O wilder Westwind, du des Herbstes Lied

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Percy Bysshe Shelley: O wilder Westwind, du des Herbstes Lied Titel entspricht 1. Vers(1819)

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O wilder Westwind, du des Herbstes Lied,
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Vor dessen unsichtbarem Hauch das Blatt,
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Dem Schemen gleich, der vor dem Zaubrer flieht,

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Fahl, pestergriffen, hektisch roth und matt,
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Ein todtes Laub, zur Erde fällt! O du,
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Der zu der winterlichen Ruhestatt

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Die Saaten führt – die Scholle deckt sie zu,
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Da liegen sie wie Leichen starr und kalt,
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Bis deine Frühlingsschwester aus der Ruh'

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Die träumenden Gefilde weckt, und bald
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Die auferstandnen Keim' in Blüthen sich
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Verwandeln, denen süßer Duft entwallt: –

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Allgegenwärt'ger Geist, ich rufe dich,
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Zerstörer und Erhalter, höre mich!

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Du, dessen Strömung bei des Wetters Groll
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Die Wolken von des Himmels Luftgezweig
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(engel von Blitz und Regen sind es) toll

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Wie sinkend Laub zur Erde schüttelt: – gleich
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Dem schwarzen Haare, das man flattern sieht
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Um ein Mänadenhaupt, ist wild und reich,

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Vom Saum des Horizonts bis zum Zenith
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Auf deinem Azurfeld die Lokenpracht
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Des nahnden Sturms verstreut! Du Klagelied

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Des sterbenden Jahres, welchem diese Nacht
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Als Kuppel eines weiten Grabes sich
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Gewölbt mit all der aufgethürmten Macht

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Von Dampf und Dunst, die bald sich prächtiglich
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Als Regen, Blitz entladen: – höre mich!

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Du, der geweckt aus seinem Sommertraum
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Das blaue Mittelmeer, das schlummernd lag,
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Gewiegt an einer Bimsstein-Insel Schaum

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In Bajä's Bucht von sanftem Wellenschlag,
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Und tief im Schlaf die Wunderstadt gesehn,
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Erglänzend in der Fluth kristallnem Tag,

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Wo blaues Moos und helle Blumen stehn,
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So schön, wie nimmer sie ein Dichter schuf!
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Du, dem im Zorne selbst entfesselt gehn

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Des Weltmeers Wogen, wenn sie trat dein Huf,
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Indeß der schlammige Wald, der saftlos sich
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Das Blatt am Grunde fristet, deinen Ruf

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Vernahm, daß falb sein grünes Haar erblich
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Und er sich bebend neigte: – höre mich!

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Wär' ich ein todtes Blatt, von dir entführt,
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Wär' eine Wolke, ziehnd auf deiner Spur,
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Wär' eine Welle, die den Odem spürt

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Von deiner Kraft, und selbst sie theilte, nur
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So frei nicht, Stürmender, wie du! Ja, schritt'
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Ich noch, ein Knabe, auf der Kindheit Flur,

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Begleiter dir auf deinem Wolkenritt,
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Als deinen Flug zu überholen, mir
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So leicht erschien: – dann klagt' ich, was ich litt,

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So bitter flehend nicht wie heute dir.
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O nimm mich auf, als Blatt, als Welle bloß!
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Ich fall' auf Schwerter – ich verblute hier!

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Zu Tode wund sinkt in des Unmuths Schooß
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Ein Geist wie du, stolz, wild und fessellos.

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Laß gleich dem Wald mich deine Harfe sein,
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Ob auch wie seins mein Blatt zur Erde fällt!
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Der Hauch von deinen mächt'gen Melodein

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Macht, daß ein Herbstton beiden tief entschwellt,
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Süß, ob in Trauer. Sei du, stolzer Geist,

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Gleich welkem Laub, das neuen Lenz verheißt,
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Weh meine Grabgedanken durch das All,
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Und bei dem Liede, das mich aufwärts reißt,

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Streu, wie vom Herde glühnder Funkenfall
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Und Asche stiebt, mein Wort ins Land hinein!
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Dem Erdkreis sei durch meiner Stimme Schall

68
Der Prophezeiung Horn! O Wind, stimm ein:
69
Wenn Winter naht, kann fern der Frühling sein?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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