Sendet die jüdische Braut dem nie gesehenen Freier

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk: Sendet die jüdische Braut dem nie gesehenen Freier Titel entspricht 1. Vers(1788)

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Sendet die jüdische Braut dem nie gesehenen Freier
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Ihr verschönertes Bild: büßen einst wird sie dafür!
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Häßlicher als sie ist, wird seine Verlobte ihm scheinen,
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Wenn er das Original nun mit dem Bilde vergleicht.
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Dann beneidet er selbst die Sitte des Orientalen,
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Der auf gutes Glück zitternd entschleiert die Braut.
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Doch was kümmert es viel den Maler, ob der Getäuschte
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Das betrügende Bild und die Gemalte verwünscht?
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Haben doch ihren Zweck sie beid' erreichet; vertrage
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Mit der Wirklichkeit sich jener, so gut er nur kann.

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Nein, Dorette! so soll dich kein Gemälde der Landschaft,
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Die mich jetzt umgibt, täuschen, damit du nur kommst.
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Die Natur gab hier dem Menschen gerade so viel nur,
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Daß er aus Hunger nicht stirbt, oder im Winter erfriert.
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Warum sollte sie denn noch mehr ihm spenden? Ein Felsen
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Träget kein Korn; Ein See bringet sehr wenig nur ein;
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Zwei Jahrhunderte braucht der Wald von Eichen zum Wachsthum';
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Berge? Ja die ersteigt ohne Beschwerde man nicht. –
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Von dem herrschenden Edelmann' an, bis dienenden Bauer,
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Wünschet jeder sich nur Boden, um Weitzen zu baun.

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Wer die Reitze von dir, Natur! verachtet, den strafst du!
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Mag er auf sandiger Flur pflügen mit magerem Stier',
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Seine Rinderherd' er weiden auf gelblichem Grase,
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Kaum mit Löwenzahn höhnisch von Floren bestreut.
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Siehe! wie schleichet der Bach so stumm am nackenden Ufer!
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Keine Forelle, kein Schmerl springet und scherzet in ihm.
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Kein Vergißmeinnicht verlanget sich in ihm zu spiegeln,
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Die geborstene Weid' ist seine Freundin allein.
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Wald genug siehst du umher, doch ach! von traurigen Kiefern,
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Nur von Raupen besucht, oder noch höchstens vom Specht'.
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Hier bringt Zephyr nicht die Zweige zu süßem Geflüster,
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Und der Nachtigall Lied wurde hier nimmer gehört.
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Fluchend der drückenden Luft und brennenden Nadeln des Bodens,
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Eilt mit verdoppeltem Schritt' lechzend der Pilger hindurch.
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Kann dein Auge nur sonst das Blenden des Saudes ertragen,
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Nun, so siehe dort links Hügel mit Reben bepflanzt.
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Aber merkest du wohl: sie lesen die kleinlichen Trauben
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Ohne Gesang und Klang. Schämt man sich ihrer vielleicht?
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Nur der Krämer schämet sich nicht, den gewachsenen Essig
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Umzuwandeln in Gift, das er dann

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Hat ein vertriebenes Volk, umher ohne Vaterland irrend,
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Zwischen diesem Gau und dem Verhungern die Wahl:
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Nun! so bauet es freilich sich an! Doch sterben die Enkel,
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Ohne die schöne Natur jemals im Schmucke zu sehn.
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Wie viel Freuden, die nichts am Weserufer und Rheine
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Kosten, entbehret nicht der, welcher die Oder nur sieht!
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Glücklich kann er nur seyn, hat er sie nimmer verlassen.
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Wer das Bessre nicht kennt, sehnt nach dem Bessern sich nicht.
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Aber wenn das Geschick ins Riesengebirge ihn führet,
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O so kehr' er doch ja nimmer zur Oder zurück!

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Wer, wie ich, am Fuße des Brockens, am Ufer der Saale,
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Wo sie vom
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In des hügelumkränzten
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Und auf
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Hat ein halbes Jahrhundert gescherzt, der wendet von Kiefern,
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Und vom Sande, der kaum Hirse und Heidekorn trägt,
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Weg das Auge, gefüllt mit Thränen vergeblicher Sehnsucht.
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Hier zu leben, ist schwer, schwerer ist sterben hier noch.

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Dennoch, geliebte Natur! so lang ich noch Tannen von Kiefern
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Unterscheid', und noch duftende Veilchen vom Moos,
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Streu' ich den Saamen, den du in fetterem Boden erzeugest,
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Auf mein Blumenbeet in den veredelten Sand,
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Pflanz' im Wäldchen die duftende Birke, die stolze Platane,
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Und zum mindesten dankt mir Philomele dafür.

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Hast du, Freundin, genug an diesem Garten und Wäldchen,
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Dann so säume du nicht! Binde die Augen dir zu!
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Rolle, (wo möglich, im Schlaf',) auf grob zerschlagenen Steinen,
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Sonst Chaussee genannt, bis an die Oder hinab.
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Hat sich
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Und die sandige Heid' endet zehn Meilen lang nicht:
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O so bedenke, daß du durch dieses Opfer den Abend
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Meines Lebens erhellst, der itzt so dunkel mir scheint.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk
(17481828)

* 13.07.1748 in Gröningen, † 18.02.1828 in Syców

männlich

deutscher Dichter des Rokokos und preußischer Beamter

(Aus: Wikidata.org)

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