Das letzte Lied

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Heinrich von Kleist: Das letzte Lied (1809)

1
Fern ab am Horizont, auf Felsenrissen,
2
Liegt der gewitterschwarze Krieg getürmt.
3
Die Blitze zucken schon, die ungewissen,
4
Der Wandrer sucht das Laubdach, das ihn schirmt.
5
Und wie ein Strom, geschwellt von Regengüssen,
6
Aus seines Ufers Bette heulend stürmt,
7
Kommt das Verderben, mit entbundnen Wogen,
8
Auf alles, was besteht, herangezogen.

9
Der alten Staaten graues Prachtgerüste
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Sinkt donnernd ein, von ihm hinweggespült,
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Wie, auf der Heide Grund, ein Wurmgeniste,
12
Von einem Knaben scharrend weggewühlt;
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Und wo das Leben, um der Menschen Brüste,
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In tausend Lichtern jauchzend hat gespielt,
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Ist es so lautlos jetzt, wie in den Reichen,
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Durch die die Wellen des Kozytus schleichen.

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Und ein Geschlecht, von düsterm Haar umflogen,
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Tritt aus der Nacht, das keinen Namen führt,
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Das, wie ein Hirngespinst der Mythologen,
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Hervor aus der Erschlagnen Knochen stiert;
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Das ist geboren nicht und nicht erzogen
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Vom alten, das im deutschen Land regiert:
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Das läßt in Tönen, wie der Nord an Strömen,
24
Wenn er im Schilfrohr seufzet, sich vernehmen.

25
Und du, o Lied, voll unnennbarer Wonnen,
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Das das Gefühl so wunderbar erhebt,
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Das, einer Himmelsurne wie entronnen,
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Zu den entzückten Ohren niederschwebt,
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Bei dessen Klang, empor ins Reich der Sonnen,
30
Von allen Banden frei die Seele strebt;
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Dich trifft der Todespfeil; die Parzen winken,
32
Und stumm ins Grab mußt du daniedersinken.

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Erschienen, festlich, in der Völker Reigen,
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Wird dir kein Beifall mehr entgegen blühn,
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Kein Herz dir klopfen, keine Brust dir steigen,
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Dir keine Träne mehr zur Erde glühn,
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Und nur wo einsam, unter Tannenzweigen,
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Zu Leichensteinen stille Pfade fliehn,
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Wird Wanderern, die bei den Toten leben,
40
Ein Schatten deiner Schön' entgegenschweben.

41
Und stärker rauscht der Sänger in die Saiten,
42
Der Töne ganze Macht lockt er hervor,
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Er singt die Lust, fürs Vaterland zu streiten,
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Und machtlos schlägt sein Ruf an jedes Ohr, –
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Und da sein Blick das Blutpanier der Zeiten
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Stets weiter flattern sieht, von Tor zu Tor,
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Schließt er sein Lied, er wünscht mit ihm zu enden,
48
Und legt die Leier weinend aus den Händen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich von Kleist
(17771811)

* 18.10.1777 in Frankfurt (Oder), † 21.11.1811 in Kleiner Wannsee

männlich, geb. von Kleist

Suizid | Schusswunde

deutscher Dramatiker, Erzähler, Lyriker und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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