Auf des Wartsaals hartem Sopha

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Ferdinand von Saar: Auf des Wartsaals hartem Sopha Titel entspricht 1. Vers(1869)

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Auf des Wartsaals hartem Sopha
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Liegend halb, das ros'ge Antlitz
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Von dem blauen Reiseschleier
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Hold umflossen, blickst du sinnend
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Nach dem Fremdling, der inmitten
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Tief gebräunter Römerenkel
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Vor dir steht mit heller Locke
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Und mit Augen, blau wie deine.
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Will er dich der fernen Heimat
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An der Zuidersee gemahnen,
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Die du in der Schwestern Kreise
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Und der Eltern Hut verlassen,
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Um zu schau'n die ew'ge Roma,
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Um zu schau'n den Dom Sankt Peter
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Und Apoll im Vaticane?
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Wahrlich, unbefriedigt scheinst du
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Von den Herrlichkeiten allen –
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Und doch müd', fast überdrüssig,
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Ungeduldig schon, zu scheiden
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Von dem wunderbaren Leben,
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Das dich hier so fremd umwogt hat.

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Und aus deines Blickes Leuchten,
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Aus dem Wallen deines Busens
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Spricht die Sehnsucht, die du mitnimmst,
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Wie du sie hieher getragen:
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Jene Sehnsucht, die sich nimmer
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Durch den Schutt zerfall'ner Tempel
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Und geborst'ner Colonnaden,
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Nicht durch Raphaels Engelsköpfe
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Stillen läßt, noch durch die bleichen
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Marmorbilder der Hellenen.
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Und wie ich dich so betrachte,
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In die lebenswarme Fülle
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Deiner Schönheit mich versenkend:
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Fühl' ich, wie auch meine Seele,
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Die sich eben sanft beschwichtigt
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Auf der Kunst geweihtem Boden,
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An dem Geiste hoher Ahnen,
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Wieder heiß verlangend aufbebt.
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Tiefverhalt'ne Gluthen lodern
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Fühl' ich plötzlich, und es ist mir,
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Als hätt' ich in dir gefunden
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All das Glück, darnach ich ringe,
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Seit ich athme – und entbehre ...

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Horch! Ein Pfiff und laute Rufe;
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Thüren werden aufgerissen –
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Und schon trittst du, rasch den Schleier
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Niederlassend, mit den Deinen
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Zarten Fußes auf die Schienen,
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Wo du im Waggon verschwindest. –
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Träumend steh' ich vor dem Zuge,
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Der zu neuem Lauf sich rüstet
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Mit Gestöhn und wildem Schnauben.
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Jetzt ein Ruck – ein leises Rollen –
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Und er führt dich in die Weite,
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Rascher immer, immer mächt'ger
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Vorwärts drängend. Und ich folg' ihm –
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Erst mit Blicken, dann im Geiste,
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Wie er hineilt durch die hehre
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Götterlandschaft mit den alten
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Wundervollen Städtebildern,
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Bis zu jenem hellen, lichten
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Marmorbautenkranz am Arno.
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Und von da, hinan, hinunter,
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Nach Bologna, nach Venedig,
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Durch die grünen deutschen Lande,
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Fort am Rheinstrom – bis sich endlich
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Aus der Fluth entfernten Meeres
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Deine Vaterstadt emporhebt:
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Amsterdam, so reinlich kühlig –
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Amsterdam, wo bald der stolze
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Mynheer, wohl der Ersten Einer
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An der weltberühmten Börse
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Und ein großer Tulpenzüchter,
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Dir die ringgeschmückte Hand reicht,
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Um zu stillen jene Sehnsucht,
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Die du einst nach Rom getragen ...
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Ich jedoch – hinunter will ich
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Durch Campanien im Fluge,
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Nach dem Golfe von Neapel,
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Wo das Leben tausendfarbig
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Aufblitzt, wo der jugendliche
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Phönix Schönheit aus den Flammen
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Wildesten Genusses täglich
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Neu ersteht – und selbst der alte
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Dräuer mit der Rauchkapuze
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Machtlos wird vor Myriaden
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Lustgeschwellter Daseinskeime.
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Dort im Rausche jener tollen
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Stadt will ich vergessen lernen,
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Daß ich dich geseh'n, du holde,
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Mir verlor'ne Menschenblume.
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Und bewähren soll sich wieder
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Mein Verhängniß, das mich immer
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Aus erhab'nen Lichtgefilden
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Niederzwingt in dunkle Tiefen
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Unruhvollen Erdendranges,
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Bis ich einst an unerfüllten
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Herzenswünschen still verblute –
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So wie du!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ferdinand von Saar
(18331906)

* 30.09.1833 in Wien, † 24.07.1906 in Döbling

männlich

Suizid | Schusswunde

österreichischer Schriftsteller, Dramatiker und Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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