Vielleicht, daß schon die Hände dann verwesen

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk: Vielleicht, daß schon die Hände dann verwesen Titel entspricht 1. Vers(1788)

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Vielleicht, daß schon die Hände dann verwesen,
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Die dieß jetzt schreiben, liebes Kind!
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Wann du dereinst dieß Blatt wirst lesen;
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Vielleicht, daß schon der Abendwind
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Mit den Vergißmeinnicht und Veilchen,
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Auf meines Grabes Hügel spielt,
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Wann erst dein Herz das volle Leben fühlt! –
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Dann, guter Junge! setz' ein Weilchen
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Dich auf den Rasenhügel hin,
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Und denke, daß mein Leib in Millionen Theilchen
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Allein zerflog, ich aber selbst noch bin.
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Und ist's erlaubt dem unsichtbaren Wesen,
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Das in mir denkt, – o so umschweb' ich dich,
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Wann du dieß Blatt gerührt wirst lesen,
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Und nicht erröthen darfst, daß heut dein Vater sich
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Umsonst gefreut, umsonst für dich
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Ein halber Eremit gewesen!
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Du wirst es dann schon längst vergessen haben,
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Wie mir das Herz vor Freuden schlug,
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Als heut dein Händchen unsern Raben
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Dein Morgenbrod halb nach dem Käfich' trug,
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Und wahrlich war's kaum ganz für dich genug.
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Du wirst es längst vergessen haben,
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Wie deine Mutter liebevoll
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Dich an sich drückt, daß sie den kleinen Schwaben
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Zu deinem Kuchen bitten soll.
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Du wirst es längst vergessen haben,
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Daß fast dein Herz dir, trotz dem Kuchen! brach,
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Als deine Tante scherzend sprach:
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Du sollst mein Erbe seyn, wenn sie mich einst begraben.
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Ich schrieb dieß auf; nicht, Kind! um dich zu preisen,
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Denn dieses Herz ist Gabe der Natur,
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Und deine Eltern durften nur
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Am Scheideweg' zurecht dich weisen;
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Doch, könntest du dereinst dieß Herz,
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Und ach! mit ihm dein ganzes Glück verspielen:
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Dann werd' ich zwar im Grabe keinen Schmerz,
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Du aber sollst die Schande doppelt fühlen.
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Denn wisse: daß dein Vater selten Wein
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Nur trank, zum Reitpferd' seine Füße,
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Und seine Hände zum Lackein
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Gern für sich machte; selbst die süße
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Begierde, seinen fernen Freund, nach Jahr
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Und Tag zu küssen, unterdrückte;
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Daß deine Mutter sich das Haar
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Mit Veilchen, statt der Perlen, schmückte,
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Sich oft dem Schlaf', so fest er hielt, entriß,
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Zu halben Tagen zwischen ihren Knieen
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Dich horchend stehen hatt': und alles dieß,
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Zum braven Mann' dich zu erziehen.
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Erfüllst du diese Hoffnung nicht,
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So wird die Welt mit Fingern auf dich zeigen,
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Denn, sollt' auch schon mein Mund im Grabe schweigen,
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So schweiget doch vielleicht nicht mein Gedicht.
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Sohn! werde was du willst im Staat'!
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Sey seines Schutzes werth durch deines Geistes Rath,
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Durch deine Barke, die der fernsten Insel
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Gewächse holt, durch deiner Flöte Ton,
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Durch deinen Griffel oder Pinsel:
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Nur werd' ein Biedermann, o Sohn!
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Und bist du dieß, so wirst du sicher finden,
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Was du bedarfst; denn, Kind, ein Biedermann
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Besetzt die Tafel nicht mit Sünden,
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Und Ränke kleiden ihn nicht an.
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Bist du nur dieß, so wirst du Freunde finden,
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Wie überall sie noch dein Vater fand,
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Und o vielleicht wird eines Mädchens Hand,
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Das deiner Mutter gleicht, sich dann mit dir verbinden.
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Erfülle dieß! denn sieh! zu deinem Richter
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Macht' ich die Welt; o fröhlicher macht schon
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Die Hoffnung mich, als dich die bunten Lichter
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Auf deinem Kuchen, lieber Sohn.
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Auch ich will heute mich zum Kinde wieder machen,
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Will springen, wenn wir unsern Drachen
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Hoch in den Lüften fliegen sehn;
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Will mit den bleiernen Soldaten
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Krieg führen, und mit Erbsen, statt Granaten,
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Los auf des Feindes Schanze gehn.
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Wird endlich dann der Schlaf dir Händ' und Füße lähmen,
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So sollst du noch ein süßes Traumbild sehn,
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Denn,
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Worin die schönen Pferde stehn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk
(17481828)

* 13.07.1748 in Gröningen, † 18.02.1828 in Syców

männlich

deutscher Dichter des Rokokos und preußischer Beamter

(Aus: Wikidata.org)

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