Solch ein Adon schien der Assessor

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk: Solch ein Adon schien der Assessor Titel entspricht 1. Vers(1788)

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Solch ein Adon schien der Assessor
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(ein Edelmann, versteht sich schon!) zu seyn,
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Von schlankem Wuchs' und vier und zwanzig Jahren,
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Im Tanzen schwipp, in Komplimenten fein.
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Schon die Frisur von seinen blonden Haaren
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Eroberte viel Herzen ganz allein;
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Doch trug sein Wagen, fein lackirt, und neu
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Von Form, wohl auch das Seinige mit bei.
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Das seltne Glück, bei allen Frauenzimmern
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Gelitten seyn, war
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So eben recht. Um Liebe viel zu wimmern,
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War nichts für ihn, und mit Verschlagenheit
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Erst nach und nach ein gutes Herz verschlimmern,
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Wie Naso räth, erfordert lange Zeit;
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Drum paßt' er gern den Augenblick recht ab,
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Wenn ihm sein Feind von selber Blöße gab.
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So macht' ihm einst, beim Schluß' der Menuet,
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Antonia, mit einer solchen Miene,
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Die mehr, als man wohl sagen will, verräth,
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Den Knicks so tief und achtungsvoll, als Phryne
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Vor reichen Britten. »Ei! so hoch am Brett'?
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Glück zu! Glück zu!« zischt' ihm der Graf
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Vertraut ins Ohr. »Soll's etwa gar einmal
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Ernst werden? so gefällt mir deine Wahl!«
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»ernst? was für Ernst? heirathen? ha, ha, ha!
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Da irrst du dich, mein lieber Graf; mich sollte
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Der Teufel eher holen, als ich Ja!
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Am Traualtar' zu Einer sagen wollte.
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Was ist's denn nun, daß ich dem Mädchen da
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Ein bißchen mehr Tribut als allen andern zollte?
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Ich bin ihr gut! es fällt ihr selbst nicht ein,
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Ich würd' ein Narr um ihrerwillen seyn.«
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Man muß, rieth Sancho schon, das Eisen schmieden,
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So lang es warm ist.
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Von Nettchen kaum mit einem Kuß' geschieden,
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Als er den Bart von Daunen wacker strich,
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Am Schnupftuch' sog, und ohne zu ermüden,
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Zehn Plan' erfand, betrachtete, verglich,
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Ja! was selbst
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So saß und sann, bis an den hellen Tag.
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Denn Phöbus brachte seinen goldnen Wagen
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Schon aus dem Meer' und wieder in den Gang,
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(zu deutsch, Madam, es hatt' acht Uhr geschlagen!)
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Als
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Und endlich nun herab in seinen Magen
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Den Schokolat so selbstzufrieden schlang,
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Als
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Nach einer Schlacht, zwei Eyer in sich sog.
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Denn ausgedacht war nun der große Plan,
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An Nettchen sich nach Herzenslust zu letzen. –
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»zum Glück' ist jetzt die schönste Schlittenbahn;
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Sie darf sich nur in meine Muschel setzen,
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Ich, hinten auf; fort geht's nach Heideplan
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Und, um doch nicht den Wohlstand zu verletzen,
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Soll der und die von der Partie mit seyn;
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Das übrige bleibt meine Sorg' allein.«
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Hier trat
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Zur glücklichen Minnt' in
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»hör, Kerl! sitzt heute mir nach Wunsch die Locke,
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So – siehst du! – dein ist dieser Gulden hier;
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Sonst –« Hier wieß Herr von
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Der Franzmann war ein sehr gelehrig Thier;
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Denn, ehe noch zwei Stunden ganz entflohn,
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Saß
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Itzt hielt er still. Der Alte stürzt' hervor,
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Umarmt' ihn fest mit drei herzhaften Küssen.
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Der Jüngling bat; allein des Alten Ohr
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War taub. Er brummt' im Baß' von Hindernissen,
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Dem
