Was lust vnd fleiß haben die Leut

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Johann Fischart: Was lust vnd fleiß haben die Leut Titel entspricht 1. Vers(1568)

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Was lust vnd fleiß haben die Leut
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In jhren Gärten offt zur zeit
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Mit setzung, jmpffung vnd auffsetzung
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Etwan ein Pfläntzlein zur ergetzung!
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Wie warten sie doch sein so eben,
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Daß sich das schößlein mög erheben!
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Frü machen sie jhm raum zur Sonnen,
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Zu Mittag sie jhm schatten gonnen;
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Da pfropffens, biegens, vnterstützen,
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Beschüttens, vor der Frost zuschützen,
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Messens bei Ruhten vnd Minuten,
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Sein täglich wachsen zuvermuhten;
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Da gehen sie alle tritt hinzu,
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Sehen, wie es auffschiessen thu,
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Vnd ist jhn süß all zeit vnd müh,
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Die sie damit zubringen je.
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Wie viel mehr lust solt haben dann
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Ein HaußVatter vnd jederman,
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Dem Gott die Kinder thut bescheren,
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Oder befilhet, die zu lehren,
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Daß sie dieselben Himmelspfläntzlein,
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Ihr Haußschößlein, ihr Ehrenkräntzlein,
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Ziehen vnd schmucken zu Gottes Ehren,
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Sein Wort gern hören vnd gern lehrnen,
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Daß sie zu preiß dem aller höchsten
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Auch mit der weil nutz sein dem Nächsten.
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Was schöners Opffer kan man geben
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Dem Herren Gott in diesem Leben?
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Denn das sind die recht Frücht vnd Güter,
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Die Gott gibt, das man opffer wider;
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Das sind die Oelzweig vnd die Reben,
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Die fruchtbar deinen Tisch vmbgeben;
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Diß ist deß Hauses benedeyen,
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Deß alters Früling, Glentz vnd Meyen;
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Daß sind die Bäumlein vnd die Palmen,
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Von denen David singt in Psalmen,
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Das sie gebawt sind vnd gepflantzt
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Neben die Wasserbäch deß Lands,
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Welche kein hitz im Sommer mindert,
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Noch im Winter kein Frost nicht hindert;
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Dann nicht erwelcken jhre Bletter
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Oder abfallen von dem Wetter,
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Die zu rechter Zeit jhr Frucht bringen,
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Damit erfrewen, die sie tüngen,
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Vnd die zu letst Gott gar versetzt
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Ins Paradeyß, sie da ergetzt,
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Sie macht zu ewigen Himmelssprößlein,
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Zu Gnadenfeuchten Engelsschößlein.
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Wie solt ein Lehrer vnd ein Vatter,
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Wa er hat ein barmhertzig Ader,
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Nicht han ein frewd mit jhrer zucht,
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Dieweil es ist eine schöne frucht,
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Vnd noch viel mehr an jhnen wird
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Natur lieblich anmuhtung gspürt,
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Als in den aller schönsten Geschöpffen,
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Darauß wir sonst ergötzung schöpffen.
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Das macht die lebhaft freundlichkeit,
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Die anlachend gesprechlichkeit,
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Die in den Kindern wir all spüren,
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Wie so schön all Gebärden zieren.
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Dann was ist lieblichers zuhören,
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Als wann die Kinder reden lehren,
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Wanns heraußlispeln bald die Red
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Vnd ruffen: Abba, Vatter, Ett,
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Ruffen der Mutter: Memm vnd Ammen,
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Geben nach jrer notturft Namen,
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Brauchen den ererbt Adams gwalt,
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Der jedem Geschöpff ein Nam gab bald.
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Wie ist jhn zuzusehen wol,
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Wanns wanckeln wie ein Wasserpfol,
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Vnd so halßlämig vngwiß tasten
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Vnd wie ein Engelchen erglasten!
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Solch freundlichkeit vnd lieblich sitten
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Solten die Elter vnd ein jeden
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Reitzen, daß sie deß lieber mehr
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Mit Kinderzucht vmbgiengen sehr,
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Dieweil solch blüend alter frisch
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Vmbsonst so lieblich gstalt nit ist,
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Auch offt das Wild vnd Vieh bewegt,
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Das es zu dem ein gfallen trägt.
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Vnd dieweil die Engel sich nicht schämen,
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Der Kindspfleg sich selbs anzunemmen,
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Wie Christus zeugt, das vor Gott standen
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Allzeit die Kinder, Engels gsanden,
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Wie wolt jhr dann solch Arbeit schewen,
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Weil es euch kompt zu nutz vnd trewen?
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Dann wen mags frewen mehr dann euch,
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So ewere Kinder sind Tugendreich?
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Wie kanstu bessere ruh dir schaffen,
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Vnd friedlicher in Gott entschlaffen,
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Dann so du weist, das dein Kind seind
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Erzogen wol vnd drumb Gotts freund,
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Vnd weißt, das nach dem Tod dein Kinder
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An Gott han ein ewigen Vorminder?
