Vorüber war nunmehr die große Stunde

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk: Vorüber war nunmehr die große Stunde Titel entspricht 1. Vers(1788)

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Vorüber war nunmehr die große Stunde,
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Für die der Rath des Landes Wohl betreibt,
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Zu Kranken macht,
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Der Obrist
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Der donnernden Kanonen stehen bleibt,
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Und – kurz, ein jeder hatte seinen Bauch,
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Von zwölf bis eins, gefüllt, und
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St! stille! still! ich höre Schellenklang!
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He! aufgeschaut! da kommt er angefahren!
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O, billig ist, du Roß, so stolz dein Gang!
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Denn ziehst du nicht den wackern Herrn von
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Wer ist, der so wie er die Peitsche schwang?
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Wer räuchert so die Stadt mit seinen Haaren?
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Wer ruft, wie er, volltönend sein Hop! hop!
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Seht! selbst die Hund' entsetzen sich darob.
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Nun glaubt ihr wohl, bei der Gelegenheit
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Würd' ich die Schlitten, Stück für Stück beschreiben?
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Nein, wahrlich nicht! Schaut, wie der Krittler dräut,
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Mich zu dem Vieh'
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Und sollte mein Gemälde gleich so weit,
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Von
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Als eine Ros' und eine Hyazinth:
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Was schiert ihn das, wenn beides Blumen sind?
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Burr! rief er nur, da stand das Roß, da that
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Die Thür sich auf, da knarrte Nettchens Treppe
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Von ihrem Fuß', da rappelte der Rath
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Vom Mittagsschlaf' sich auf aus seinem Bette,
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Und kratzt' am Ohr', als wenn beim Amtsetat
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Ein Minus sich statt Plus geäußert hätte,
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Und Velten sucht', als jagte sie ein Brand,
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Des Fräuleins Pelz, und hielt ihn in der Hand.
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»erkälte dich nur nicht, mein liebes Kind,
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Und trinke nicht, wenn« – doch, das kann ich sparen.
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Ihr Herren wißt ja wohl wie Väter sind,
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Wenn ihre Töchter weg zum Balle fahren;
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Sie reden da viel Gutes in den Wind.
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Doch wär's genug, sie meinem Herrn von
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Anzuvertrauen; denn in seinem Arm'
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Und seinem Pelz' fährt sich's so gut und warm.
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Von Mädchen ist's – wie meine Base sagt,
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Die mit an
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Auf diese Art zu fahren, viel gewagt;
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Denn es ist leicht, dabei sich zu verlieben.
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Ihr Herren aber, denen nichts behagt,
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Was nicht ein
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Ihr im Terentius –
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Schwatzt was ihr wollt! Mein Nettchen saß im Schlitten,
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Blinzt' um sich her, wie alles Augen macht',
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Als sie dahin, schnell wie auf Schrittschuhn, glitten.
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Der Alte rief noch in der Thür': Sacht! sacht!
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Da aber half kein Rufen und ein Bitten,
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Denn an den Alten ward nicht mehr gedacht;
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Das klügre Pferd hemmt' aber seinen Lauf
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Gar bald von selbst; ein Wagen hielt es auf.
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Der Fuhrmann hielt gerade vor dem Hause
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Des Sekretärs, und sein Bedienter
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Versichert uns, daß, während dieser Pause,
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Das Fräulein an der Haut der Lippen fraß,
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In ihrem Schlitten, wie zur Zeit der Mause
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Ein Vogel im Gebauer, traurig saß;
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»denn,« sagt er, »sie sah
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Und sucht' am Fenster sehnlich meinen Herrn.«
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Doch, dieser war bereits bei einem Freund'
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Am Markt', um hier den Zug mit anzusehen.
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Itzt wußt' Antonia sich, wie es scheint,
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Nach
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Daß Adlerkant, der sonst so leicht nicht weint,
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Mit Thränen weg vom Fenster mußte gehen;
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Selbst seines Vaters Grabgeläut durchdrang
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Nicht tiefer ihn, als dieser Schellen Klang.
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»je!« sprach sein Freund, »was fehlt dir? wie die Wand
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Wird dein Gesicht! wie ist dir? doch nicht schlimmer?« –
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»ach!
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»ach! sahst du nicht, wie sie mit
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Bald was zu sprechen, bald zu lachen, fand?« –
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»ho ho! sonst nichts? du kennst die Frauenzimmer,
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Das merk' ich wohl, von Einer Seite nur;
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Und kommst du nun erst auf die rechte Spur?
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Hab' ich dir nicht schon tausendmal gesagt:
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Laß doch den Adel! denn, von Vorurtheilen,
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Eh' die Vernunft in düstern Köpfen tagt,
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Den, dessen Werth von ihnen abhängt, heilen:
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Das heißt so was wie
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Und wer Windmühlen stürmt, empfänget Beulen!
