Gesang von mir selbst

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Walt Whitman: Gesang von mir selbst (1855)

1
Ich feiere mich selbst und singe mich selbst,
2
Und was ich mir anmaße, das sollt ihr euch anmaßen,
3
Denn jedes Atom, das mir gehört, gehört auch euch!

4
Meine Zunge, jedes Teilchen meines Blutes ist hier aus diesem Boden, aus dieser Luft gebildet,
5
Von Eltern geboren, die hier von ähnlichen Eltern geboren, und diese wieder von ähnlichen Eltern,
6
So beginne ich jetzt, siebenunddreißig Jahre alt, in vollkommener Gesundheit,
7
Und hoffe nicht eher aufzuhören, bis zum Tode.

8
Häuser und Räume sind voller Wohlgerüche, die Bücherbörter sind voller Düfte,
9
Die ich einatme, die ich kenne und liebe,
10
Die Essenz würde mich berauschen, aber ich lasse es nicht zu.

11
Sie ist immer für meinen Mund; ich bin verliebt in sie,
12
Ich will zum Hügelhang am Walde gehen und unverkleidet und nackt sein,
13
Denn ich lechze danach, mit ihr in Berührung zu kommen.

14
Ich hörte die Schwätzer schwatzen vom Anfang und vom Ende,
15
Aber ich rede nicht vom Anfang oder vom Ende.

16
Nie war mehr Anfang als jetzt,
17
Nie mehr Jugend oder mehr Alter als jetzt,
18
Nie wird es mehr Vollkommenheit geben als jetzt,
19
Oder mehr Himmel und Hölle als jetzt.

20
Drängen und Drängen und Drängen –
21
Immer der zeugende Drang der Welt.

22
Aus dem Dunkel treten Gleichwertige einander entgegen, immer Stoff und Wachstum, immer Geschlecht,
23
Immer die Verknüpfung der Identität, immer Unterscheidung, immer ein brünstiges Leben.

24
Es weiter auszugrübeln ist nutzlos. Gelehrte und Ungelehrte fühlen, daß es so ist.
25
Stämmig wie ein Roß, zärtlich, stolz, elektrisch,
26
Ich und dies Geheimnis – hier stehen wir!

27
Klar und rein ist meine Seele, und klar und rein ist alles, was nicht meine Seele ist.

28
Fehlt eins, so fehlen beide, und das Ungesehene wird durch das Gesehene bewiesen,
29
Bis dieses wieder zum Unsichtbaren wird und seinerseits Beweise empfängt.

30
Abseits vom Ziehen und Zerren steht, was
31
Vergnügt, gefällig, teilnehmend, müßig, einheitlich,
32
Blickt nieder, steht aufrecht oder stützt den gebogenen Arm auf einen unfaßbaren sicheren Halt,
33
Sieht mit seitlich gewendetem Haupte zu, neugierig was nun kommen mag,
34
In und außer dem Spiel, aufpassend und sich darüber wundernd.

35
Ich glaube an dich, meine Seele; das andere, das ich bin, darf sich nicht vor dir erniedrigen,
36
Noch darfst du vor dem andern erniedrigt sein.

37
Ich gedenke, wie wir einst an einem so klaren Sommermorgen im Freien lagen,
38
Wie du dein Haupt quer über meine Hüften legtest und dich leise auf mir umkehrtest,
39
Und mir das Hemd am Brustknochen öffnetest und die Zunge in mein bloßgelegtes Herz hineintauchtest,
40
Und hinaufreichtest, bis du meinen Bart fühltest, und hinunter, bis du meine Füße hieltest.

41
Ein Kind sagte: Was ist das Gras? und brachte es mir mit vollen Händen;
42
Wie sollte ich dem Kinde antworten? ich weiß ebensowenig was es ist, wie das Kind.

43
Ich meine, es muß die Fahne meines eigenen Gemütes sein, aus hoffnungsgrünem Tuch gewoben ...
44
Oder ich meine, das Gras ist selber ein Kindlein, das der Pflanzenwuchs zeugte ...

45
Ich will ihm oder ihr gleich zeigen, daß es ein ebensolches Glück ist, zu sterben, und ich weiß es.

46
Ich bin nicht eine Erde, noch der Anhang einer Erde,
47
Ich bin der Genosse und Gefährte der Menschen, alle ebenso unsterblich und unergründlich wie ich,
48
(sie wissen nicht wie unsterblich sie sind, doch ich weiß es).

49
Jede Art für sich und ihr eigen; für mich die meine, männlich und weiblich,
50
Für mich die, welche Knaben waren und die Frauen lieben,
51
Für mich der Mann, der stolz ist und fühlt wie es sticht, gering geachtet zu werden,
52
Für mich das Liebchen und die alte Jungfer, für mich Mütter und die Mütter von Müttern,
53
Für mich Lippen, die gelächelt haben, Augen, die Tränen vergossen,
54
Für mich Kinder und die Erzeuger von Kindern.

55
Enthülle dich! für mich bist du nicht schuldig, nicht veraltet, noch verworfen,
56
Und bin rings um dich, beharrlich, erobernd, unermüdlich, und lasse mich nicht abschütteln.

57
Der Junge und das rotbackige Mädchen wenden sich seitwärts zum buschigen Hügel hinan,
58
Ich erspähe sie oben vom Gipfel ...

59
Der Selbstmörder liegt hingestreckt auf dem blutigen Boden der Schlafstube,
60
Ich betrachte den Leichnam mit den blutbespritzten Haaren, und beachte, wo die Pistole hinfiel ...

61
Die weiten Tore der Dorfscheune stehen offen,
62
Das getrocknete Gras der Erntezeit belastet den langsam gezogenen Wagen,
63
Das hellklare Licht spielt über dem Durcheinander von Graubraun und Grün,
64
Die Haufen sind aufgeschichtet, daß ihre Last sich biegt.

65
Ich bin da, ich helfe; ich kam, hingestreckt oben auf der Ladung,
66
Ich fühlte ihre sanften Stöße, ein Bein auf dem andern ruhend,
67
Ich springe von dem Querbalken und fasse den Klee und das Zittergras,
68
Und wälze mich kopfüber und verwirre meine Haare in den Rispen!
69
Wandernd, überrascht über meine eigene Behendigkeit und Fröhlichkeit.

