Erinnerung der Sterblichkeit

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Heinrich Mühlpfort: Erinnerung der Sterblichkeit (1686)

1
Ich weiß daß Erd und Staub in meinem Leib verhüllt/
2
Ich weiß auch daß mein Leib die Erde wiederfüllt/
3
Denn was gebrechlich ist muß mit der Zeit zerfallen.
4
Ein Hauß kan nicht bestehn/ wenn Grund und Pfeiler
5
Wie soll der Glieder-Bau denn ewig können seyn/
6
Da jeden Augenblick der Tod was reisset ein.
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Wir werden nicht gewahr daß unsre Tage schwinden/
8
Biß daß wir Schnee und Eiß auf Haar und Scheitel finden.
9
Die freche Jugend denckt der letzten Stunde nicht/
10
Biß daß ihr scheinbar Glaß ein einzig Stoß zerbricht.
11
Nein/ jeder Tritt und Schritt der führt mich zu dem Grabe/
12
An dem ich meine Lust und höchst’ Ergetzung habe.
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Ich sehe da den Port nach so viel Sturm und Wind/
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Und weiß daß sich kein Blitz mehr über mich entzündt.
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O Grab/ gewünschtes Hauß und süsse Ruhe-Kammer/
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Ach nimm mich nur zu dir/ verschleuß doch meinen Jammer
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In deiner Höle Nacht/ O lieblichstes Gemach/
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O schönster Auffenthalt/ und Frieden-reiches Dach/
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Wie hertzlich sehn ich mich die abgematten Knochen/
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Den ausgezehrten Leib/ des bangen Hertzens Pochen
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Und endlich Fleisch und Blut/ der Seelen altes Kleid/
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Dir liefern zum Geschenck und Pfand der Sterblichkeit.
23
Ein ander wird gantz blaß wenn er dich höret nennen/
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Ich aber muß fürwahr in heilger Andacht brennen/
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Wenn ich mein Wohnhauß seh in dem werde ruhn/
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Da mir die arge Welt vermag kein Leyd zu thun.
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Gottlose Hertzen sehn nur deine Finsternüsse/
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Da ich des Lebens-Sonn in diesen Schatten grüsse/
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Die finster-schwartze Grufft weist mir der Klarheit Schein/
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Indem ich meinem GOtt recht ähnlich werde seyn.
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Die dürren Todten-Bein und Schaalen von dem Hirne/
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Sind mir in meinem Aug’ ein funcklendes Gestirne.
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Den tieffen Gruben die mit Schimmel sind behängt/
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Wird doch der Engel-Glantz für solchen Wust geschenckt.
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Der morsche Rücken-Grad/ der spröden Rippen Prasseln/
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Der ungeheure Stanck/ zerbrochner Särcke Rasseln/
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Und was ein feiger Mensch für häßlich hält und schätzt/
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Hat mich so offt ich dran gedencke sehr ergetz’t.
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Zumahl wenn sich die Seel’ ermuntert/ hochgestiegen/
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Und alles was die Welt groß achtet/ lassen ligen/
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Sich ihrem Himmel zu/ von dem sie kommt/ gelenckt/
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Verwundernd ausgelacht/ was sie zuvor gekränckt.
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Die unablässig Angst in der ein Mensch muß schmachten/
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Die Feinde so uns stets zu Fall zu bringen/ trachten
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Das Siechhauß vor den Leib an dem kein Glied sich regt/
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Das nicht zugleich den Tod in seinen Adern trägt.
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Diß hat des Himmels Braut/ die Seele/ überschritten/
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Geneust so viel der Lust als viel sie Qual gelitten/
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Wird mit der Gnaden-Quell der Ewigkeit getränckt/
50
Da ihr zuvor die Welt nur Myrrhen eingeschenckt.
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Wie ein Gefangner zehlt die Tage die er sitzet/
52
Den Kercker-Meister haßt der ihn mit Stahl umbschützet/
53
Hergegen Stund auf Stund nach seiner Freyheit tracht;
54
So glaubet/ daß es auch die Seel nicht anders macht.
55
Sie möcht im Eiter-Wust des Leibes schier ersauffen/
56
In diesem Marter-Hauß kommt alle Noth zu hauffen.
57
Die Bande sind zu schwehr mit denen sie bestrickt/
58
Die Last ist übergroß die sie Verschloßne drückt.
59
Und soll sie drunter nicht in Wust und Koth verderben/
60
So wünscht sie auffgelößt zu seyn durch zeitlich Sterben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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