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Nun siehst du selbst, wie bald die falsche Scham
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Aus Nettchens Kopf und Brust dein Bildniß nahm.« –
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»ach! alles wahr! und alles gäb' ich drum,
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Wenn
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Doch, da er's ist, so sey es auch darum!
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Und Nettchen wandte sich, bei meiner Ehre!
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Aus Welt, aus Höflichkeit nach ihm nur um;
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Denn, lieber, bester Liljenthal, ich schwöre
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Dir zu, sie liebt so sehr, so herzlich mich,
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Und mich allein, als ich vielleicht kaum dich!« –
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»gut, Adlerkant! sie mag von Adel seyn!
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Ist sie erst deine Frau, und aus dem Kreise
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Des Adels weg, so machen Schmeichelein
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Mit Ernst gemischt, sie endlich noch wohl weise;
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Doch fällt mir – sieh nicht sauer – manches ein,
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Warum ich Nettchens Liebe noch nicht preise.
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Ich sehe wohl, das Ding verdrießt dich baß;
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Das macht dein Ideal; doch weißt du was?
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Die Mädchen besser glauben, als sie sind,
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Macht nicht dem Kopfe, nur dem Herzen, Ehre.
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Wächst denn beim Mann' die Tugend so geschwind
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Ohn' alle Pfleg' und Wartung? Pa! Schimäre!
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Wie denn bei Mädchen, welche, bloß dem Wind'
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Und Wetter überlassen, nur die Scheere
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Der Mod' und der Verstellung, für die Welt
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In gleicher Piramidenform erhält?
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Was ist ihr Herz? ein Sieb für Kleinigkeiten!
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Was schätzen sie? Verstand vielleicht, und Witz,
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Und Sitten ohne Tadel? Albernheiten!
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Das sinnliche Vergnügen ist der Blitz,
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Der sie entzündet. Glaub' mir, hundert streiten
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Mit Ränken sich um eines Narrn Besitz,
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Indessen selten nur ein edler Mann
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Von stillem Werth' sich geltend machen kann.
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Sey lang von Wuchs, beblecht, und voll von Wade:
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Das gibt Verdienst!« – – Hier hielt er plötzlich ein.
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Ein Mysogyn wird sagen: das ist Schade!
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Doch sollt' er nur an meiner Stelle seyn;
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Man reimt, und reimt, und doch will die Tirade
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Kein Ende nehmen. Komm denn nur herein,
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Du guter
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So deinem Herrn, der weint', als mir, der schlief.
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»ha Liljenthal, sieh! ich bin Steuerrath
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Mit tausend Thalern! lies hier selbst das Schreiben
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Von dem Minister! Soll ich nun zur That
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Das, was mein Herz beschloß, gleich morgen treiben?
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Ich hoffe ja, der alte Kriegesrath
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Wird wider mich so sehr sich wohl nicht sträuben;
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Und Nettchen – o, die Musen schmückten nie
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Ein Mädchen schon so herrlich aus, als sie!« –
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»nun! meinethalb! Wem nicht zu rathen steht,
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Dem steht auch nicht zu helfen. Zwar ich hätte
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Noch einen Vorschlag.« – »Gut! laß hören! geht
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Er irgend an, so –« – »ja! was gilt die Wette?
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Komm mit mir gleich nach
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Die Wirthin Spaß, so ist im Kabinette,
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Dem Saal' wo Nettchen tanzet neben an,
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Gelegenheit, daß man sie sehen kann.« – –
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»so warte doch! Ist das nicht eine Wuth?
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Erst mußt du noch dir eine Wildschur borgen,
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Wie
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Fürs übrige, da laß du mich nur sorgen.
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Genug, ich bin dir heilig dafür gut:
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Entweder soll dein liebes Mädchen morgen
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Schon deine Braut – nicht wahr, das gehst du ein? –
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Wo nicht, gleichgültig dir wie jede seyn!« –
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Mit Riesenschritten ging der Sekretär
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Nach Hause, zu dem Abenteuer, eilig
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Sich anzukleiden, als von ungefähr
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Der Kriegsrath ihm begegnet. Sehr erfreulich
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War's unserm Alten, daß mit einmal der,
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Den er dem Fräulein Tochter nur noch neulich
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Zum Manne vorgeschlagen hatte, schon
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In Wurf ihm kam zu seiner Gratulation.
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Und Adlerkant fing schon zu stottern an:
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»wenn nun mein Glück nur gleich vollkommen wäre –«
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Als er sich noch zu rechter Zeit besann,
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Da
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»doch,« fuhr er fort, »Herr Kriegesrath, ich kann
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Itzt nicht verziehn; ich hab' indeß die Ehre
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Noch morgen früh« – »Recht gerne, in der That,
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Herr Steuerrath! recht gern, Herr Steuerrath!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk
(17481828)

* 13.07.1748 in Gröningen, † 18.02.1828 in Syców

männlich

deutscher Dichter des Rokokos und preußischer Beamter

(Aus: Wikidata.org)

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