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Kaum hüllt' in Dunkel sich der Abend ein,
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Als sie vermummt die Stadt zu Fuß verließen.
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Am Thore schon sah Adlerkant den Schein
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Sich die Trompeten hören, dießmal kein
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Ganz angenehmer Ton; an Händ' und Füßen
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Fing Adlerkant vielmehr zu zittern an,
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Und stand, und wollte näher nicht heran.
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Sein Freund indeß sprach frischen Muth ihm ein,
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Zog an der Hand ihn durch die Hinterpforte
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Ins Haus, traf just die Wirthin hier allein,
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Und gab ihr gleich so süße gute Worte
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Aus seinem Beutel, daß sie Hals und Bein
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Fast auf der Treppe brach, sie nach dem Orte,
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Den wir schon wissen, zu begleiten. – Still!
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Ihr Herren, still! wer mit uns horchen will!
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»sieh hier durchs Schlüsselloch! dort an der Wand
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Steht Nettchen und ihr süßes Närrchen,
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Sie reibt zum Punsch' mit ihrer zarten Hand
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Zitronen ab, er aber preßt bei Paaren,
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Der schwache Tropf! sie aus, und beugt galant
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Sich über die Terrin', herabzufahren
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In Nettchens Busen mit dem frechen Blick'!« –
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»sie zieht sich doch,« sprach Adlerkant, zurück?« –
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»den Teufel auch!« rief
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Doch komm nur her, und sieh du selbst statt meiner!« –
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Indem er nun zum Schlüsselloche geht,
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Setzt' eben sich aus der Gesellschaft Einer
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Gerade vor die Thür. »Ei! seht doch, seht!
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Ich glaube fast, du Schelm, du spottest meiner!
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Doch sehen kann ich, wahrlich! auch nicht das!« –
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»so bist du blind! Laß sehn! – Ha wie sie wehrt,
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Er soll zum Punsch' doch keinen Rack mehr gießen;
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Er aber läßt sie immer, ungestört,
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Die Flasche halten, trippeln mit den Füßen,
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Und böse thun.« – Wie Adlerkant das hört,
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Scheint es ihn schier ein wenig zu verdrießen;
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Als er es aber selbst mit Augen sieht,
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Erzittert ihm vor Wuth ein jedes Glied.
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Zum Tanze, den der wilde Deutsch' erfand.
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Schnell hüpfte zwar der leichte Fiedelbogen
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Doch selbst zuvor den Sechszehntheilen flogen
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Des Fräuleins Füßchen; wie ein Kräusel wand
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Sie sich herum, und einem Segel glich
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Ihr seidner Rock, so bläht' im Wind' er sich.
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Doch Adlerkant vermocht' es länger nicht
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Mit anzusehn, sank auf der Wirthin Bette,
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Sprang aber, so verstört im Angesicht',
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Als wenn er einen Freund ermordet hätte,
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Mit einmal auf. »Nun thu' ich gern Verzicht,
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Die Schlange die! Komm! komm und laß uns gehn!
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Ich mag sie nie mit Augen wieder sehn.« –
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»nun? welche Fliege mag so arg dich stechen?
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Ich sehe wohl, sie walzt mit
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Doch ist denn das ein Kapitalverbrechen?
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Gesetzt den Fall, sie walzte nun mit dir?
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Ist's weiter nichts, so wirst du anders sprechen,
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Sind wir nur erst zweihundert Schritt' von hier.« –
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»so wahr« – Was? schwöre nicht darauf!
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Ich kenne – still! still! die Musik hört auf!« –
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Und keuchend ließen beide Tänzer sich
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Auf Stühlen vor der Kammerthüre nieder.
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»ich muß gestehn, Sie übertreffen mich!«
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Sprach Nettchen, als sie kaum zu Athem wieder
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Gekommen war. »Schachmatt, schachmatt bin ich!
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Doch Sie, Sie tanzten noch drei andre nieder.« –
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Die übrigen sind wie ein Klumpen Blei.«
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»sie loser Mann! wer will so medisiren?
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Dafür gehört sich Strafe!« – und ein Schlag
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Von ihrem Fächer mußt' ihn überführen,
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Die Schmeichelei, die in dem Klumpen lag,
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So plump sie war, sey, Weibes Herz zu rühren,
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Noch fein genug. Man kommt damit im Tag'
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Auch weiter, als Herr Adlerkant im Jahr'
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Mit seinem stillen Blick' gekommen war.
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Doch Schmeichelei bringt nicht allein ans Ziel;
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Musik und Tanz hilft schon ein wenig weiter;
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Erregt, in Spröden selbst, so ein Gefühl,
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Das sehr behagt, macht ihre Stirnen heiter,
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Ihr Auge stralend, und ein Pfänderspiel
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Beim Punsch' – kurz, sehet da die Leiter,
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Auf der geschwind, ohn' offenbaren Krieg,
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»wie wär' es? gnäd'ge Frölen,« sagte
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»wir warteten heut' Abend bis zuletzt?
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Am sichersten ist's hinterher zu fahren;
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Denn, was ich nicht befürchte, doch gesetzt,
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Der Schlitten fällt, so wird, Gott soll bewahren!
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Der gleich zu Muß getreten und zerfetzt,
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Wer in dem Wege liegt.« – »Ach! nein denn, nein!
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So lassen Sie uns ja die Letzten seyn.« –
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Kaum hörte dieß der Herr von
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Als er geschwind noch einen Plan erdachte,
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Den armen Adlerkant von seiner Qual
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Schnell zu befrein. Doch, was ihm Sorge machte,
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War, daß sein blöder Freund zum erstenmal
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Ein Ding, woran er schon mit Zittern dachte,
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Mit eigner Hand thun sollt', und (Wunder! schreit
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Der Autor hier, weil's reimt,) er war bereit!