70
Am späten Nachmittag eine sichere Stelle aufsuchend, um die Nacht zuzubringen,
71
Zünde ich ein Feuer an und brate das frischerlegte Wild,
72
Schlafe auf den zusammengeschichteten Blättern ein, mit meinem Hund und dem Gewehr an der Seite.

73
Das Yankee-Klipperschiff ist unter den Oberbramsegeln, es durchschneidet das Gefunkel und Geschäume,
74
Meine Augen sehen das Land versinken, ich lehne mich über den Bug oder rufe jubelnd vom Verdeck.

75
Die Schiffer und Muschelgräber machten sich früh auf und warteten auf mich,
76
Ich steckte mir die Hose in die Stiefel und ging mit und hatte einen vergnügten Tag,
77
Du hättest an dem Tage bei uns sein sollen, beim Muschel-Kochkessel!

78
Achtundzwanzig junge Männer baden am Strande;
79
Achtundzwanzig junge Männer, und alle so vertraulich,
80
Achtundzwanzig Jahre keuschen Frauenlebens, und alle so einsam. –

81
Sie ist Besitzerin des schönen Hauses beim ansteigenden Ufer;
82
Schön und reich gekleidet, lauert sie hinter den Fenstervorhängen.
83
Ach, der alltäglichste von ihnen ist schön in ihren Augen!

84
Wohin willst denn du, meine Dame? ich sehe dich schon,
85
Du plätscherst mit unten im Wasser, bleibst du auch mäuschenstill in deiner Stube.

86
Tanzend und lachend lief an den Strand die neunundzwanzigste Badende,
87
Die andern sahen sie nicht – aber sie sah die andern und liebte sie.

88
Die Bärte der jungen Männer glitzerten vom Naß, es rann von ihrem langen Haar herab,
89
Kleine Bächlein rieselten ihnen über den Leib.

90
Eine unsichtbare Hand strich auch über ihren Leib,
91
Sie glitt zitternd an ihren Schläfen und Rippen herab.

92
Schmiede mit geschwärzten und zottigen Brüsten umringen den Amboß,
93
Ein jeder hält seinen Schlaghammer, alle Hammer im Schwung, das Feuer glüht;
94
Von der aschenbestreuten Schwelle folge ich ihren Bewegungen,
95
Von oben herunter schwingen die Hammer, schwingen so langsam hoch, so sicher,
96
Sie hasten nicht, ein jeder schlägt an die richtige Stelle.

97
Ich schaue den malerischen Riesen an und liebe ihn, und halte mich dabei nicht auf,
98
Ich gehe auch mit dem Gespann.

99
Mein Schritt verscheucht Waldenterich und Ente auf meinen entlegenen, tagelangen Streifzügen,
100
Sie fliegen zusammen auf, langsam kreisend.

101
Ich glaube an diese beflügelten Zweckmäßigkeiten,
102
Und bekenne Rot, Weiß, Gelb, spielend in mir,
103
Und halte das Grün und das Veilchenblau und die Federbuschkrone für absichtlich,
104
Und nenne die Schildkröte nicht wertlos, weil sie nicht etwas anderes ist;
105
Die Elster im Walde hat die Tonleiter nicht studiert und trillert doch gut genug für mich,
106
Und der Anblick der kastanienbraunen Stute treibt beschämend alle Albernheiten aus mir.

107
Der wilde Gänserich lenkt seinen Flug durch die kühle Nacht,
108
Ja-honk! ruft er, und es klingt mir wie eine Einladung,
109
Die Vorwitzigen mögen es für bedeutungslos halten, ich aber finde, aufhorchend,
110
Daß es seinen Zweck und Platz hat dort oben im winterlichen Himmel.

111
Mein Glück versuchend, meine Habe verschwendend für ungeheuren Gewinn,
112
Mich schmückend, um mich dem ersten Besten, der mich will, hinzugeben,
113
Nicht vom Himmel fordernd, daß er mir zu Gefallen herunterkomme,
114
Sondern ihn ewig mit vollen Händen ausstreuend.

115
Alles bekämpfe ich leichter als meine eigene Verschiedenartigkeit,
116
Atme die Luft, doch lasse genug übrig,
117
Bin nicht aufgeblasen und bin da, wohin ich gehöre.

118
Dies ist das Gras, das überall wächst, wo Land und Wasser ist,
119
Dies die gemeinsame Luft, in der die Erdkugel sich badet.

120
Die Lebendigen schlafen ihre Zeit und die Toten schlafen ihre Zeit,
121
Der alte Ehemann schläft bei seinem Weib und der junge Ehemann schläft bei seinem Weib,
122
Diese alle drängen sich hinein zu mir und ich dränge mich aus mir hinaus zu ihnen,
123
Und was es heißt Einer von Diesen zu sein, mehr oder weniger, das bin ich,
124
Und aus einem und allen webe ich den Gesang von mir selbst.

125
Mit mächtiger Musik komme ich, mit Zinken und Trommeln,
126
Ich spiele Märsche nicht nur für anerkannte Sieger, ich spiele Märsche für Besiegte und Erschlagene.

127
Ich trommle und trommle weiter für die Toten.
128
Ich setze an und blase mein Lautestes und Fröhlichstes für sie.

129
Ein Hoch für Die, denen es fehlschlug!
130
Für Die, deren Kriegsschiffe in der See versanken,
131
Und für Die, welche selber untergingen,
132
Und allen Generalen, die Schlachten verloren, und allen besiegten Helden!
133
Und den zahllosen unbekannten Helden, gleich den größten Helden, die man kennt!

134
Dies ist das Mahl für Alle aufs gleiche gerichtet, das Fleisch für den natürlichen Hunger,
135
Ich will, daß keiner gering geschätzt oder übergangen wird,
136
Die Maitresse, der Schmarotzer, der Dieb werden hiermit eingeladen,
137
Der dicklippige Sklave wird geladen, der Geschlechtskranke wird geladen,
138
Es soll kein Unterschied zwischen ihnen und den Andern sein.

139
Dies ist der Druck einer schüchternen Hand, das Wogen und Duften des Haares,
140
Die Berührung meiner Lippen mit den deinen, das Murmeln der Sehnsucht,
141
Die ferne Tiefe und Höhe, mein eigenes Antlitz spiegelnd,
142
Die gedankenvolle Verschmelzung meiner selbst und die Wiederauslösung.

