Vergessens Höhlenschluft
652
Ruft eure Schwestern auf, die lang dort schlafen,
653
Und stimmt in einen lauten Chorus ein,
654
Und singt: »Süß ist die Pein der Liebe schon,
655
Doch wird ihr erst in jener Welt ihr Lohn,
656
Die sie, wenn hier nicht, baut jenseits der Gruft.«
657
So werdet ihr mir dort Gefährten sein.
658
Dann mögt ihr durch die Menschenherzen wandern
659
In sehnsuchtsvoller Hast, bis ihr begegnet
660
Marina, Vanna, Primus und den Andern;
661
Sagt ihnen: »Liebet euch, und seid gesegnet!«
662
Heißt sie dem Schwarm entfliehn, der irrt und haßt,
663
Weist sie zu mir – ich bin der Liebe Gast.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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