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Zu dem solt euch auch darzu bringen,
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Das jhr gern mit der Zucht vmbgingen,
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Dieweil Christus der HERR verheißt,
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Das, was man solchen Kindern beweißt,
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Das wöll er halten vnd ansehen,
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Als obs jhm selber sey geschehen;
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Dann er je klar spricht: Wer ein Kind
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In seim Nam auffnimmt, ihm selbs dient.
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Wie kan Man aber in seim Namen
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Kinder auffnemen von seim Stammen?
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Zwar anders nicht, dann so man die
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Zur Gottesforcht anhalt zimlich frü.
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Es sey Obere oder Herren,
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Die sie in Kirch vnd Schulen lehren,
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So wird selbs Christi drin gepfleget,
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Als ob man jhn im Geren träget,
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Vnd werden Oberkeit vnd Lehrer
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Dardurch sein Säugam vnd sein nehrer.
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Dann was sein kleinsten Gliedern gschicht,
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Das rechnet er, das jhn anficht.
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Drumb thun wol, die als dahin schlichten,
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Das man dJugend mög recht berichten,
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Zu kennen lehrnen jhren Gott,
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Der sie von Sünden, Höll vnd Todt
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Auch mit seins Sohns Blut glöset hat,
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Vnd schenckt jhn als durch lauter gnad.
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Hingegen tröwt der Herr groß pein
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Den, die der kleinsten ärgern ein,
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Dann dem ein Mülstein besser wer
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Am Halß vnd sein versenckt im Meer!
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Derhalben auß mit losem Geschwetz,
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Welchs gute sitten nur verletzt,
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O auß mit Vnzucht, Füllerei,
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Mit böser Gsellschaft Büberei!
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Raumt weit von diesen zarten Hertzen
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Das Gottloß gsind, das schandbar schertzen,
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Laßt solch wort nit mehr von euch hören,
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Das dJugend weltlichkeit muß lehren!
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Es dunckt mich, es lehret sich früh;
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Mutwill vnd Frechheit kompt ohn müh.
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Lehr du sie die recht Gottsforcht vor,
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Die ist zu Weisheit Thür vnd Thor,
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Vnd denck, das rechenschafft mußt geben
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Für die verderbnuß vnd böß Leben.
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Es läßt sich zwar nicht also schimpffen
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Vnd mit der Weltlichkeit verglimpffen;
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Du hörst wol, was dein Christus melt,
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Sein Völcklein sey nit von der Welt.
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Wiltu dein Kinder Weltlich machen,
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So stecks dem Teuffel in den Rachen,
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Dann man soll brauchen so die Welt,
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Als ob mans nit brauch, noch was gelt.
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Man kan nit dienen je zugleich
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Gott vnd der Welt, deß Teuffels Reich;
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Daher vmbsonst nit Christus spricht,
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Ihr Engel sehen Gotts Angsicht,
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Als sprach er, daß sie die verklagen,
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Die Kindern hie böß vorbild tragen.
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O weh der Welt vor ärgernuß,
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Welchs Weltlichkeit heut heissen muß,
155
Damit man reitzt Gotts Raach herzu,
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Zu straffen das Kalb mit der Kuh.
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Dann wie wolt Gott das leiden jmmer,
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Das man sein grün Setzling bekümmer
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Vnd jhm dasselb besudlen thut,
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Was sein Sohn reinigt durch sein Blut,
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Das man die zarte Gfäß verwüst,
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Die zu seim Lob warn zugerüst?
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Bedacht, das der Prophet sagt dort,
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Gott leg in Kinds mund auch sein wort,
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Vnd müssen auch jhr Söhn vnd Töchter
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Seine Aposteln sein vnd Wächter,
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Vnd auß der Unmündigen Stämlen
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Will er seins Namens lob auch samlen.
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Wie samlet er aber diß sein Lob?
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Nämlich durch sein wort, die recht prob,
171
Das laßt er trewlich durch sein Lehrer
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Theylen nach gelegenheit der Zuhörer,
173
Also das ers auch nicht verschweigt
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Dein Kindern, wie diß Büchlein zeigt,
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Darinn er jhn nach jhrm verstand
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Durch kurtze Fragstück macht bekant
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Die fürnemst stück Christlicher Lehre,
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Wie man jhn recht nach seim wort ehre.
179
Derwegen niemand nicht veracht
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Die Fragen, hie kurtz eingebracht,
181
Sondern denck, das wir müssen all
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Zu Kindern werden in dem fall,
183
Wollen wir anders glauben recht
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Die gheimnuß vnsers glaubens schlecht.
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Die Kindlich einfallt muß uns führen
186
Vnd müssen lassen vns Regieren
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Gotts worts, gleich wie das Kind Regiert
188
Deß Vatters Red, was der ordiniert;
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Müssen von vns nicht hoch ding halten,
190
Sondern wie ein Kind demütig walten,
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Welches Christus damals hat gemelt,
192
Da er das Kind für dJünger stelt.
193
Hierumb so brauch, mein liebe Jugend,
194
Diß Büchlin zu lehr vnd rechter Tugend,
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Die dann in Gotts Erkantnuß stehet,
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Das man nach seinen Gebotten gehet.
197
Darzu wöll Gott sein gdeyen geben
198
Vnd nach diesem das ewig Leben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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