143
In dieser Stunde sage ich Dinge im Vertrauen,
144
Nicht jedermann sage ich sie, aber dir will ich sie sagen.

145
Wer geht da? Gierig, grob, mystisch, nackt;
146
Wie kommt es, daß ich Stärke ziehe aus dem Rindfleisch, das ich esse?
147
Allem, was ich als das Meine bezeichne, sollst du ein Deiniges gegenüberstellen,
148
Sonst wäre es verlorene Zeit, mir zuzuhören.

149
Ich schnüffle nicht umher mit dem Allerwelts-Geschnüffel,
150
Ich wimmere nicht mit dem Allerwelts-Gewimmer,
151
Daß die Monate leer sind und der Boden nur Schlamm und Kot.

152
In allem Volk sehe ich mich selbst, keiner ist mehr, keiner um ein Gerstenkorn weniger.
153
Das Gute und Böse, das ich von mir selber sage, sage ich von ihnen.

154
Ich weiß, ich bin kerngesund und fest,
155
Zu mir streben alle Dinge des Weltalls in unaufhörlicher Flut,
156
Alle sind an mich geschrieben, und ich muß die Schrift entziffern.

157
Ich bin wie ich bin, das ist genug,
158
Wird mich kein andrer in der Welt gewahr, sitze ich hier zufrieden,
159
Und wenn mich jeder und alle bemerken, sitze ich auch zufrieden.

160
Eine Welt wird meiner gewahr, und zwar mir bei weitem die größte Welt, und das bin ich selbst,
161
Und ob ich zu dem Meinigen heute gelange oder nach zehntausend oder zehn Millionen Jahren,
162
So kann ich's getrost jetzt hinnehmen, und ebenso getrost kann ich warten.

163
Die Stätte, wo ich Fuß fasse, ist fest wie mit Eisenklammern in Granit,
164
Ich verlache Das, was ihr Auflösung nennt,
165
Und ich kenne die Fülle der Zeit.

166
Bei mir sind die Seligkeiten des Himmels und die Qualen der Hölle,
167
Die ersten veredle und vermehre ich in mir, die letzteren übersetze ich in eine neue Sprache.

168
Ich bin der Dichter des Weibes gleichwie des Mannes,
169
Und ich sage, es ist ebenso groß ein Weib zu sein wie ein Mann,
170
Und ich sage, es gibt nichts Größeres als eine Mutter der Menschen.

171
Ich singe den Sang des Hochgefühls und des Stolzes,
172
Wir haben uns geduckt und gedemütigt genug,
173
Ich zeige, daß Größe nur Entwicklung ist.

174
Hast du die andern überholt? Bist du der Präsident?
175
Es ist eine Kleinigkeit; sie werden alle weiter als bis dahin gelangen, und immer noch weiter.

176
Ich bin es, der da wandelt mit der zarten, wachsenden Nacht;
177
Der Erde und dem Meer, von der Nacht halb umfangen, rufe ich zu:
178
Drücke dich fest an mich, bloß-busige Nacht – drücke dich fest an mich, magnetische, nährende Nacht!
179
Nacht der Südwinde – Nacht der wenigen großen Sterne,
180
Stille, nickende Nacht – rasende nackte Sommernacht!
181
Lächle, du wollüstige, kühl angehauchte Erde!
182
Erde der schlummernden, zerfließenden Bäume,
183
Erde nach Sonnenuntergang – Erde der nebelumhüllten Berggipfel,
184
Erde des Glanzes und Schattens, den Spiegel des Flusses bunt besprenkelnd,
185
Erde der durchsichtigen klargrauen Wolken, heller und klarer um meinetwillen,
186
Weitumfassende Erde – reiche Apfelblüten-Erde,
187
Lächle, denn dein Geliebter kommt!

188
Verschwenderin! Du hast mir Liebe gegeben – darum gebe auch ich dir Liebe,
189
O unaussprechliche leidenschaftliche Liebe!

190
Meer der langgestreckten Grundwogen,
191
Meer, das in breiten, bebenden Zügen atmet,
192
Meer mit dem Salz des Lebens und den nicht gegrabenen, doch immerbereiten Gräbern,
193
Heulende, sturmgepeitschte, launige und liebliche See,
194
Ich bin eins mit dir, ich bin eine Phase und bin alle Phasen!
195
Lobsinger der Liebenden und solcher, die einander in den Armen ruhen.

196
Ich bin es, der Sympathie verkündet,
197
(soll ich ein Verzeichnis von den Sachen im Hause machen, und das Haus übersehen, das sie enthält?)

198
Ich bin nicht nur der Dichter der Güte, ich weigre mich nicht, auch der Dichter des Bösen zu sein.

199
Was für ein Geplärre über Tugend und Laster!
200
Das Übel treibt mich an und die Verbesserung des Übels treibt mich an, ich stehe unbekümmert,
201
Mein Gang ist nicht der Gang eines Tadlers oder eines Verwerfenden,
202
Ich benetze die Wurzeln von Allem was gewachsen ist.

203
Hast du etwa Furcht vor Skrofeln aus der nie erschlaffenden Zeugungsfülle?
204
Vermutest du, die himmlischen Gesetze wären zu überarbeiten und zu berichtigen?

205
Ich finde die eine Seite als Gegengewicht und die antipodische Seite auch als Gegengewicht,
206
Die sanfte Lehre ebenso hilfreich wie die starke Lehre,
207
Gedanken und Taten der Gegenwart, unser Aufwachen und erstes Ansetzen,
208
Diese Minute, die über die vergangenen Dezillionen zu mir kommt –
209
Es gibt nichts Besseres als sie, und Jetzt!

210
Endlose Entfaltung der Worte der Zeiten,
211
Und meins ein Wort der Modernen, das Wort: Masse!

212
Ein Wort des Glaubens, das nimmer täuscht,
213
Hier oder fortan, mir ist es gleich, ich vertraue der

214
Sie allein ist ohne Unterbrechung, sie allein rundet und vollendet alles,
215
Dies mystische verwirrende Wunder allein vollendet alles.

216
Ich nehme die Wirklichkeit hin und wage nicht, sie in Frage zu ziehen,
217
Durchtränkt von Materialismus von Anfang bis zu Ende.

