Noch heute wird die Stunde kommen

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk: Noch heute wird die Stunde kommen Titel entspricht 1. Vers(1788)

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Noch heute wird die Stunde kommen,
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Wo dich mein Vaterarm umschlingt,
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Und, was der Frühling mir genommen,
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Der Herbst vollkommner wieder bringt;
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Die Mutter mit verjüngten Wangen,
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Und dich, gewachsen an Verstand.
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Könnt' ich vom Glücke mehr verlangen?
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So manchen Kranz es mir auch wand,
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Den schönsten werd' ich heut empfangen.
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Sieh hier dein trauliches Closett!
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Wie lächelt dich es an! Wie nett
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Hat sich's geschmückt, dich zu empfangen!
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Wie still und öde war es hier,
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Seit deine Stimm' und dein Klavier
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Nicht mehr in diesen Wänden klangen!
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Jetzt hat sich's wieder neu belebt;
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Hoch über deinem Kopfe schwebt
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Der Dohmpfaff, freundlich dich zu necken;
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Das Hündchen zupft an deinen Röcken,
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Zu melden, daß es auch noch lebt.
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Zwar welch ein Abstand: dieser Raum,
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(er fasset ja uns drei nur kaum,)
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Und jener Prachtsal in Pyrmont,
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Von Sternen ersten Rangs besonnt! –
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Nicht wahr, noch dünkt es dich ein Traum?
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Dein König selbst in diesem Kreise,
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Der bis zu dir herab sich läßt,
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Musik und Tanz, und Fest auf Fest! –
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Wie leicht bringt das nicht aus dem Gleise!
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Doch nun zurück ins stille Nest!
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Hier bilde dich, o Wilhelmine!
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Sey mit dir selber hier zu Haus!
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Hier zieh den Büchern, wie die Biene
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Den Blumen, ihren Honig aus.
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Hier gib der Stimme Flötentöne,
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Den Messingsaiten Silberklang;
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Hier schöpfe aus der Hippokrene
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Des Herzens, rührenden Gesang.
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Laß Flora's Garten, Circens Insel,
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Bald durch den Bleistift oder Pinsel,
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Bald durch der Nadel Kunst entstehn;
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Doch laß dieselbe Hand auch willig,
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Auf einem Küchentuch' von Zwillich
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Die Mörserkeul' im Nothfall' drehn.
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Dem Gatten schmecken
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Dann zehnmal süßer, liebes Kind!
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Kurz, lerne nur die Kunst: Geschwind,
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Gleich einem Proteus, dich verwandeln,
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Und, statt zu sprechen bloß, auch handeln,
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Weil That die Herzen nur gewinnt.
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Im Lärm' und Drang' der großen Welt
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Läßt sich das Handeln schwer erlernen.
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Wen Lust, wen Zwang zurück nicht hält,
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Wird sich von da gar bald entfernen,
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Wo man um Nichts sein Alles wagt,
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Im Herzen leere Wünsche sieden,
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Und alle Sinnen, schnell gejagt,
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Um desto schneller nur ermüden.
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Wer Gnügsamkeit gefunden hat,
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Fand sie in seinem Cabinette;
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Der Tag wird dann zur Blumenkette,
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Die Nacht zu einem Stärkungsbad'.
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Bist du in deinem unzufrieden,
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So liegt die Schuld allein an dir.
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O wünschte nie dein Herz sich hier,
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Was dir das Schicksal nicht beschieden!
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Entbehren lernen, ist hienieden
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Der saure Weg zum innern Frieden;
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Dem Himmel Dank! leicht ward er dir.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk
(17481828)

* 13.07.1748 in Gröningen, † 18.02.1828 in Syców

männlich

deutscher Dichter des Rokokos und preußischer Beamter

(Aus: Wikidata.org)

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