Soll ich der Flucht von meinen Tagen schelten?

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk: Soll ich der Flucht von meinen Tagen schelten? Titel entspricht 1. Vers(1788)

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Soll ich der Flucht von meinen Tagen schelten?
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Soll ich auf sie und ihre Trägheit schmähn?
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Soll dieser Blick dort nach zufriednen Welten,
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Wie? oder noch ins Thal des Kummers sehn?
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Was willst du thun? du Geist! der sonst so stille,
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Der jung und fromm, der Scherze Meister war?
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Ist Schmerz dein Wunsch? Ist Traurigkeit dein Wille?
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Was willst du thun mit diesem langen Jahr'?
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Der Jüngling rennt, um Veilchen einzusammlen,
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Und sonnet sich auf kaum gebornem Klee;
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Das Mädchen sitzt, geheimen Wunsch zu stammlen,
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Und spiegelt sich im aufgeklärten See.
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Allein nur ich, ich habe keine Freuden,
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Todt ist für mich die Stadt, und todt die Flur;
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Den Fröhlichen könnt' ich vielleicht beneiden,
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Den Traurigen, was hehl' ich's? lieb' ich nur.
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Zwar fluch' ich nicht der Liebe, nicht den Scherzen,
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Denn ohne sie ist dieses Leben, Nacht.
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O selig der, in dessen Engelherzen
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So Tag für Tag die Frühlingssonne lacht!
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Doch muß nicht ich mich selbst im Frühling' grämen?
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Wer tröstet mich? ich selbst versteh' es nicht!
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Kommt, lehret nur mich meines Kummers schämen,
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So sehr mein Herz auch für den Kummer spricht.
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Wem sag' ich das? vier kalten tauben Wänden!
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Doch klagt' ich selbst vier heißen Freunden vor,
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Sobald auch sie das Mädchen schuldig fänden:
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Wär' aller Trost umsonst, und taub mein Ohr!
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Ach! wer sie sieht, mag keine Andre sehen,
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Dem, der sie hört, singt
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Der, dem sie lacht, hört auf die Welt zu schmähen,
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Dem, der sie küßt, wird sie zum Paradies.
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Dem aber wird die Welt zum düstern Kerker,
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Das Sonnenlicht zum Lampenschein' darin,
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Wer sie verliert. Der Weis' ist dann nicht stärker
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Als wie der Thor. Hin ist ihm alles, hin!
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Erlaubte gleich der Himmel, der zum Lachen
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Und Weinen mich gebildet hat, die Thür
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Des Lebens, selbst mir früher aufzumachen
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Und wegzugehn, ich bliebe dennoch hier.
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Ich bliebe hier, um nur an sie zu denken,
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In meinem Gram' allmählig zu vergehn,
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Und endlich noch Vergebung ihr zu schenken,
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Sie dann beglückt, und mich beweint zu sehn.
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Fort! laßt mich hin zum Bach' der Riesenhöhle,
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Wo sie das Herz mir einst mit Schwüren gab:
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Aushauchen will ich da die müde Seele;
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Sie kommt vielleicht und weinet auf mein Grab.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk
(17481828)

* 13.07.1748 in Gröningen, † 18.02.1828 in Syców

männlich

deutscher Dichter des Rokokos und preußischer Beamter

(Aus: Wikidata.org)

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