Du glaubst, ich hätte dich vergessen?

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk: Du glaubst, ich hätte dich vergessen? Titel entspricht 1. Vers(1788)

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Du glaubst, ich hätte dich vergessen?
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Ein wahrer Freund vergißt uns nicht!
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Gestehen muß ich es indessen
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Mit hell erröthendem Gesicht':
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Zu lange hab' ich schon geschwiegen,
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Zu schlecht gehalten dir mein Wort!
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Ach! drei von deinen Briefen liegen
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Laut mahnend, leise zürnend, dort!
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Weg sollte längst die Antwort fliegen,
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Ist aber leider! noch nicht fort.
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Doch hab ich Ursach' zu erröthen?
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War denn das Schweigen meine Schuld?
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Wie? Hatten mich so tief die Flöten
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Der Liebesgötter eingelullt,
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Daß ich im Sybaritenschlummer
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Von meiner alten Freundin Kummer
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Auch selbst in Träumen nichts empfand?
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Lag ich, von ihrer zarten Hand
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Gestreichelt, in Fortunens Schooß,
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Und dachte: Hast das große Loos,
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Was kümmern dich der Freunde Nieten?
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Und konnt' ich, (wie die Henn' im Brüten
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Nicht einen Augenblick ihr Nest,
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Trotz allen Lockungen, verläßt,)
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Mein Pult so lange nicht verlassen,
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Um dich, die wartend vor mir stand,
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Bei der von Sorgen welken Hand,
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Die so viel Schönes schrieb, zu fassen?
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Wenn ich der Karte Matador
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Weit mehr als meine Leyer schätzte,
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Und einen Hasen lieber hetzte,
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Als durch ein Lied der Freundin Ohr,
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Wie vor zwei Jahren noch, ergötzte;
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Wenn nicht, wie sonst, ich inniglich,
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Noch deine Sorgen jetzt empfände:
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O dann vergiß, verachte mich!
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Denn mit der Freundschaft wär's am Ende.
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Mein waren freilich tausend Stunden,
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Seitdem von meinem letzten Laut'
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Der Nachhall deinem Ohr' entschwunden;
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Doch war ich, wann der Abend graut',
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An meinem Geiste so geschunden,
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Wie Marsias an seiner Haut.
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Streich' diese Zeit von meinem Leben,
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Wie billig, auf der Rechnung aus,
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Dann kommt vom ganzen Jahr' nur eben
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Ein voller freier Tag heraus.
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Nicht wahr: Nun wirst du mir vergeben?
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Doch sag' ich nicht: Bedaure mich!
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Nein, nein! denn diese Spanne Leben
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Zu nehmen wie sie ist, wird Pflicht.
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Dieß, dieß nur kann den Muth erheben,
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Bedauren aber hebt ihn nicht.
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Sprich lieber: »Drückt dich da der Schuh?
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O laß den Blick umher nur wandern!
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Schließt Unabhängigkeit nicht andern,
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Die alle besser sind, als du,
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Das Pförtchen vor der Nase zu?
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Darf manches Lied, das ich gesungen,
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Vergleich mit Sappho's Liedern scheun?
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Und dennoch ließe sich's verzeihn,
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Wär' ich, die Leyer fest umschlungen,
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Vom Felsen in das Meer gesprungen.
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Ich blieb, und bin doch nur ein Weib!
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Trag du denn auch dein Joch durchs Leben!
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Kannst du mir schreiben? Wohl! so schreib!
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Wo nicht? Ei nun! In jenem Leben
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Wird's keine Sorgen für den Leib
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Und keine Kanzeleien geben.«
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So, liebe Freundin, hör' ich's gern!
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Mir wird ein solches Wort zum Stern',
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Auf dunkelm Pfad' nicht zu verzagen;
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Doch würdest du mich bloß beklagen:
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Unglücklicher möcht' ich vielleicht
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Als ich schon wirklich bin, mich halten;
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Denn ach! die Eigenliebe schleicht
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Sich in des Herzens engste Falten,
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Und ist die letzte, die entweicht.
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Der Freund, der uns nicht helfen kann,
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Mag auch sein Mitleid an sich halten,
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Und ruf' uns mit anscheinend kalten
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Humor, statt dessen zu: Sey Mann!
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Der Feige nur wird drum ihn hassen,
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Ihn, der als Freund erprobet war,
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Und für uns – könnt' er es – gelassen
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Gern trotzen würde der Gefahr.
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Soll das, was Weisheit von uns heischt,
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Ein Freund von uns zu heischen, zagen?
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Ein solches Mitleid, Freundin, täuscht
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Das Herz, wie Schneemilchschaum den Magen.
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Und ach! der letztere Betrug
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Wird allemal der schlimmste werden.
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Nur Muth! Nur Muth! So ist auf Erden
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Der Mensch sich selbst noch Trost genug.
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Darum bewahr' dich Gott, (dein Joch
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Ist schwer genug!) vor Leutchen doch,
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Die dich mit kaltem Troste kosen,
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Und dir so leicht mit Myrth und Rosen,
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Zum wenigsten mit Thimian,
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Wenn andern sie, als sich, ihn gönnten,
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Den kurzen Rest der Lebensbahn'
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Bis an das Grab bestreuen könnten.
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O! liebst du dich, und mich dazu,
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So wirst du nichts von ihnen hoffen.
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So steht mein Arm, mein Haus dir offen.
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Leb' wohl! der Morgen kommt! Betroffen
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Schließt er mein müdes Auge zu.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk
(17481828)

* 13.07.1748 in Gröningen, † 18.02.1828 in Syców

männlich

deutscher Dichter des Rokokos und preußischer Beamter

(Aus: Wikidata.org)

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