Der Morgen dämmert. Seine ersten Lichter

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Ferdinand von Saar: Der Morgen dämmert. Seine ersten Lichter Titel entspricht 1. Vers(1869)

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Der Morgen dämmert. Seine ersten Lichter
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Erhellen matt und kühl des Parkes Grün.
3
Rings tiefe Stille; leise zwitschernd nur
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Regt's in den Wipfeln sich, und aus dem Spiegel
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Des Teiches schnellt ein Silberfisch empor.

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Mit dicht verhüllten Fenstern lautlos liegt
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Das Schloß, und in den dunkelnden Gemächern,
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Vom Schlaf umfangen, liegen die Bewohner.
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Selbst jene, die der kurzen Sommernacht
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Langsame Stunden schlummerlos gezählt,
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Im Seelenaufruhr hin und her sich werfend –
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Selbst jene hat des Morgens Schauer jetzt
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Zur Ruh' gebracht ...

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Noch eine Stunde. Dann ein erster Ruck –
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Und nach und nach belebt sich dieses Schweigen.
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Emporgerüttelt aus dem kurzen Schlaf
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Der Arbeit hat die Pflicht den Dienertroß.
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Mit unvergnügter Hast geht er an's Tagwerk,
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Indeß verschlaf'ne Bonnen, leisen Fußes,
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Vorsorglich seid'nen Kinderbetten nah'n,
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Und gähnend ihre Brust die träge Amme
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Dem Säugling reicht, der schon nach ihr gewimmert.

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Und später dann, von einsam öden Lagern,
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Aus öden Träumen, heben seufzend sich
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Empor die Lehrer und die Gouvernanten,
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Die mit ergrau'nden Häuptern immer noch
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Als lebende Vocabelntrichter wandeln.
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Sie schlüpfen rasch in abgenützte Tracht
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Und blicken in den Hof stumpfsinnig nieder,
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Wo wiehernd schon die stolzen Rosse stampfen
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Der stolzen Herren, die mit Sporngeklirr
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Zum Morgenritt hinab die Treppen eilen.
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So Jung, wie Alt. Mit leerer Stirn die Einen
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Und leerem Herzen; And're kühnen Geistes,
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Die Brust zerwühlt vom Drang der Leidenschaften,
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Von Herrschsucht, Ehrgeiz, Eifersucht und Haß,
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Die Brau'n gefaltet und durchfurcht das Antlitz
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Von Sorgen des Besitzes und der Macht,
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Von Sorgen, die schon früh die Haare bleichen,
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Doch auch zum Widerstand die Glieder stählen ...

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Schon blitzt es gold'ger um das Laub des Parks;
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Thaufrischer Rosen Duft dringt süß durch Fenster,
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So man geöffnet leise zur Erquickung
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Für heiße Stirnen, die auf Spitzenkissen
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Im Wachen noch fortträumen jene Träume,
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Wie sie die Frauen träumen ...
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Allgemach
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Bewegen weiße Arme sich und Schultern,
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Und von dem Schnee der Linnen richtet sich
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In unbelauschter Pracht die Schönheit auf,
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Hier im Erblühen – dort schon im Verblüh'n.

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Stets höher steigt die Sonne. Würzig duften
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Jasmin und Nelke. Heimgekehrt, erhitzt,
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Ist schon die Reiterschaar. Einladend blinken
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Unter Platanenwipfeln Silberkannen,
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Von holden Lippen tönen Morgengrüße,
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Es strecken zarte Hände sich entgegen
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Zum Druck und Kuß; von Stimmen wird es laut,
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Es klirren Tassen – und nun rollt der Tag
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Durch jedes Leben dieser Welt im Kleinen,
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Der Tag mit seinem Schicksal – bis sich wieder
62
Zum Schlummer sanft das letzte Aug' geschlossen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ferdinand von Saar
(18331906)

* 30.09.1833 in Wien, † 24.07.1906 in Döbling

männlich

Suizid | Schusswunde

österreichischer Schriftsteller, Dramatiker und Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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