Noch ist dein Antlitz hell und mild

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Ferdinand von Saar: Noch ist dein Antlitz hell und mild Titel entspricht 1. Vers(1869)

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Noch ist dein Antlitz hell und mild
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Und sanft sind deine Augen;
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Du könntest zum Madonnenbild,
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Mit himmlischem Genügen
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In jungfräulichen Zügen,
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Dem frömmsten Maler taugen.

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Noch könnt' ein starkes, schlichtes Herz,
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Nicht achtend deines Falles,
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Mit stumm zurückgewies'nem Schmerz
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Bekränzen, früh Verirrte,
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Dein Haupt mit weißer Myrte –
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Verzeiht doch Liebe Alles!

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Noch könntest du so treu, so gut –
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Wenn du mit reu'ger Thräne
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In jenes Herzens milder Hut
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Gebüßt die Schuld der Erden –
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Zum reinsten Weibe werden,
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Wie einstens Magdalene.

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Das könntest du! – Doch büßen bleibt
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Ja fremd der raschen Jugend;
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Das Leben zum Genusse treibt –
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Wer möcht' es ihr verargen,
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Daß sie verlacht den kargen
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Und matten Lohn der Tugend?

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Wohlan denn – so genieße, Kind!
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Laß deine jungen Sinne –
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Wie Wölkchen oft vom Frühlingswind
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Zu heimlichen Gewittern
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Herangefächelt – zittern
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Im heißen Strahl der Minne.

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Doch wenn die Stunde kommen muß –
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O dann beglücke Jenen,
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Der längst nach deinem Feuerkuß,
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Nach deines Gürtels Sinken
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Und deiner Glieder Blinken
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Gelechzt mit trunk'nem Sehnen.

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Der längst erkannt, daß deinem Haupt,
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Dem schwer zurückgebog'nen,
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Der Unschuld erster Kranz geraubt –
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Daß mit bewußtem Trachten
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Schon diese Augen schmachten,
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Die bläulich leicht umzog'nen.

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Und was du hast an Gluth und Blut,
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Das lasse glüh'n und wallen –
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Und laß, umwogt von hoher Fluth,
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Wenn sich die Lippen pressen
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In seligem Vergessen
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Den letzten Schleier fallen!

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Das könntest du. – Doch matt und schwach
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Schlägt in der Brust das Herz dir –
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Und sorglos trägst du deine Schmach:
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Denn jener Tag vor allen,
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An welchem du gefallen,
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Bracht' weder Lust noch Schmerz dir.

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Nicht einmal zürnen kannst du, Weib,
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Wie schön es dir auch stünde;
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Du schmückst nur lächelnd deinen Leib,
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So schwach im Widerstreben,
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So treulos ohne Beben –
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So kühl selbst bei der Sünde.

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Ich aber, wie Pygmalion,
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Der schönheitstrunk'ne, wilde,
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Ich nahe mich zertrümmernd schon,
64
Weil ich mich müh' vergebens
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Um
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Dem stummen Götterbilde!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ferdinand von Saar
(18331906)

* 30.09.1833 in Wien, † 24.07.1906 in Döbling

männlich

Suizid | Schusswunde

österreichischer Schriftsteller, Dramatiker und Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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