Ganze Tage, ganze Nächte

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk: Ganze Tage, ganze Nächte Titel entspricht 1. Vers(1788)

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Ganze Tage, ganze Nächte,
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Sitz' ich hier, auf meine Rechte
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Dieses Kummerschwere Haupt gestützt;
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Sitze weinend, und betrübe
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Meinen Geist, daß deine Liebe
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Nun ein Andrer, falsches Herz! besitzt.
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Thöricht such' ich da nach Gründen,
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Wo die Hoffnung, Grund zu finden,
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Wie so kühn sie immer sey, verzagt.
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Kann ich mir begreiflich machen,
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Was die Seele nie im Wachen,
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Selbst im Traum' zu denken nicht gewagt?
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Sage mir, daß Vaterbitten,
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Mutterthränen dich bestritten,
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Daß dein Kummer deinen Muth verzehrt,
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Daß sie unter Thränengüssen
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Dir die Hand nur weggerissen,
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Aber daß dein Herz noch mir gehört.
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Sage das! ich will es glauben,
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Will mir das Bewußtseyn rauben,
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Daß ich selbst den falschen Balsam gab;
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Denn bei so viel tausend Schwüren,
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Ungetreue! dich verlieren,
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O! das foltert langsam mich ins Grab.
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Oder kannst du jene Scenen,
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Jenes Schmachten, dieses Sehnen,
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Jene Seligkeit, und diese Pein,
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Kannst du die mit deinem Bilde
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Tilgen in mir? Sey so milde!
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Meine letzte Bitte soll es seyn.
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Kannst du das nicht, Ungetreue!
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Nun wohlan! sieh her und freue
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Deines Werkes, meiner Qualen, dich!
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Wen ein schleichend Gift verzehret,
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Stirbt entsetzlich, doch verheeret
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Nicht entsetzlicher der Kummer mich?
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Glaube nicht, daß vor dem Grabe
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Je dieß Herz gezittert habe,
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Ohne Klopfen geht es noch dahin!
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Gern verzeiht es deine Tücke,
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Ließ es dich nur nicht zurücke,
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Und zurück – als meine Mörderin!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk
(17481828)

* 13.07.1748 in Gröningen, † 18.02.1828 in Syców

männlich

deutscher Dichter des Rokokos und preußischer Beamter

(Aus: Wikidata.org)

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