Um den Reitz der Erde zu genießen

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk: Um den Reitz der Erde zu genießen Titel entspricht 1. Vers(1788)

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Um den Reitz der Erde zu genießen,
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Siehest du dich um, mein lieber Freund,
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Wo aus ihrem Schooße Veilchen sprießen,
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Und der Vollmond durch die Birken scheint.
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Aber, wo die Distel ihren spitzen
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Stachel in des Wandrers Ferse sticht,
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Und die Wolken auf ihn niederblitzen,
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Diesen Irrweg sucht dein Auge nicht.
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Und weshalb auch suchen? Um die Hände
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Wund zu reißen an dem Distelheer'?
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(eine von zehntausend!) Oder fände
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Nun der Blitz des Wandrers Haupt nicht mehr?
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Aber jede Nessel in den Gängen
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Deines Gartens, die uns tückisch sticht,
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Und den Busch voll Rosen will verdrängen,
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Auszureuten: machst du dir zur Pflicht.
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Sieh denn auch, des Lebens froh zu werden,
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Um dich her, wo stille Weisheit wohnt,
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Und das Glück zuweilen schon auf Erden
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Edler Seelen Tugenden belohnt.
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Aber da, wo Menschen, Menschen braten,
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Weil sie andres Glaubens sind als du,
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Und nach ihrem Glauben Gutes thaten:
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O da drücke fest dein Auge zu.
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Immer neue Lechzende auf Erden
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Aufzusuchen, macht die Welt zur Last,
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Da dir mehr schon itzt begegnen werden,
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Als du zu erquicken Wasser hast.
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Wahrlich, Bester! nur von fünf Minuten
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Alles Elend dieser Erde sehn,
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Wäre schrecklicher, als in den Fluten
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Des erzürnten Meeres untergehn.
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Ehe noch am fröhlichen Pokale
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Dieser Kranz von Rosen wird verblühn,
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Werden Tausende zum letztenmale
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Röchelnd ihren Athem in sich ziehn.
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Eh' wir unser Rheinweinlied gesungen,
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Und für
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Ist gewiß bereits ein Schiff verschlungen,
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Und durch Brand ein halbes Dorf verheert.
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Auch an uns wird einst die Reihe kommen,
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In der Zahl der Weinenden zu seyn,
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Ehe wir im stillen Thal' der Frommen
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Uns der wahren Freud' auf ewig weihn.
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Wirst du früher zu dem Thale wallen,
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Als der Freund, der auch hinüber strebt?
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Nie in eine von den Gruben fallen,
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Die der Böse hier dem Guten gräbt?
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Nein! dem Schmerze werden alle beide,
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Wie dem Tode, nimmer wir entfliehn.
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Darum laß uns hurtig aus der Freude
52
Spindel, unsern Lebensfaden ziehn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk
(17481828)

* 13.07.1748 in Gröningen, † 18.02.1828 in Syców

männlich

deutscher Dichter des Rokokos und preußischer Beamter

(Aus: Wikidata.org)

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