Noch seh' ich sie im Tanze leicht sich drehen

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk: Noch seh' ich sie im Tanze leicht sich drehen Titel entspricht 1. Vers(1788)

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Noch seh' ich sie im Tanze leicht sich drehen,
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Und schweben, daß sie mit den Zehen
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Den Boden kaum berührt.
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Abkühlend seh' ich noch sie auf und nieder gehen,
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Und, ohne daß sie selbst es spürt,
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Durch sie sogar der Greise Herz gerührt.
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Ich sehe noch sie reisefertig stehen,
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Und, wenn mich nicht die Eigenliebe trügt,
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So spricht ihr Auge: Freund! nicht mißvergnügt!
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Kann ich, gerührt, kein Lebewohl dir sagen,
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So ist es doch nicht meine Schuld,
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Allein ein Weilchen nur Geduld,
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So wird die rechte Stunde schlagen. –
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O lebten wir noch in den Feenzeiten,
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Und könnt' ich schnell durch einen Talismann
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Ein Täubchen werden, könnte dann
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Nach Hause sie auf ihrer Fahrt begleiten!
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So aber seh' ich starr von weiten
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Dem gar zu schnellen Wagen nach,
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Blick' auf zum Himmel, seufzend: Ach!
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Ihr Engel wollet sie geleiten!
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Da steh' ich! Einsam, wie im Meer'
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Ein Fels, um dessen Haupt ein Dohlenheer
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Vom Morgen bis zum Abend flattert,
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An dessen Fuß so manche Seegans schnattert,
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Doch ist er um und um von Nachtigallen leer.
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Von allen Freunden, die mich lieben,
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Drei Jahre durch den Harz getrennt,
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Bin ich nur hier, mich zu betrüben,
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Hier, wo mein Herz fast Niemand kennt.
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Das Städtchen dünkt mich eine Wüste,
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Denn ach! aus Liebe schlug mein Herz noch nie darin,
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Bis Nantchen, o die frohe Sängerin!
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Mich Schwermuthsvollen freundlich grüßte,
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Von ihr ein Tropfen Lob, von ihr, der Charitin!
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Den Wermuthsbecher mir versüßte!
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Doch ach! Nun ist auch meine Ruh' dahin!
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Was sucht' ich? Schönheit bloß? Sucht' ich Verstand allein?
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Sucht' ich nur Witz? Das alles ließ sich finden!
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Doch will das Herz durch mehr befriedigt seyn.
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O warum kann die Sympathie allein
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Mich fest mit Rosenschnüren binden?
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Warum verweigert Herzen sie,
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Die, wie es scheint, für mich empfinden,
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Mein schmachtend Herz? Umsonst! Ein Plato selbst wird nie
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Den Eigensinn der Sympathie,
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So viel er grübeln mag, ergründen.
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Heut war sie bettelarm, ist morgen Crösus reich;
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Sie weiß den Diamant zu finden,
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Und läg' er neben Aetna's Feuerschlünden
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Auch unter tausend Schlacken gleich.
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Dem Schiffer ähnlich, der in schwarz bewölkter Nacht
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Umher in Klippen irrt, ohn' einen Port zu finden,
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Dem endlich schnell ein Stern am Himmel lacht,
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Um plötzlich wieder zu verschwinden,
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Starr' ich ins Dunkle hin, und glaube zu erblinden,
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Und frage mich: Träumst, oder bist erwacht? –
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Sie kam, sie ging die Treppe nieder.
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Und ach! wann kehrt sie je zurück?
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Sie fährt davon! Wann seh' ich je sie wieder?
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Doch, selbst mit Schmerz sie lieben, ist schon Glück.
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Ist doch mein Daseyn nie so lieb mir noch gewesen,
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Als seit dieß Herz, der Schöpfung Meisterstück!
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Dieß Herz ich fand, das mich so ganz versteht!
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Wohl! – Mag das mein' auch nimmer gleich genesen,
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Als bis mit mir es einst zu Grabe geht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk
(17481828)

* 13.07.1748 in Gröningen, † 18.02.1828 in Syców

männlich

deutscher Dichter des Rokokos und preußischer Beamter

(Aus: Wikidata.org)

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