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Des Steuerraths Veränderung ist zwar,
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Wie der Verfolg die Herren selbst wird lehren,
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So ziemlich rasch und deßhalb sonderbar.
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Doch wißt ihr, Lieb' und Eifersucht verkehren
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In einen Tiger, was ein Lämmchen war.
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Hier durften sie, was euch vielleicht Schimären
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Und Possen sind, im Herzen nur zerstreun. –
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Doch seht! sie brechen auf und steigen ein!
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Der Herr Assessor stand bereits und neckte
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Antonien, die gern geschehen ließ,
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Daß er ihr Füßchen in den Fußsack steckte,
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Herab flog in den Hof, und ihm entdeckte:
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Sein Tod und Leben, Höll' und Paradies,
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Hang' ab von einer wichtigen Heimlichkeit;
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Sie zu entdecken sey die höchste Zeit.
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Erlaubniß aus von Nettchen. Jene sprangen
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Ins Haus hinein. Wir gehn indeß zurück
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Zu Adlerkant. Mit glühend rothen Wangen
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Gelungen war, die Trepp' herabgegangen,
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Wir schon bemerkt,) zu Nettchens Schlitten hin;
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Sprang auf die Pritsche, nahm die Zügel, gab
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Dem Gaul' die Zung', und fuhr mit lautem Klange
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Antonien davon in vollem Trab'.
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Bald blaß, bald roth; urplötzlich brach er ab,
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Und lief und schrie, (denn ihm war mächtig bange,
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Das Pferd sey durchgegangen,) »He! ho! he!
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Ho! Männchen ho!« und fiel, bardauz! in Schnee.
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Ich denk', ihr Herrn, wir lassen ihn da liegen;
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Er findet so vielleicht, vom Tanz' erhitzt,
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An dieser Art von Abkühlung Vergnügen.
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Mag immer gehn, und andre mögen's rügen,
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Daß er die Bolzen listig zugespitzt,
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Die Adlerkant, der sonst nicht leicht Verdruß
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Im Herzen lange nährt, verschießen muß.
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Als er so saß, den weißen Federhut
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Ins Aug' herabgedrückt, um Mund und Ohren
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Ein Tuch gebunden, hatt' er allen Muth,
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Auch war er, wahrlich! lange nicht so gut,
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Zum Glück', daß ihm die Nacht zu Hülfe kam,
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Und Nettchen ihn für den Assessor nahm.
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»nun? was war das? was gab's denn dort? wen schickte
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Der Kuckuck da noch?« – Adlerkanten schlug
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Das Herz zwar sehr, doch was er sprach, erstickte
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Zum guten Glück', sein vorgebundnes Tuch.
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»ei!« sagte Nettchen, als sie dieß erblickte,
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Das machen Sie, bei meiner Treue, klug!
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Die Lippen springen Einem leicht sonst auf.« –
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»ja freilich!« murmelt' Adlerkant darauf.
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Itzt ist es Zeit, dacht' unser Adlerkant,
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Denn die Gelegenheit kommt niemals wieder!
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Hier sank sein Mund in Nettchens Nacken nieder.
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Mit Seufzen drückt' er ihre warme Hand,
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Und zärtlich drückte sie die sein' ihm wieder;
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Drob brummt' er einen halb erstickten Fluch
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Auf Nettchen her, und biß vor Wuth ins Tuch.
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Itzt fühlt' er Muth, das letzte noch zu wagen,
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Zu Nettchens Busen, kam auch ohne Zagen,
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(denn nur die Lieb' ist zaghaft,) an den Flor:
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Doch fühlt' er kaum ihn sanfte Wellen schlagen,
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Als sich beinah so Muth als Wuth verlor;
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Führt seine Hand rasch auf den Busen zu.
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Als erst der Feind auf dem Glacis nur stand,
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Da setzte Nettchen mit dem halben Heere,
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(das andre war in des Belagrers Hand)
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Sich freilich auch, nur, halb beherzt, zur Wehre;
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Doch als er alle Schanzen überwand,
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Rief sie dem Sieger zu: »Bei meiner Ehre!
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Ich werde böse; Herr von
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So gehn Sie doch! – Wie? heißt das artig seyn?« –
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Vorhergesagt, sonst würd' ihm ziemlich bange
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Geworden seyn; itzt aber küßt' er gar
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Noch oben drauf des Fräuleins heiße Wange;
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Und, weil es nun einmal nicht anders war,
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Gab Nettchen, voller Großmuth, selbst, dem Zwange
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Gutwillig nach, und legt' aufs Bitten sich;
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Und dabei blieb's, bis er von selber wich.
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Drauf fuhr der Schlitten vor des Vaters Thür'.
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»ei!« rief der Alte, »guten Abend, Nette!
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Denk, Adlerkant – die Freude wollt' ich dir
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Erst machen, und ging drum nicht eh' zu Bette –
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Ist Steuerrath mit tausend Thalern! dir
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Ist das doch auch wohl angenehm? ich wette! –
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Nun, Herr Assessor! kommen Sie herein!
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Sie werden so wohl halb erfroren seyn.«
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»ich bin nicht, wie Sie sehn, der Herr von
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Sprach Adlerkant, und band sein Tuch sich ab,
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»doch ist mir's lieb, daß ich beim Schlittenfahren,
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Mir, gnäd'ges Fräulein, seine Rolle gab.
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Die weitr' Erklärung, denk' ich, kann ich sparen.«
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Drauf wischt' er sich geschwind die Thränen ab,
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Und ging, ohn' einmal noch sich umzusehn,
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Und ließ, gerührt vom Blitze, Nettchen stehn.