218
Hoch lebe die positive Wissenschaft! Es lebe die exakte Demonstration!
219
Man hole Mauerpfeffer gemischt mit Ceder und Fliederzweigen;
220
Dies ist der Lexikograph, dies der Chemiker, dieser machte eine Grammatik der alten Keilschriften,
221
Diese Seeleute lenkten das Schiff durch gefährliche, unbekannte Meere,
222
Dies ist der Geologe, dieser arbeitet mit dem Zergliederungsmesser, und dies ist ein Mathematiker.

223
Meine Herren! Euch gebühren stets die höchsten Ehren,
224
Eure Tatsachen sind nützlich, doch meine Wohnung sind sie nicht,
225
Durch sie trete ich erst in einen Vorhof meiner Wohnung ein.

226
Ungestüm, fleischlich, sinnlich, essend, trinkend und zeugend,
227
Kein Überschwänglicher, keiner der über Männern und Weibern steht, oder abseits von ihnen,
228
Nicht bescheiden, noch unbescheiden.

229
Schraubt die Schlösser von den Türen los,
230
Schraubt die Türen selber los von ihren Pfosten!

231
Wer einen andern erniedrigt, erniedrigt mich,
232
Und alles was getan oder gesagt wird, fällt schließlich auf mich zurück.
233
Durch mich wogt und wogt die Geistesflut, durch mich die Strömung und der Zeiger.

234
Durch mich verbotene Stimmen,
235
Stimmen der Geschlechter und Begierden, verschleierte Stimmen, ich ziehe den Schleier weg,
236
Unzüchtige Stimmen, durch mich erhellt und verklärt.
237
Ich presse mir nicht den Finger auf den Mund,
238
Ich halte die Eingeweide nicht für geringer als den Kopf und das Herz,
239
Begattung ist für mich nicht brünstiger als der Tod.

240
Ich glaube an das Fleisch und die Begierden,
241
Gesicht, Gehör, Gefühl sind Wunder, und jeder Teil und Fetzen von mir ist ein Wunder.

242
Göttlich bin ich innen und außen und mache heilig was ich berühre, oder was mich berührt,
243
Der Duft dieser Achselhöhlen ein Aroma feiner als Gebete,
244
Dieses Haupt mehr als Kirchen, Bibeln und alle Glaubensbekenntnisse.

245
Den Tagesanbruch zu schauen!
246
Das erste Licht macht die ungeheure und durchsichtige Schattenwelt verblassen,
247
Die Luft schmeckt meinem Gaumen gut.

248
Etwas, das ich nicht sehe, richtet lüsterne Zacken empor,
249
Meere von glänzend hellem Saft überfluten den Himmel.

250
Des Himmels Verweilen bei der Erde, das tägliche Schließen ihrer Vereinigung,
251
Der Ruf der Herausforderung von Osten her, gerade jetzt über meinem Haupte,
252
Der höhnische Spottruf: Siehe denn, ob du Herr wirst!

253
Blendend und gewaltig, wie schnell würde der Sonnenaufgang mich töten,
254
Könnte ich nicht jetzt und allezeit aus mir selber Sonnenaufgang entsenden!

255
Wir gehen auch blendend und gewaltig auf wie die Sonne,
256
Wir fanden unser eigenes Ich, o meine Seele, in der Klarheit und Kühle des Tagesanbruchs!

257
Mit einer Drehung meiner Zunge umfange ich Welten und Massen von Welten.

258
Die Sprache ist der Zwilling meines Schauens, sie kann sich selbst nicht messen,
259
Sie reizt mich unaufhörlich, sie spricht spottend:
260
Lieber Walt, du enthältst doch genug, warum gibst du es nicht von dir?

261
Komm nur! ich lasse mich nicht necken, du hältst zu viel vom Ausdrücken,
262
Weißt du nicht, o Sprache, wie die Knospen sich in dir entfalten?
263
Wartend im Dunkeln, vom Frost behütet,
264
Der Schmutz zurückweichend vor meinen prophetischen Rufen,
265
Mein Ich, allen Ursachen zu Grunde liegend, um sie endlich ins Gleichgewicht zu bringen,
266
Mein Wissen lebendige Teile von mir, das mit der Bedeutung aller Dinge Schritt hält:
267
Glückseligkeit (wer immer mich hört, Mann oder Weib, mag heute noch aufbrechen, sie zu finden).

268
Schreiben und Reden beweisen mich nicht,
269
Ich trage den reichlichsten Beweis und alles andere in meinem Antlitz,

270
Ich will jetzt nichts tun als lauschen,
271
Um das, was ich höre, in diesem Liede aufzufangen, damit alle Töne dazu beitragen.

272
Ich höre das Cello (es ist des Jünglings Herzensklage),
273
Ich höre das Klappenhorn, die Töne dringen schnell in mein Ohr
274
Und durchschüttern mit wild-süßen Stößen mir Bauch und Brust.

275
Ich höre den Chorgesang, eine große Oper,
276
Ach! Das ist wahrhaftig Musik – die stimmt zu mir.

277
Eine Tenorstimme, groß und frisch wie die Schöpfung, erfüllt mich,
278
Der bogenförmigen Wölbung seines Mundes entströmt es und füllt mich ganz.

279
Ist dies eine Berührung? mich durchzuckend zu einem neuen Wesen?
280
Flammen und Äther strömen ein auf meine Adern,
281
Verräterische Fühlhörner, von mir ausgestreckt um ihnen zu helfen,
282
Mein Fleisch und Blut Blitze ausstrahlend, um zu treffen was kaum verschieden von mir ist,
283
Auf allen Seiten ein Jucken und Reizen, das meine Glieder straff werden,
284
Aus meines Herzens Euter preßt es den zurückgehaltenen letzten Tropfen,
285
Benimmt sich schamlos gegen mich, kümmert sich um keine Zurückweisung,
286
Beraubt mich meines Besten, als wäre es mit Vorsatz,
287
Knöpft meine Kleider auf, faßt mich um den bloßen Leib,
288
Täuscht meine Verwirrung mit der Ruhe des Sonnenscheins und der Wiesen,
289
Schleppt meine übrigen Sinne unzüchtig von mir weg,
290
Keine Rücksicht, keine Acht auf meine sinkende Kraft oder auf meinen Zorn,
291
Die übrige Herde herbeiholend, daß sie sich eine Weile ergötzen,
292
Dann alle vereint auf einem Vorsprung stehen, um mich zu verhöhnen!

