Meine Thränen sind geweint!

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk: Meine Thränen sind geweint! Titel entspricht 1. Vers(1788)

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Meine Thränen sind geweint!
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Meine Seufzer sind verflogen!
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Ruhig bin ich, keinem feind,
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Selbst nicht der, die mich betrogen,
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Zwar wie liegt die Müdigkeit
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Schwer auf meinem ganzen Wesen!
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Aber nur noch kurze Zeit,
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Kranker! und du bist genesen!
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O! dem Ekel sey es Dank,
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Daß er gern den Gram begleitet,
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Daß er gütig Speis' und Trank
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Mir mit Wermuth zubereitet;
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Denn in jedem Bissen Brod
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Und in jedem Tropfen Weine,
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Nähm' und tränk' ich spätern Tod
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In die schmachtenden Gebeine.
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Ha! zum allerersten mal
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Seh' ich mich vergnügt im Spiegel!
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Welch ein dürres weißes Thal
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Sind itzt diese Rosenhügel
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Meiner Wangen? wie so klein,
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Wie so düster diese Sonnen?
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Suada, Scherz und Schmeicheleyn,
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Sind von meinem Mund' entronnen.
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Nur noch wenig, wenig Fluth
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Treibt des Herzens träge Mühle;
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Bald ihr müden Füße ruht,
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Ruht euch aus am nahen Ziele!
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Ach! Gehirn! dein Feuer macht
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Meines Lebens Abend schwüle.
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Aber sieh! da kommt die Nacht!
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Diese bringet mich ins Kühle.
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Todesnacht! sollt' ich in dir,
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Ungewiß, wie lange? schlafen,
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O! wie könnte schon mich hier
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Die Natur wohl härter strafen?
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Schlafen, oder nicht mehr seyn,
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Das ist Eins, eh' er's erfähret;
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Ruhe werde dem Gebein',
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Und Gefühl dem Geist' gewähret.
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Wieder wachen wirst du Geist!
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Zwar wie liegt die trockne Hülle,
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Die der Schmetterling zerreißt,
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Gleich als schlief er noch, so stille?
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Aber sieh! dort fliegt er schon
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Auf die blaue Veilchen-Aue,
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Sauget Honig aus dem Mohn,
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Oder trinkt vom Rosenthaue.
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Doch, o Seele! sey auch wach:
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Wirst du diese Welt nicht missen?
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Wirst du noch von
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Dort gewiß
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Wirst du, oder wirst du nicht? –
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Nicht? – Entsetzen! Tod! Erbarmen!
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Schone! sieh! mein Herz zerbricht!
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Mörder! fort aus meinen Armen!
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Ahnung? Traum? was ist es? wie?
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Bleibt mein
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Bleib' ich hier? und werd' ich sie
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Wie die dichte Luft umgeben?
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Wann die Reu' in ihr erwacht,
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Werd' ich Tröster seyn, nicht Rächer?
63
Werd' ich? – Leben! gute Nacht!
64
Gib mir, Tod! den Schlummerbecher!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk
(17481828)

* 13.07.1748 in Gröningen, † 18.02.1828 in Syców

männlich

deutscher Dichter des Rokokos und preußischer Beamter

(Aus: Wikidata.org)

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