Der Engel am Grabe des Herrn

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Heinrich von Kleist: Der Engel am Grabe des Herrn (1794)

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Als still und kalt, mit sieben Todeswunden,
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Der Herr in seinem Grabe lag; das Grab,
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Als sollt es zehn lebendge Riesen fesseln,
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In eine Felskluft schmetternd eingehauen;
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Gewälzet, mit der Männer Kraft, verschloß
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Ein Sandstein, der Bestechung taub, die Türe;
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Rings war des Landvogts Siegel aufgedrückt:
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Es hätte der Gedanke selber nicht
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Der Höhle unbemerkt entschlüpfen können;
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Und gleichwohl noch, als ob zu fürchten sei,
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Es könn auch der Granitblock sich bekehren,
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Ging eine Schar von Hütern auf und ab,
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Und starrte nach des Siegels Bildern hin:
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Da kamen, bei des Morgens Strahl,
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Des ewgen Glaubens voll, die drei Marien her,
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Zu sehn, ob Jesus noch darinnen sei:
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Denn Er, versprochen hatt er ihnen,
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Er werd am dritten Tage auferstehn.
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Da nun die Fraun, die gläubigen, sich nahten
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Der Grabeshöhle: was erblickten sie?
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Die Hüter, die das Grab bewachen sollten,
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Gestürzt, das Angesicht in Staub,
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Wie Tote, um den Felsen lagen sie;
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Der Stein war weit hinweggewälzt vom Eingang;
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Und auf dem Rande saß, das Flügelpaar noch regend,
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Ein Engel, wie der Blitz erscheint,
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Und sein Gewand so weiß wie junger Schnee.
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Da stürzten sie, wie Leichen, selbst, getroffen,
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Zu Boden hin, und fühlten sich wie Staub,
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Und meinten, gleich im Glanze zu vergehn:
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Doch er, er sprach, der Cherub: »Fürchtet nicht!
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Ihr suchtet Jesum, den Gekreuzigten –
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Der aber ist nicht hier, er ist erstanden:
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Kommt her, und schaut die öde Stätte an.«
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Und fuhr, als sie, mit hocherhobnen Händen,
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Sprachlos die Grabesstätte leer erschaut,
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In seiner hehren Milde also fort:
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»geht hin, ihr Fraun, und kündigt es nunmehr
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Den Jüngern an, die er sich auserkoren,
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Daß sie es allen Erdenvölkern lehren,
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Und tun also, wie er getan«: und schwand.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich von Kleist
(17771811)

* 18.10.1777 in Frankfurt (Oder), † 21.11.1811 in Kleiner Wannsee

männlich, geb. von Kleist

Suizid | Schusswunde

deutscher Dramatiker, Erzähler, Lyriker und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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