293
Die Schildwachen verlassen jeden andern Teil von mir,
294
Sie haben mich hülflos einem roten Räuber ausgeliefert,
295
Sie kommen alle auf den Vorsprung, um gegen mich zu zeugen und mitzuhelfen.

296
Ich bin Verrätern preisgegeben!
297
Ich rede verwirrt, ich habe den Verstand verloren, ich bin selbst der größte Verräter,
298
Ich ging selber zuerst auf die Spitze des Vorsprungs, meine eigenen Hände trugen mich dorthin.

299
Schurkische Berührung was machst du? der Atem erstickt in meiner Kehle,
300
Öffne deine Fluttore, du bist zu stark für mich!

301
Blinde, liebevolle, ringende Berührung, verhüllte, verkappte, scharfzahnige Berührung!
302
Hat es dir so weh getan, mich loszulassen?
303
Dem Enteilenden auf der Spur folgt das Ankommende, die ewige Zahlung ewigen Darlehns,
304
Reichlich strömt der Regen herunter, und noch reicher wird nachher der Ausgleich sein.

305
Landschaften werden da entworfen, männlich volle, goldene Landschaften.

306
Alle Wahrheiten harren in allen Dingen,
307
Sie haben's nicht eilig mit ihrer Befreiung, noch widerstehen sie ihr,
308
Sie bedürfen nicht der Zange des Geburtshelfers.
309
Das Unbedeutende ist mir so wichtig wie irgend etwas,
310
(was ist weniger oder was ist mehr als eine Berührung?).

311
Logik und Predigten überzeugen niemals,
312
Der feuchte Dunst der Nacht dringt tiefer in meine Seele.

313
Ich glaube ein Grashalm ist nicht geringer als das Tagewerk der Sterne,
314
Und die Ameise ist ebenso vollkommen, oder ein Sandkorn, oder des Zaunkönigs Ei,
315
Die Baumkröte ist ein Meisterstück für den Allerhöchsten,
316
Die Brombeer-Ranken könnten die Hallen des Himmels schmücken,
317
Und das schmalste Gelenkband meiner Hand spottet aller Maschinerie,
318
Eine Kuh, mit gesenktem Kopfe wiederkäuend, übertrifft jede Bildsäule,
319
Und eine Maus ist Wunders genug, um unzählige Ungläubige zu bekehren.

320
Ich finde, ich habe Gneis in mir, Kohle, langhaariges Moos, Früchte, Ähren, eßbare Wurzeln,
321
Und bin aus gutem Grunde über das hinausgekommen, was hinter mir liegt,
322
Kann aber, wenn ich will, alles wieder zurückrufen.

323
Vergebens alle Eile und Scheu!
324
Vergebens stehen die Gegenstände meilenweit voneinander entfernt und nehmen mannigfache Gestalt an,
325
Umsonst sinkt der Ozean in die Höhlung der Wellen und es lauern die Ungeheuer der Tiefe,
326
Vergebens steigt der Mäusefalk in den Himmel,
327
Vergebens verkriecht sich die Schlange unter die Schlingpflanzen und Holzklötze,
328
Vergebens flüchtet das Elch in die innersten Gründe des Waldes,
329
Vergebens segelt der Schermesserschnäbler gen Norden bis Labrador hinauf,
330
Ich bin rasch hinterher, ich klettre ihm nach bis zum Nest in der Felsenritze.

331
Sie schwitzen und wimmern nicht über ihre traurige Lage,
332
Sie liegen nicht im Dunkeln wach und weinen über ihre Sünden,
333
Sie erregen in mir keinen Ekel, denn sie debattieren nicht über ihre Pflichten gegen Gott,
334
Kein einziges kniet vor einem andern oder vor seinesgleichen, der vor Tausenden von Jahren lebte,
335
Kein einziges ist »respektabel« oder unglückselig auf der ganzen Erde.

336
So zeigen sie ihre Beziehungen zu mir, und ich erkenne sie an,
337
Sie bringen mir Zeichen von mir selbst und beweisen deutlich ihren Anteil daran.

338
Ich wundere mich selbst, woher sie diese Zeichen haben können?
339
Bin ich selber dort vor riesigen Zeiträumen vorbeigegangen und habe sie nachlässig hinfallen lassen?
340
Ich selber, vorrückend, damals und jetzt und ewig?
341
Immer mehr sammelnd und offenbarend, mit Schnelligkeit,
342
Unendlich und von allerlei Gattung, gleich wie diese unter ihnen,
343
Nicht zu vornehm gegen diejenigen, die mir meine Erinnerungszeichen geben,
344
Hier suche ich mir einen aus, den ich liebe, und nun gehe ich brüderlich mit ihm.

345
Ein Prachtstück von einem Hengst, lebhaft und empfänglich für meine Liebkosungen,
346
Sein Kopf ist hoch in der Stirn, breit zwischen den Ohren,
347
Die Glieder glänzend und geschmeidig, der Schweif streift den Boden,
348
Die Augen voll funkelnder Bosheit, die Ohren fein geschnitten, geschmeidig in der Bewegung.

349
Seine wohlgebauten Glieder beben vor Lust, wenn wir im Kreise herumtoben.

350
Ich benutze dich nur eine Minute, mein Hengst, dann gebe ich dich frei,
351
Wozu brauche ich deine Sprünge, da ich dich selbst im Galopp überholen kann?
352
Selbst wenn ich sitze oder stehe, komme ich doch schneller weiter als du!

353
Raum und Zeit – jetzt sehe ich daß es wahr ist, was ich erriet,
354
Da ich müßig auf dem Grase lag,
355
Was ich erriet, als ich allein im Bette lag,
356
Und wieder erriet, als ich wandelte am Meeresgestade, unter den erbleichenden Sternen des Morgens.

357
Ich fliege den Flug einer flüssigen, trinkenden Seele,
358
Meine Bahn geht tief unter die Messungen des Bleilots!

359
Ich nehme mir vom Körperlichen und Unkörperlichen,
360
Keine Wache kann mir den Eintritt verwehren, kein Gesetz mich hindern.

361
Nur für kurze Zeit liege ich mit meinem Schiff vor Anker,
362
Meine Boote kreuzen beständig oder bringen mir ihre Berichte.

