Ein Sang der Freuden

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Walt Whitman: Ein Sang der Freuden (1855)

1
O, das frohlockendste Jubellied anzustimmen!
2
Voll Musik, voll Mannheit, Weibheit, Kindheit,
3
Voll gewöhnlicher Beschäftigungen – voll Korn und Bäumen.

4
O, die Stimmen der Tiere!
5
Die Geschwindigkeit und das Gleichgewicht der schwimmenden Fische,
6
Das Fallen der Regentropfen im Liede.
7
O Sonnenschein und Wellenbewegung in einem Gesang!

8
O Freude meines Geistes – uneingekerkert strahlt er Blitze!
9
Es genügt nicht, diesen Erdball und eine Spanne Zeit zu haben,
10
Ich will Tausende von Erdkugeln und alle Zeiten haben!

11
O, die Freuden des Ingenieurs, mit einer Lokomotive zu fahren!
12
Das Zischen des Dampfes zu hören, das fröhliche Schrillen der Dampfpfeife – die lachende Lokomotive,
13
Mit unaufhaltsamer Schnelligkeit in der Ferne zu verschwinden ...

14
O, das glückselige Streifen über Felder und Hügel!
15
Die Blätter und Blüten des gewöhnlichsten Unkrauts, die feuchte Frische des stillen Waldes,
16
Der köstliche Erdgeruch bei Tagesanbruch und den ganzen Vormittag hindurch.

17
O, die Freuden des Reiters und der Reiterin!

18
O, die Freuden des Feuerwehrmannes!
19
Ich höre den Alarm in der Stille der Nacht,
20
Höre Glocken, Rufe – ich laufe, ich hole die Menschenmenge ein,
21
Der Anblick der Flammen macht mich rasend vor Vergnügen.

22
O, die Freuden der Mutter!
23
Das Behüten, das Ertragen, die unendliche Liebe, die Seelenqual, das geduldig hingegebene Leben.

24
O, die Freuden des Wachsens und der Erneuerung,
25
Die Freude des Tröstens und Beruhigens, die Freude des Einverständnisses, des Einklangs,

26
O, an den Ort zurückzukehren, wo ich geboren!
27
Die Vögel noch einmal singen zu hören,
28
Noch einmal durch Haus und Scheunen und über die Felder zu streifen,
29
Durch den Obstgarten und die alten Redderwege ...

30
O! Auch etwas Verderbliches und Grausiges,
31
Etwas weitab von dem kleinlichen und frommen Leben!
32
Etwas vom Anker Losgerissenes und frei Treibendes!

33
O, in Minen zu arbeiten, oder das Eisen zu schmieden!
34
Eisen zu gießen, die Gießerei selbst, das grobe, hohe Dach, der weite schattige Raum,
35
Der Hochofen, die heiße Flüssigkeit, wie sie ausgegossen dahinläuft ...

36
O, die Freuden des Soldaten wieder zu durchleben!
37
Die Gegenwart eines tapferen Offiziers zu fühlen und seine Sympathie,
38
Seine kaltblütige Ruhe – erwärmt durch die Strahlen gütigen Lächelns,
39
In die Schlacht zu ziehen, die Hörner zu hören und die Trommeln,
40
Das Krachen der Artillerie, das Glitzern der Bajonette und Gewehrkolben in der Sonne,
41
Männer fallen und sterben zu sehen ohne zu klagen,
42
Den wilden Blutgeschmack zu schmecken – so teuflisch sein zu können!
43
So zu triumphieren über den Tod und die Wunden der Feinde.

44
O mein Greisenalter! die edelste aller Freuden!
45
Meine Kinder und Kindeskinder, mein weißes Haar und mein Bart,
46
Und die volle Reife, die Ruhe und Würde – gewonnen aus der langen Strecke meines Lebens ...