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Akkompagnirt: »Herr Kriegesrath, Sie müssen!
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Denn,
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Daß man so jung uns die Plaisirs schon raubt.«
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»ei! welch Plaisir, mein lieber Herr Assesser,
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Wenn man da braun und blau im Schlitten friert?
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Da ist es hier beim warmen Ofen besser!« –
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»o ho! fiel
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Sich von sich selbst. Wär' auch die Kälte größer,
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Als sie itzt ist: im Pelz' und Fußsack' friert
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Man nicht so leicht.« – Stopft ein, Johann, stopft ein,
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Rief, voll Verdruß der alte
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Itzt war es Zeit, die Art Beredsamkeit,
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Die ihres Zwecks nie fehlet, anzuwenden,
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Durch die verführt, vor noch nicht langer Zeit,
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Ein Priester selbst es wagte, den zu schänden
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Vor dem er sonst in Unterthänigkeit
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Sich bückte, bis an seines Mantels Enden:
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Denn gestern war der Mann der Erst' im Reich',
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Und heute früh dem Dieb' im Kerker gleich.
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Kurz,
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Sein Päckchen ab, und, denkt euch das Entzücken!
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Die dickste Rolle Knaster, suprafein,
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In
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Der Alte saß und stotterte: »Nein! nein!«
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Fing aber doch mit unter an zu nicken,
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Und rascher zog der Rauch ihm um den Bart,
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Doch stand's so so noch um die Schlittenfahrt.
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Denn Nettchen sah ein wenig schnippsch dazu,
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Daß man ihr so Erlaubniß kaufen wollte,
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Als aber sich, vom Busen bis zum Schuh',
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(ach! Adlerkant! du armer Schlucker, du!)
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Der mit dem Pelz' von Hamster tauschen sollte,
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Sah sie so hold den Pelz und Geber an,
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Wie manche Frau den Sarg, und drinn – den Mann.
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(der Assessor).
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»viktoria! die Schlittenfahrt ist richtig!«
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(das Fräulein).
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»gefangen ist der reichste Kavalier!«
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(der Kriegsr.).
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»die Roll' ist doch wahrhaftig ziemlich wichtig!«
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(jungf. Velten).
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»nun! jedem was! ist bald die Reih' an mir?«So komponir' ich diesesmal nur flüchtig
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Ein Quadro, das nach eigener Manier
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In Partitur ein jeder setzen kann;
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Ich gebe nur den Generalbaß an.
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Wie, wenn im Klub der Geldentblößte Zecher
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An einen, morgen zahlbarn, Wechsel denkt,
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Und, eben noch der Schwänkereichste Sprecher,
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Mit einem Mal' den Kopf verstummend senkt:
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So senkte sich auch Fräulein Nettchens Fächer,
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Als sie die Einbildung zur Unzeit kränkt,
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Und Adlerkanten ihr am Fenster zeigt,
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Wie er zurück vor ihrem Schlitten fleugt.
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Unedel gradezu dem edlen Mann'
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Begegnen, das wagt selbst ein König selten;
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Denn, selbst bei dem, der ihn nicht lieben kann,
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Wird doch sein Werth, wie alte Thaler gelten.
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In Nettchens Aug' ist
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Und dennoch muß sofort noch Jungfer Velten
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Zu Adlerkant, und klagen, daß der Rath
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Ihr Fräulein zwingt, bloß weil ihn
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Die Nachricht wollt' ihm nicht so recht behagen;
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Ein süßer Herr, wie
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In der Natur am schwersten zu ertragen:
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Und diesen, auf den Schlitten, hinter ihr,
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Den Arm vertraut um ihren Arm geschlagen,
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Sich vollends denken! Himmel, ach! wofür
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Hatt' er geseufzt, gerechnet und geschwitzt!
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Allein, gemach! denn

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk
(17481828)

* 13.07.1748 in Gröningen, † 18.02.1828 in Syców

männlich

deutscher Dichter des Rokokos und preußischer Beamter

(Aus: Wikidata.org)

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