363
Ich bin ein Freibeuter, ich biwakiere an den Wachtfeuern hereinbrechender Feinde,
364
Ich werfe den Bräutigam aus dem Bett und bleibe selber bei der Braut,
365
Ich presse sie die ganze Nacht an meine Schenkel und Lippen.

366
Meine Stimme ist des Weibes Stimme, der Aufschrei am Treppengeländer,
367
Sie bringen mir meines Mannes Leiche herauf, triefend – ertrunken.

368
Ich frage den Verwundeten nicht, wie es ihm geht, ich werde selber der Verwundete,
369
Meine Wunden werden brandig, während ich mich auf meinen Stock lehne und zuschaue.

370
Ich bin der zerquetschte Feuerwehrmann mit zerbrochenem Brustbein,
371
Stürzende Mauern begruben mich unter ihren Trümmern,
372
Glut und Rauch atmete ich ein, hörte den gellenden Schrei meiner Kameraden,
373
Hörte das ferne Klickklack ihrer Hacken und Schaufeln,
374
Sie haben die Balken weggeräumt, nun ziehen sie mich sanft hervor.

375
Ich liege in der Nachtluft im roten Hemde, Schweigen herrscht um meinetwillen,
376
Schmerzlos liege ich da, erschöpft, doch nicht unglücklich,
377
Weiß und schön sind die Gesichter, die mich umgeben, die Häupter entblößt von den Feuerhelmen,
378
Die knieende Menge schwindet allmählich mit dem Lichte der Fackeln.

379
Ich bin ein alter Artillerist, ich erzähle vom Bombardement meiner Festung,
380
Ich bin wieder dort –
381
Wieder der lange Trommelwirbel,
382
Wieder die feindlichen Geschütze, die Mörser,
383
Wieder antworten Kanonen meinen horchenden Ohren.

384
Ich beteilige mich, sehe und höre alles,
385
Die Rufe, Flüche, das Gebrüll, den Beifall für wohlgezielte Schüsse,
386
Arbeiter, die Beschädigungen untersuchen, machen notwendige Ausbesserungen,
387
Das Einfallen der Granaten durch das zerrissene Dach, das fächerförmige Platzen,
388
Das Sausen von Gliedern, Köpfen, Steinen, Holz, Eisen hoch in der Luft.

389
Wieder gurgelt der Mund meines sterbenden Generals, heftig schwenkt er mit der Hand,
390
Und keucht durch das geronnene Blut: »Denkt nicht an mich – denkt – an die Schanzen« ...

391
Möchtest du von einem Seegefecht aus früherer Zeit hören?
392
Möchtest du wissen, wer gewonnen hat beim Lichte des Mondes und der Sterne?
393
Hör' die Geschichte, wie sie mir meines Großvaters Vater, der Matrose, erzählte.

394
Der Gang von und nach der Pulverkammer ist jetzt durch Wachen gesperrt,
395
Sie sehen manche fremde Gesichter und wissen nicht, wem zu trauen ist.

396
Unsere Fregatte fängt Feuer,
397
Die andern fragen, ob wir Gnade verlangen,
398
Ob wir die Flagge streichen und das Gefecht aus ist?

399
Nun lache ich zufrieden, denn ich höre die Stimme meines Kapitäns:
400
»wir streichen nicht« ruft er gelassen, »wir fangen erst an zu fechten!«

401
Sie halten tapfer aus während der ganzen Aktion.

402
Keinen Augenblick Unterbrechung;
403
Die Lecke steigen, schnell trotz der Pumpen, das Feuer frißt nach der Pulverkammer hin,
404
Eine der Pumpen ist weggeschossen, man glaubt allgemein daß wir sinken.
405
Ruhig steht der kleine Kapitän;
406
Er ist nicht in Eile, seine Stimme ist weder laut noch schwach,
407
Seine Augen geben uns mehr Licht als unsere Gefechtslaternen.

408
Ihr Lotterbuben dort auf der Wache! seht nach euren Waffen!
409
Herein durch die eroberten Türen drängen sie – Ich bin besessen!
410
Verkörpere in mir alle Wesen, geächtete oder leidende,
411
Sehe mich selbst im Gefängnis in der Gestalt eines andern,
412
Und fühle den dumpfen, ununterbrochenen Schmerz.
413
Meinetwegen schultern die Aufseher der Sträflinge ihre Gewehre und halten Wache,
414
Ich bin es, den man morgens hinausläßt und nachts einsperrt, hinter verriegelten Türen.

415
Bittende verkörpern sich in mir, und ich bin in ihnen verkörpert,
416
Ich halte meinen Hut hin, sitze verschämt und bettle.

417
Daß ich die rinnenden Tränen vergessen könnte, und die Schläge der Keulen und Hammer,
418
Daß ich wie ein Unbeteiligter meine eigene Kreuzigung und blutige Krönung mitansehen könnte!

419
Jetzt erinnere ich mich,
420
Ich nehme die übriggebliebene Bruchzahl wieder auf,
421
Das Felsengrab vervielfacht, was ihm oder irgend einem andern Grabe anvertraut war,
422
Leichen stehen auf, klaffende Wunden heilen, Fesseln fallen von mir ab.

423
Ich ziehe fort, wieder mit höchster Kraft erfüllt, Einer aus dem allgemeinen unendlichen Zuge,
424
Im Binnenland und am Meeresstrand wandeln wir nun, überschreiten alle Grenzen,
425
Unsere schnellen Verordnungen verbreiten sich über die ganze Erde,
426
Blüten tragen wir auf unsern Hüten, das Wachstum von Jahrtausenden.

427
Ihr Zöglinge, ich grüße euch. Kommt nur herbei!
428
Setzt eure Anmerkungen fort, fahrt fort zu fragen.

429
Dieser freundliche und fesselfreie Wilde – wer mag er sein?
430
Wartet er noch auf die Zivilisation, oder läßt er sie hinter sich und meistert sie?

431
Überall, wo er hingeht, nehmen Männer und Frauen ihn auf und verlangen nach ihm,
432
Sie wollen, daß er sie lieb habe und berühre, sie anspreche, bei ihnen bleibe.

433
Flitter des Sonnenscheins, ich brauche dein Leuchten nicht, geh' nur!
434
Du beleuchtest nur die Oberflächen, ich dringe durch Oberflächen wie durch Tiefen.

