O du, mein Freund, mein großer Lehrer

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Leopold Friedrich Günther von Goeckingk: O du, mein Freund, mein großer Lehrer Titel entspricht 1. Vers(1788)

1
O du, mein Freund, mein großer Lehrer,
2
Verzeih, daß ich, dein alter Hörer
3
Und dein Bewundrer, dennoch dir
4
Einmal zu widersprechen wage;
5
Allein, die Ruhe meiner Tage,
6
Nicht wahr, mein Lieber, gönnst du mir?
7
Und diese, nicht die Streitbegier,
8
Zwingt mich zu einer dreisten Frage.
9
Ich hörte dich zu Scäva sagen:
10
»wenn du mit einem Haselhuhn'
11
Und Chier, dir willst gütlich thun,
12
So schleiche dich mit hohlem Magen
13
Zu reicher Leute Tafel!« – Ha!
14
Wie riß ich beide Augen da
15
Weit auf; kaum traut' ich meinen Ohren;
16
Denn sprich: ist Scäva nicht dein Freund?
17
So aber hätt' ich fast geschworen,
18
Er sey dein allerärgster Feind!
19
Und doch könnt' ich mich kaum entschließen,
20
Selbst einem Feinde diesen Rath
21
Zu geben, wenn auch in der That
22
Die Rache nichts kann mehr versüßen,
23
Als seine Feinde zu den Füßen
24
Der stolzen Reichen kriechen sehn.
25
Könnt' Aristipp, sagt Diogen,
26
Mit Kohle sich, wie ich, begnügen,
27
So würd' ihm bald die Lust vergehn,
28
Vor Königen im Staub' zu liegen.
29
»und wüßte Diogen dagegen
30
Mit Königen nur umzugehn,
31
Er würde keinen Kohl mehr mögen.«
32
Wer hat von beiden Recht? Laß sehn!
33
Zwar, kurz besonnen, sprichst es du
34
Mit deinen honigsüßen Lippen,
35
Dem ersten ab, dem letzten zu.
36
So laß uns denn erst Aristippen
37
Um seine Gründe hören. »Ich,«
38
Spricht der, »ich bin ein Narr für
39
Du für das
40
Mein lieber Freund, nicht bloß für
41
Auch für den Hof und für den König.
42
Doch, seyd ihr Narren, alle beide,
43
So scheint es eher zu verzeihn,
44
Des Königs Narr, des Hofes Freude,
45
Als Narr und Spott des Volks zu seyn.
46
Denn jenen wird ein Reitpferd tragen,
47
Vielleicht in einem sanften Wagen
48
Wohl gar vier stolze Schimmel ziehn,
49
Und Leckerbissen sätt'gen ihn,
50
Und dieser muß für seinen Magen
51
Um einen Kohlkopf sich bemühn;
52
Denn mag er noch so viel sich stellen,
53
Als wenn er keines Menschen Kind
54
Bedürfte; alles das ist Wind,
55
So lang auch Weiser Magen bellen.
56
Daß Aristipp in jede Rolle
57
Sich schicken kann, daß er ein Kleid
58
So gut von Purpur als von Wolle
59
Zu tragen weiß, erhebt ihn weit,
60
In meinen Augen, über jenen,
61
Der eher fadennackend läuft,
62
Als, statt der Lumpen, nach dem schönen
63
Ihm hingelegten Mantel greift.
64
Gib ihm die Lumpen hin, und laß
65
Den Narren nach Gefallen leben!
66
Sag' ich mit dir; doch ohne Haß,
67
Denn ich gesteh's, dem Mann' im Faß'
68
Werd' ich am ersten noch vergeben.
69
Zwar wirft ihm Aristippus vor,
70
Sein Tadler sey der größte Thor,
71
Weil er nur Lumperein erbitte.
72
Doch wie? wenn er aus freier Wahl
73
Selbst auf das Obdach einer Hütte
74
Verzicht that? Steht nicht in der Mitte
75
Die Wahrheit dann auch dieses mal?
76
Denn sage: sollt' ein Diogen
77
Die Kunst, nach Art der Aristippen
78
Mit einem Fürsten umzugehn,
79
Wenn er nur will, nicht auch verstehn?
80
Ist's denn so schwer, sich um die Klippen
81
Des Hofs, mit List herum zu drehn?
82
Nicht wahr, du gibst mir zu, am Geist'
83
Konnt's wohl beim Cyniker nicht liegen?
84
Auch hatte niemals, wie du weißt,
85
Ihm eines Prinzen Mißvergnügen
86
Den Hof verleidet; ihm allein
87
Blieb ja die Wahl, gleich jenem Andern
88
Der Freund von Königen zu seyn,
89
Ja selbst ein Freund von Alexandern.