47
O gereifte Freuden der Weibheit – O Glück doch zuletzt!
48
Wie klar ist mein Geist, wie fühlen sich alle zu mir hingezogen!
49
Was für Anziehungskräfte sind denn das, mehr als alle früheren Reize?
50
Solch ein Blühen, mehr als das Blühen der Jugend?
51
Was ist das für eine Schönheit, die sich auf mich herabsenkt und aus mir emporsteigt?

52
O, die Freuden des Redners!
53
Mit voller Brust den Donner der Stimme aus Hals und Rippen zu entsenden,
54
Die Menge mit mir rasen, weinen, hassen und begehren zu machen,
55
Amerika zu führen! – Amerika mit gewaltiger Zunge zu bezwingen!

56
Die Freuden von Ohio, Illinois, Wisconsin, Kanada, Jowa, Kansas, Missouri, Oregon!
57
Beim Tagesgrauen aufzustehen und gleich zur Arbeit zu eilen,
58
Im Herbst das Land zu pflügen für die Wintersaat,
59
Im Frühjahr zu pflügen für die Maissaat,
60
Obstgärten zu pflegen, Bäume zu pfropfen und im Herbst die Äpfel zu pflücken.

61
O, im Schwimmbassin zu baden oder an einer günstigen Stelle am Ufer,
62
Im Wasser zu platschen, knöcheltief darin zu waten, oder nackt am Ufer entlang zu rennen!

63
O, sich des unbegrenzten Raumes bewußt zu werden!
64
Des Überflusses von allem, daß es keine Grenzen gibt,
65
Aufzutauchen und eins zu sein mit dem Himmel, der Sonne, dem Mond und den fliehenden Wolken ...

66
O, die Freude des männlichen Selbstbewußtseins!
67
Niemandem unterwürfig zu sein, keinem der bekannten oder unbekannten Tyrannen zu dienen,
68
Einherzugehen in aufrechter Haltung mit leichtem, federndem Schritt,
69
Mit ruhigem Blick oder mit funkelndem Auge dreinzuschauen,
70
Mit voller, tiefer Stimme aus breiter Brust zu sprechen,
71
Und die eigene Persönlichkeit allen andern Persönlichkeiten der Erde entgegenzustellen.

72
Kennst du die köstlichen Freuden der Jugend?
73
Freude des frohen, licht-strahlenden Tages? Freude der hochatmenden Kampfspiele?
74
Freuden süßer Musik, des erleuchteten Ballsaals und der Tänzer?
75
Freuden der reichlichen Mahlzeit, des kräftigen Gelages und Trinkens?

76
O! Anzuziehen mit mehr als gewöhnlicher Anziehungskraft!
77
Wie es möglich ist, weiß ich nicht – doch sieh, etwas, das keinem andern gehorcht,
78
Immer angreifend, niemals widerstehend – wie magnetisch zieht es an.

79
Gegen eine Übermacht zu kämpfen, Feinden unerschrocken zu begegnen,
80
Ganz allein mit ihnen zu sein, zu erproben was man ertragen kann,
81
Streit, Schmerz, Gefängnis und öffentlicher Ächtung fest ins Antlitz zu blicken,
82
Wirklich ein Gott zu sein!

83
Auf einem Schiff in See zu stechen –
84
Dieses gleichmäßige, unerträgliche Land hinter sich zu lassen,
85
Die ermüdende Gleichheit der Straßen, der Bürgersteige und Häuser,
86
Dich, du unbewegliches festes Land zu verlassen und ein Schiff zu besteigen
87
Und segeln, segeln, segeln! ...

88
O, das Leben hinfort wie ein Gedicht voll neuer Freuden zu haben!
89
Tanzen, händeklatschen, frohlocken, hüpfen, springen, weiter rollen, weiter schwimmen,
90
Ein Seefahrer der Welt zu sein, nach allen Häfen bestimmt,
91
Selber ein Schiff (sieh' doch, wie ich meine Segel der Sonne und Luft entgegenbreite!):
92
Ein schnelles, schwellendes Schiff, voll reicher Gedanken und Freuden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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