435
Erde, Du scheinst etwas von mir zu erwarten?
436
Sprich, alte Haube, wo fehlt's denn?

437
Mann und Weib, ich möchte gern sagen wie lieb ich euch habe, aber ich kann es nicht,
438
Ich möchte sagen was in mir ist, und was in euch ist, aber ich kann es nicht,
439
Ich möchte mein Sehnen künden, den Herzschlag meiner Nächte und Tage.

440
Seht! ich gebe keine Vorlesungen oder kleine milde Gaben,
441
Wann ich gebe, gebe ich mich selbst.

442
Du da! schlapp, mit schlottrigen Knien,
443
Öffne deine klapprigen Kinnbacken, bis ich dir Mark in die Knochen geblasen!
444
Breite deine Handflächen aus und ziehe die Klappen deiner Taschen heraus,
445
Und was ich habe, verschenke ich.

446
Ich frage nicht wer du bist – das ist Nebensache,
447
Du kannst nichts tun und nichts sein, ohne daß ich dich umfassen werde.

448
Zu einem Sterbenden eile ich und drehe den Türknopf,
449
Schlage das Bettzeug zurück bis zum Fußende,
450
Lasse Arzt und Priester nach Hause gehn.

451
Ich packe den sinkenden Mann und hebe ihn mit unwiderstehlichem Willen,
452
O Verzweifelnder, hier ist mein Nacken!
453
Bei Gott, du sollst nicht untergehn! Hänge dich mit deinem ganzen Gewicht auf mich,
454
Ich blase dich voll mit gewaltigem Odem, ich mache dich flott,
455
Alle Räume im Hause fülle ich mit einer bewaffneten Macht,
456
Mit denen, die mich lieben – Besiegern des Grabes.

457
Schlafe! – Ich und sie halten Wacht die ganze Nacht,
458
Nicht der Zweifel, nicht der Tod soll es wagen, einen Finger an dich zu legen,
459
Ich habe dich umarmt, und fortan besitze ich dich für mich,
460
Und wenn du morgen früh aufstehst, wirst du sehen, daß es so ist, wie ich dir sage.
461
Meine eigene Stimme, vollklingend, entschieden und endgültig.

462
Die kleinen unzähligen Männlein, die in Kragen und Fracks herumhüpfen,
463
Ich weiß wer sie sind (es sind wirklich weder Würmer noch Flöhe),
464
Ich erkenne meine Doppelgänger, der schwächste und seichteste ist unvertilgbar wie ich,
465
Was ich tue und sage, das harrt auch ihrer,
466
Jeder Gedanke, der in mir zappelt, zappelt auch in ihnen.

467
Niedergeschlagene Zweifler, trübsinnig und ausgestoßen,
468
Frivol, mürrisch, verdrossen, zornig, gerührt, entmutigt, und atheistisch,
469
Ich kenne euch alle! ich kenne das Meer von Qual, Zweifel, Verzweiflung und Unglauben.

470
Ich weiß nicht, was unversucht ist, und was nachher kommt,
471
Aber ich weiß, es wird sich schon zeigen und ausreichen, es kann nicht fehlen.

472
Es ist Zeit, daß ich mich erkläre – erheben wir uns!
473
Das Bekannte streife ich hinweg,
474
Ich lasse alle Männer und Weiber mit mir vom Stapel laufen, ins

475
Die Uhr zeigt die Minute – aber was zeigt die Ewigkeit?
476
Soweit haben wir schon Trillionen von Sommern und Wintern erschöpft,
477
Es sind noch Trillionen voraus, und diesen wieder Trillionen voraus.

478
Geburten haben uns Fülle und Mannigfaltigkeit gebracht,
479
Und wieder andere Geburten werden uns Fülle und Mannigfaltigkeit bringen.
480
Waren die Menschen mordgierig oder eifersüchtig gegen dich, mein Bruder, meine Schwester?
481
Es tut mir leid um dich, gegen mich waren sie nicht mordgierig und eifersüchtig,
482
Alles war sanft zu mir, ich führe keine Rechnung mit der Klage,
483
(was habe ich mit Klagen zu tun?)

484
Ich bin ein Gipfel vollbrachter Dinge und umschließe Dinge, die sein werden.
485
Mein Embryo war niemals erstarrt, nichts konnte ihn erdrücken.

486
Seinetwillen verdichtete sich der Sternnebel zu einer Kugel,
487
Erdschichten türmten sich langsam, ihm ein Ruhelager zu geben,
488
Ungeheure Pflanzen gaben ihm Nahrung,
489
Riesige Saurier trugen ihn in ihrem Rachen und setzten ihn sorgsam nieder.

490
Alle Kräfte wurden beständig benutzt, um mich zu vervollständigen und zu beglücken,
491
Jetzt stehe ich auf dieser Stelle, mit meiner rüstigen Seele.

492
O Spanne der Jugend! Stets vorwärts getriebene Elastizität!
493
O Mannesalter! Im Gleichgewicht, blühend und voll.
494
O Greisenalter, herrlich aufsteigend. O willkommen, unaussprechliche Anmut entschwindender Tage!

495
Jeder Zustand verkündet nicht nur sich selbst, er verkündet auch, was aus ihm und nach ihm entsteht,
496
Und das geheimnisvolle Dunkel verkündet so viel wie nur irgend etwas.

497
Blicke noch so weit – grenzenloser Raum liegt darüber hinaus,
498
Zähle noch so hoch – rundum gibt es grenzenlose Zeit.

499
Mein Stelldichein ist festgesetzt, es ist sicher,
500
Der Herr wird dort sein und warten, bis ich komme unter vollendeten Bedingungen,
501
Der große Camerado, der treu Liebende, nach dem ich mich sehne, wird dort sein.

502
Nicht ich, nicht irgend ein anderer kann diese Straße für dich gehen,
503
Du mußt sie selber gehen.

504
Sie liegt nicht weit, sie ist in greifbarer Nähe,
505
Vielleicht bist du von deiner Geburt an darauf gewesen und wußtest es nicht,
506
Oder sie ist überall, zu Wasser und zu Lande.

507
Schultere deine Sachen, lieber Sohn, wie ich die meinen, und laß uns forteilen,
508
Wundervolle Städte und freie Völker erreichen wir unterwegs.
509
Wenn du müde wirst, so laß mir beide Lasten und stütze deine Hand auf meine Hüfte,
510
Du sollst mir ein andermal den gleichen Dienst erweisen,
511
Denn nachdem wir einmal aufgebrochen, ruhn wir nimmer mehr aus.