90
Hielt er's für Niederträchtigkeit,
91
Den Aristippen gleich, zu heucheln,
92
Den Aristippen gleich, zu schmeicheln:
93
Sag', ist er
94
Er war ein Narr, die Welt zu fliehn,
95
Und sich lebendig zu begraben,
96
Doch immer lieber möcht' ich ihn,
97
Als Aristipp zum Freunde haben.
98
Er war ein Narr, dem Wohlstand' kühn
99
Zu trotzen, denn allein von Gecken
100
Wird das bewundert und verziehn.
101
Doch Aristippen, wie es scheint,
102
Vergibst auch du, mein weiser Freund,
103
Sein Schmeicheln und sein Speichellecken?
104
Und stellst ihn gar zum Muster vor?
105
Wenn ich für jenen nicht entscheide,
106
Ist dieser drum nicht auch ein Thor?
107
In einem Punkte sind sie's beide.
108
Denn sollt' ein Freund, (wie Scäva dich,)
109
Für seinen Sohn um Rath mich fragen,
110
So würd' ich, (denn so dünkt mich's,) sagen:
111
Du siehst, wie beide Weise sich
112
Vom Mittelwege weit entfernen,
113
Und andrer Leute Narren sind;
114
Laß drum durchaus so viel dein Kind,
115
Um selbst sein Herr zu werden, lernen.
116
Nie ging die wahre Kunst nach Brod,
117
Wenn sie vorher dem Eigensinne,
118
Der Faulheit nicht die Hände bot.
119
Schmaust deßhalb Fliegen schon die Spinne,
120
Weil sie ein Netz zwar weben kann,
121
Allein nicht webt? Zerreißt das Eine?
122
Sie fängt ein andres wieder an!
123
Und so verhungerte noch keine.
124
Vielleicht, daß unser Diogen
125
Und Aristipp, nichts für Athen,
126
Ihr eigner Herr zu werden, lernten;
127
Vielleicht, daß jenen, Eigensinn
128
In seine Tonn', und diesen, hin
129
Nach Hofe, Gaum und Faulheit körnten.
130
Doch trägt im Kopf' so viel dein Sohn
131
Mit sich herum, um alle Tage
132
Sein eigner Herr zu werden: sage,
133
Wird er nicht dann so gut am Thron'
134
Der Fürsten, ohne Speichellecken,
135
Stehn, wie in einer Schlacht der Held?
136
Als, wenn's dem Schicksal' so gefällt,
137
In eine Hütte sich verstecken?
138
Er wär' ein dreimal größrer Thor
139
Als jene beid', und zu verachten,
140
Zög' er der Müh', Gold aus den Schachten
141
Des Fleißes ziehn, die Narrheit vor,
142
Den Dionysen kriechend schmeicheln,
143
Wie Aristipp; wie Diogen
144
Aus seinem Narrenfaß' nach Eicheln
145
Mit Bären in den Wald zu gehn.
146
Den Großen dieser Welt gefallen,
147
Ist freilich nicht das kleinste Lob;
148
Doch wird's zum kleinsten unter allen,
149
Wenn Ehr' uns nicht dahin erhob.
150
Nun sage selbst: war Dionys,
151
So, wie einst Plato ihn verließ,
152
Der Mann wohl, dessen Freundschaft Ehre
153
Für dich, mein Freund, gewesen wäre?
154
Und möchtest du sie um den Preis,
155
Wie Aristipp sie kaufte, kaufen?
156
Ich würde wenigstens, wer weiß,
157
Wie weit? vor seiner Freundschaft laufen.
158
Nicht jedermann kommt nach Corinth!
159
Doch angewandt auf Dionysen:
160
Hat der sich einen Mann bewiesen,
161
Der den Tyrannen zwar gewinnt;
162
Doch wie? weil er, darnach er weht,
163
Den Mantel nach dem Winde dreht?
164
Gesetzt, die Kunst sey noch so schwer:
165
Ist sie auch edel? Nimmermehr!
166
Laß Aristippen also wagen,
167
So viel er will: wie mir es scheint,
168
Gebührt ihm drum nicht Ehre, Freund!
169
Belohnung aber seinem Magen.
170
Die
171
Uns sparen, die die Weisheit frei
172
Selbst dann noch sagen, an den Thronen
173
Der Fürsten, wenn die Schmeichelei
174
Mit ihrem Dolch' im Finstern schleicht,
175
Den edlen Weisen aufzupassen,
176
Die, billigt das der Fürst, so leicht
177
Den Hof, als Plato einst, verlassen.
178
Bewundern kann ich zwar den Mann,
179
Der, dreifach Erz um seinen Busen,
