O wohl mir, daß mein Weib und Sohn

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk: O wohl mir, daß mein Weib und Sohn Titel entspricht 1. Vers(1788)

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O wohl mir, daß mein Weib und Sohn
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Mich nur lebendig wieder haben!
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Vier Wochen später, war ich schon
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In deiner Königsstadt begraben.
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Zwar, säh' die Göttin Sparsamkeit,
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Gleich mir, wie ihr so gastfrei seyd:
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Sie müßte schier für sich erröthen!
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Doch grade diese Gastfreiheit
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Würd' einen Fremden endlich tödten.
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Nie, nie vergißt der Königsstadt
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Und ihrer Großen, ihrer Weisen,
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Dein Freund. So lang er Athem hat,
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Wird er, der nichts fast lobt, sie preisen.
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Und dennoch: stände gleich die Wahl
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In meiner Macht; zum zweitenmal
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Würd' ich wohl nach
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Wer weiß, wer weiß! wann, eh' ich nur
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Die erste Fahrt dahin, verwinde!
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Denn, außer daß ich meine Flur,
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Trotz eurem Park'
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Als eh' ich neulich sie verließ,
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Erfriert dein Freund fast bei dem Winde,
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Vor dem, so rauh er immer bließ,
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Sonst kaum von seinem Blut' ein Tröpfchen
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Erstarrt'; und ach! aus seinem Näpfchen
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Schmeckt süßer Rohm ihm nicht mehr süß.
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Nicht, weil mein Gaumen, den Poeten
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Der Bouillon
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Und euren Zandern lüstern ist;
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Nein! doch mein Magen lebt, zur Strafe
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Des spätern Schwärmens, mit dem Schlafe
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Noch immerfort in argem Zwist'.
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Gottlob! daß ich nicht mehr, wie dort,
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Auf Federn von gewundnem Stahle,
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In Kutschen sitze; mit dem Nord'
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Die Zorga
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Wie sonst, vom Berg' ein Abendroth
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Auf schwarzen Wald kann brennen sehen;
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Wie sonst, sobald mein Butterbrod
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Verdaut nur ist, zu Bette gehen,
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Wenn eure Köche noch den Koth,
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Am Feuer, aus der Schnepfe drehen.
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Nun, hoff' ich, soll mein Magen wohl
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Bald mit dem Schlafe sich versöhnen,
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Der eine wieder sich an Kohl,
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Der andr' an Glocke zehn gewöhnen.
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Zwar haben eure Leckerbissen,
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Und eure Weine weiß und roth,
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Mir nicht den süßen Schlaf entrissen,
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Weil dort kein Wirth so lange droht,
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Daß wohl die Gäste trinken müssen;
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Wer aber denkt noch an den Leib,
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Da, wo er seltne Weisheit höret?
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Und wer vergißt nicht gern den Becher,
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Da, wo der Witz zum Zeitvertreib'
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Mit leichter Hand den vollen Köcher,
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Als wenn es Pfeile schneite, leeret?
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Doch, Wochen lang, um Mitternacht
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Gerad' ins Bett vom Schmause fahren:
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Dafür mag mich das Glück bewahren!
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Denn aller Weisen Weisheit macht
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Doch nicht gesund im Krankenbette;
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Entschläft man gar: Ach! wer erwacht
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Von eines Lucians Gespötte?
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Und wahrlich! Ich war nah daran,
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Zu Tode mich bei Euch zu wachen,
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Ja, Willens schon, dir, lieber Mann!
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Mein Weib und Kinder zu vermachen.
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Denn erst geschlafen hab' ich kaum
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In dreißig Nächten, dreißig Stunden,
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Doch oft den Rest der Nacht, im Traum',
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Mich ängstlich wie ein Wurm gewunden.
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Oft war's, als griff' ein Räuber mir
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Mit: Steh du Hund! schon nach der Krause,
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Doch fand sich's bald, daß vor der Thür'
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Von eures Commandanten Hause,
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Die Schildwach' und die Ronde, nur
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Gerufen hatten. – Bald bedräuten
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Im Traum', Erdbeben, der Natur
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Den Untergang; hu! wie von weiten
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Der Donner rollt! die Mauren beben,
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Die Balken brechen, schrecklich schweben
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Sie knackend über meinem Haupt'! –
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Was ist's nun, das die Ruh' mir raubt?
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Zehn Kutschen fahren spät vom Schmause,
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Vor meinem Fenster durch, nach Hause.
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O wohl mir! daß mit Weib und Kind
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Ich Tisch und Bett kann wieder theilen!
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Denn unsre Schildwach' sind die Eulen
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Und unser Kutschgerassel – Wind!
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Mit beiden bin ich schon vertraut;
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Drum komm, o Schlaf! wie eine Braut
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In künftger Nacht mich zu umfangen;
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Denn glaube,
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Nicht mehr nach Phaon, als nach dir
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Mein schweres Augenlied verlangen.
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Und wahrlich!
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Nicht mehr geliebt, als ich dich liebe;
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Und dennoch, Lieber, flohst du mich?
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Sahst meine Stirn und Augen trübe,
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Und meine Rosen so verblühn?
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Und sahst mit an, wie in
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Mein Witz, Champagner gleich, verrauchte,
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Und das zu einer Zeit, wo ihn
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Dein Freund am nöthigsten gebrauchte?
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Doch, alles das sey dir verziehn!
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Nur stelle dich auf deinen Socken
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Heut' Abend, mit dem Schlage Neun,
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Ganz leis' in meiner Kammer ein,
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Und laß dich nicht durch Morgenglocken,
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Durch Uhrgepick und Reimerein
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Von Bav und Mäv, erst lange locken.
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Auch auf die Träume gib wohl Acht,
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Daß sie nicht mit herein sich stehlen;
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Und wollten sie mich diese Nacht
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Zum Coadjutor
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Ja wahrlich! kämen sie sogar
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Auf Adlern vor mein Bett geritten,
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Und sprächen: Steig auf einen Aar!
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Es geht dem Monde zu! – Fürwahr!
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Ich müßt' es dennoch itzt verbitten.
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Wie? spielt da schon mein Glockenspiel?
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So ist es Zehn! das ist mein Zeichen!
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Schon hör' ich meinen Liebling schleichen:
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Drum gute Nacht, Freund

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk
(17481828)

* 13.07.1748 in Gröningen, † 18.02.1828 in Syców

männlich

deutscher Dichter des Rokokos und preußischer Beamter

(Aus: Wikidata.org)

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