512
Du stellst mir auch Fragen, und ich höre dich,
513
Ich antworte, daß ich nicht antworten kann, du mußt es selber herausfinden.

514
Lange genug hast du verächtliche Träume geträumt,
515
Jetzt reibe ich dir den Schlaf aus den Augen,
516
Du mußt dich an das Blenden des Lichtes und jedes Augenblickes in deinem Leben gewöhnen.

517
Ich bin der Lehrer der Athleten,
518
Wer mir eine noch breitere Brust als die meine zeigen kann, beweist die Breite der meinigen,
519
Der ehrt am meisten meinen Stil, der durch ihn lernt, den Lehrer zu vernichten!

520
Der Knabe, den ich liebe, wird ein Mann nicht durch ererbte Macht, sondern in seinem eigenen Recht,
521
Schlecht lieber als tugendhaft aus Anbequemung oder Furcht;
522
Er liebt sein Schätzchen, verzehrt seinen Braten mit Appetit,
523
Unerwiderte Liebe oder Geringschätzung durchschneidet ihn schärfer als scharfer Stahl,
524
Narben und Bärter und Gesichter mit Blatternarben zieht er den Glattgesichtern vor,
525
Und die von der Sonne verbrannten denen, die im Schatten blieben.

526
Ich lehre euch, von mir zu gehen – doch wer kann von mir gehen?
527
Ich folge dir von dieser Stunde an, wer du auch seist,
528
Meine Worte kitzeln dir in den Ohren, bis du sie verstehst.

529
Ich sage diese Dinge nicht für einen Dollar, oder zum Zeitvertreib während ich auf das Boot warte,
530
(du bist es, der spricht, ebensoviel wie ich, ich bin deine Zunge,
531
Gebunden in deinem Munde, in meinem beginnt sie sich zu lösen).

532
Willst du mich verstehen, so gehe auf die Höhen oder an den Meeresstrand,
533
Die nächste Mücke ist eine Erklärung, ein Tropfen oder eine Wellenbewegung ist ein Schlüssel,
534
Der Schlaghammer, das Ruder, die Handsäge bekräftigen meine Worte.

535
Keine Stube mit geschlossenen Fensterläden, keine Schule kann mit mir verkehren,
536
Rohes Gesindel und kleine Kinder eher noch, als die.

537
Der junge Handwerker steht mir am nächsten, er kennt mich wohl,
538
Der Bauernbursch, der im Felde pflügt, fühlt sich wohl beim Klang meiner Stimme,
539
Auf segelnden Schiffen segeln meine Worte, ich gehe mit Fischern und Matrosen und liebe sie.

540
Mein ist der Soldat im Lager oder auf dem Marsche,
541
In der Nacht vor der Schlacht suchen mich manche auf, und ich enttäusche sie nicht,
542
In jener feierlichen Nacht (vielleicht ihrer letzten) suchen mich die, die mich kennen.

543
Mein Gesicht reibt sich an des Jägers Gesicht, wenn er allein sich niederlegt in seiner Decke,
544
Der Fuhrmann, der an mich denkt, achtet nicht auf das Rütteln des Wagens,
545
Die junge Mutter und die alte Mutter begreifen mich,
546
Das Mädchen und die Hausfrau lassen die Nadel einen Augenblick ruhn und vergessen, wo sie sind,
547
Sie und alle möchten wieder durchdenken, was ich ihnen gesagt habe.

548
Ich sage zum Menschengeschlecht: Seid nicht neugierig nach Gott;
549
Denn ich, neugierig nach allem und jedem, bin doch nicht neugierig nach Gott,
550
(kein Wortüberschwang vermag zu sagen, wie ich voll Frieden zu Gott und zum Tode stehe).

551
Ich höre und sehe Gott in jedem Gegenstand, doch Gott begreif' ich nicht im mindesten,
552
Noch begreife ich, wer noch merkwürdiger sein kann als ich selber.

553
Zu seiner Arbeit eilt entschlossen der Geburtshelfer,
554
Ich sehe die helfende Hand, wie sie drückt, empfängt und unterstützt,
555
Ich bücke mich an den Schwellen der feinen, biegsamen Türen
556
Und merke den Ausgang, die Erleichterung und das Entweichen.

557
Und Leben, was dich betrifft, denk' ich, du bist das übrig Gebliebene von vielem Sterben,
558
(ohne Zweifel bin ich schon früher zehntausendmal gestorben).

559
Da ist dies Etwas in mir – ich weiß nicht, was es ist, aber ich weiß, es ist in mir.
560
Verzerrt und schweißig – dann wird mein Körper ruhig und kühl,
561
Ich schlafe ... schlafe lange.

562
Ich kenne es nicht, es ist ohne Namen, ist ein unausgesprochenes Wort,
563
Es ist in keinem Wörterbuch, keiner Lautgebung, keinem Symbol.
564
Es dreht sich auf etwas, das mehr ist als die Erde, mit der ich mich drehe,
565
Ihm ist die Schöpfung der Freund, dessen Umarmung mich weckt.

566
Ich widerspreche mir selbst?
567
Nun gut, ich widerspreche mir selbst.
568
(ich bin ja weiträumig, ich enthalte Vielheiten).

569
Das letzte Leuchten des Tages weilt noch um meinetwillen,
570
Es wirft mein Ebenbild zu den andern, und treu wie nur eines, auf die schattenumwobene Wildnis,
571
Es lockt mich zum Nebel und Dämmerschein.

572
Ich scheide wie Luft, ich schüttle meine weißen Locken gegen die enteilende Sonne,
573
Ich lasse mein Fleisch in Wirbeln entströmen und in Fäden fortfließen.

574
Ich vermache mich dem Schmutz, um aus dem Grase, das ich liebe, zu keimen,
575
Brauchst du mich wieder, so suche mich unter deinen Stiefelsohlen!

576
Kaum wirst du wissen, wer ich bin, oder was ich meine,
577
Doch bin ich für dich trotz alledem die Gesundheit,
578
Und kläre und kräftige dein Blut.

579
Kannst du nicht gleich mich erfassen, behalte nur Mut,
580
Triffst du mich nicht an einer Stelle, so suche wo anders,
581
Irgendwo bleib' ich und warte auf dich.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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