180
Des Hofes Circen und Medusen,
181
Ja Dionysen trotzen kann:
182
Beneiden aber, Freund, nur den,
183
Der nicht darf streiten mit Chikane,
184
Wie Plato nicht auf Laster schmähn,
185
Und nicht, gleich einer Wetterfahne,
186
Wie Aristippus, sich muß drehn;
187
Der bei dem Weisen kann ein Weiser,
188
Und, ist sein Rang auch noch so klein,
189
Sein Freund, wie du von deinem Kaiser,
190
Selbst darf an Gallatagen seyn.
191
Hat der sich einen Mann gezeigt,
192
Wer, Plato gleich, der Fürsten Gnade,
193
So wie die Gunst des Volkes, leicht
194
Entbehren kann, und von dem Pfade
195
Der Weisheit, keinen Schritt breit weicht?
196
Mir deucht, so ist's, mein lieber Lehrer!
197
Denn
198
Als Aristippus niedre Kunst,
199
Und seines Gegners blauer Dunst.
200
Was zwischen Schlangenglatter Sitte
201
Des Einen, und dem Charonsbart'
202
Des Andern, just steht in der Mitte:
203
Das nur ist wahre Lebensart.
204
Was zwischen jenem, der nur weise
205
Für seinen Magen schien zu seyn,
206
Und diesem, der zu seiner Speise
207
Wohl Eicheln nähm', um sich allein
208
Zu leben, in der Mitte steht:
209
Das, lieber Freund, muß Tugend seyn.
210
Sonst ist ihr Nam' ein Schall, verweht
211
Von jedem Hauche der Sophisten.
212
Denn, Freund! mit Selbstgenügsamkeit,
213
Wie unser Cyniker, sich brüsten,
214
Verdient' auf wüster Insel Neid;
215
Doch will er unter Menschen leben,
216
So leb' er ihnen und auch sich:
217
Nur immer nehmen, niemals geben,
218
Wie Aristippus, mag, für mich,
219
Klug heißen, nur nicht edel. Sprich,
220
Mißfallen dir selbst die Entwürfe
221
Der närrischstolzen Selbstsucht nicht?
222
Sie thut auf's Nehmen bloß Verzicht,
223
Damit sie nur nichts geben dürfe.
224
Ein Weiser nimmt nur das nicht an,
225
Was ihm das Laster beut; durch Bohnen
226
Wird ihn sein eigner Fleiß belohnen,
227
Und Ruh', des Fleißes Schwester, dann
228
Mit ihm in seiner Hütte wohnen;
229
Und das ist mehr, als ein Tyrann
230
Aus seinen Schätzen bieten kann.
231
Doch laß uns ohne Fleiß und Müh'
232
Falerner aus dem Becher schlürfen,
233
Und keines Menschen uns bedürfen:
234
Nun, so bedürfen unser sie!
235
Was dir zu viel die Ahnen gaben,
236
Um froh zu seyn, verschwende nie,
237
Das theile du mit allen, die,
238
Um froh zu seyn, zu wenig haben.
239
Des Menschen Schicksal ist entschieden,
240
Eh' selbst er weiß, was einst zum Frieden
241
Für seine Seele dienen wird;
242
Denn ehe wir noch weise werden,
243
Sind unsere Füße hier auf Erden
244
In tausend Netzen schon verwirrt.
245
Zerreißen wird sie nur der Weise,
246
Wenn er in seinem Wirkungskreise
247
Für seinen Geist zu eng sich dünkt;
248
Zerreißen wird er seine Bande,
249
Sobald darin mit ihm die Schande,
250
Wenn gleich aus
251
Sonst bleibt er stehn auf seinem Posten,
252
Sich immer gleich; regt keinen Fuß
253
Darnach, den Wein von Syrakus,
254
Das Wasser bei Athen, zu kosten.
255
Ist er mit Ehre was er ist,
256
So sey er was er will. Das Wählen
257
Steht selten erst bei uns. So bist
258
Auch du, um nichts dir zu verhehlen,
259
In meinem Aug' ein Biedermann,
260
Wenn deine Muse bei dem Kaiser
261
Auf Lob', um ihn zu bessern, sann.
262
Aus klugem Lob' wird leicht ein Weiser,
263
Aus Schmeichelei wird ein Tyrann.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Leopold Friedrich Günther von Goeckingk
(17481828)

* 13.07.1748 in Gröningen, † 18.02.1828 in Syców

männlich

deutscher Dichter des Rokokos und preußischer Beamter

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.