Warum ziehst du junger Mann

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Leopold Friedrich Günther von Goeckingk: Warum ziehst du junger Mann Titel entspricht 1. Vers(1788)

1
Warum ziehst du junger Mann
2
Deine Stirne, wie die Alten,
3
So verdrießlich schon in Falten?
4
Siehst die Veilchen nicht mehr an?
5
Hast, wenn Nachtigallen singen,
6
Nicht, wie sonst, noch Freude dran?
7
Träumst, wer weiß von was für Dingen?
8
Wenn wir mit den Gläsern klingen,
9
Und ein Scherz, ein Einfall, kann
10
Uns dein Lächeln kaum erzwingen?
11
Ist ein Mädchen deinen Küssen
12
Gar zu spröde, trotz dem Mai?
13
Hat der Tod sie dir entrissen?
14
Oder ward sie ungetreu?
15
Hat man um dein kleines Gut,
16
Um dein Alles, dich betrogen?
17
Oder hat den alten Muth
18
Dir die Schwindsucht ausgesogen?
19
Nein, du liebst nicht, junger Mann!
20
Weil die Lieb' und eine Schlange
21
In dem Busen, keiner lange
22
Vor dem Freund' verbergen kann.
23
Nein, du bist noch nicht der Raub
24
Eines Fiebers; deine Wange
25
Bleicht noch nicht wie Herbstes Laub.
26
Und dein Gütchen, wie wir wissen,
27
Ward von Flammen nicht verzehrt,
28
Nicht durch Fluthen weggerissen,
29
Nicht durch Hagelschlag verheert.
30
Wie? so ist nur deine Rente,
31
Lieber Jüngling, dir zu klein?
32
Nicht aus Habsucht! denn wie könnte
33
Solch ein Mann mein Freund auch seyn?
34
Dir versagte die Natur
35
Bei dem herrlichsten Talente,
36
Das Talent:
37
Aber, willst du mich nur hören,
38
Mich, der nicht mit Sechsen fährt,
39
Und wohl nie auf eignem Herd'
40
Wird die Heimchen zirpen hören;
41
(sonst auch wären meine Lehren
42
Dieses Blatt Papier nicht werth!)
43
O gewiß! der Nachtigallen
44
Süße Frühlings-Melodein
45
Sollen wieder dir gefallen,
46
Und dein Mund bei Scherz und Wein
47
Wieder lächeln, und von allen
48
An Gesang der reichste seyn.
49
Ich, erzogen unter Grafen,
50
Hüllt' in weiche Seide mich,
51
Konnt' auf Pflaumenfedern schlafen,
52
Und mein Pferdchen, klein wie ich,
53
Ging bei meiner Schwester Schafen
54
Auf der Weide, brüderlich.
55
Wenn mein Lehrer einst für mich,
56
Mittags, einen Wunsch verrieth,
57
Fand ich Abends, unterm Teller,
58
Die Erfüllung schon; wer schied
59
Je von seinem letzten Heller,
60
Lieber für sein Kind, und schneller,
61
Als mein Vater? Dank' o Lied!
62
Dank' ihm noch in seinem Grabe,
63
Daß er mir die Weisheit prieß,
64
Und, was ich im Kopf' itzt habe,
65
Mir, statt meines Erbtheils, ließ.
66
Weihrauch soll noch in der Erde
67
Meinem großen Lehrer
68
Was ich bin und was ich werde,
69
Ward und werd' ich halb durch ihn.
70
Daß ich mit gebundnem Flügel
71
Ruhig sitze hier im Thal',
72
Da ich sonst dem steilsten Hügel,
73
Wie der Aar
74
Gerne zugeflogen wäre,
75
Zu entfliehen dem Geschmeiß',
76
Das ich haß': ist größre Ehre,
77
Als das alles, was ich weiß.
78
Und woher nun diese Ruhe?
79
O! mein Vater ließ mich schön,
80
Trotz der langen Reihe Schuhe,
81
Auch bisweilen barfuß gehn.
82
Aus dem weichen seidnen Kleide
83
Ward oft schnell der gröbste Frieß;
84
Trotz dem Pferdchen auf der Weide,
85
Mußt' ich, wenn der Nordwind bließ,
86
Hübsch zu Fuß gehn durch die Heide,
87
Und, statt meines Pfühls von Pflaum,
88
Einen harten Sack voll Kernen
89
Unterm Kopfe, ohne Traum,
90
Ohne Wälzen, schlafen lernen.
91
Alle Freuden dieses Lebens,
92
Die ein reicher Mann genießt,
93
Und um die ein Thor vergebens
94
So viel Thränen oft vergießt,
95
Lernt' ich, weil sie doch das Glück
96
Wenigen nur kann gewähren,
97
Nicht, verachten, nur
98
Eines Lehrers Meisterstück!
99
Wär' ich nicht ein armer Wurm,
100
Wenn ich auf dem Harz nicht Sturm,
101
Schnee und Reif ertragen könnte?
102
Wär' ich nicht ein armer Tropf,
103
Wenn mein Auge mir im Kopf'
104
Ueber Kutsch' und Pferde brennte?
105
Ha! sieh her! den Gemsen gleich,
106
Kann ich unter Donnerwettern,
107
Ruhig auf den höchsten Zweig
108
Der gezackten Felsen klettern.
109
In dem Frack' von Bergopzoom
110
Lach' ich mehr in einem Jahre,
111
Ja vielleicht in einer Nacht,
112
Als der Vater Pabst zu Rom
113
In dem purpurnen Talare
114
Während seines Lebens lacht.
115
Keinen Heller bin ich schuldig:
116
Ist denn das nicht reich genug?
117
Sahst du je mich ungeduldig,
118
Wenn das Glück mir Knipchen schlug?
119
Besser ist's, die Menschen sagen:
120
Dreimal mehr verdientest du!
121
Als daß Weise spöttisch fragen:
122
Sagt, wie kam der Narr dazu?
123
Sieh! ich zwing' im schlichten Kleide
124
Selbst dem Wuchrer Achtung ab,
125
Denn gewiß, wir fühlen beide,
126
Daß mein Herz mir manche Freude,
127
Ihm sein Gold nur Sorge gab.
128
Sieh! vor meines Herzens Kälte
129
Und der Flamm' in meinem Blick',
130
Tritt, verlegen, er zurück,
131
Weil ich für sein Bubenstück,
132
Schweigend einen Schelm ihn schelte.
133
Niemals drängt' ich mich hinan
134
Zu den Großen dieser Erde;
135
Aber wenn ich einem Mann'
136
Etwa zugestoßen werde,
137
Der nicht Rang verläugnen kann:
138
O der bleib' ein Thor für sich!
139
Ich, ich komm' ihm niemals wieder.
140
Schätzest du, o Großer, mich?
141
Wohl! so laß dich auch hernieder,
142
Und so habe Muth genug,
143
Mich, wie ich da bin, zu nehmen,
144
Und dich meiner nicht zu schämen,
145
Weil auf seinem Kriegeszug'
146
Nicht auch meinen Urgroßvater
147
Kaiser
148
Und, wie dich, mich in den
149
Nie ein goldner Wagen trug.
150
Aber mehr als Stolz der Großen,
151
Haß' ich, Stolz der Reichen, noch.
152
Liebes Glück! du wollest doch
153
Nur so weit mich nicht verstoßen,
154
Wie so karg du sonst auch bist,
155
Daß mich der, nur der nicht rette,
156
Wenn die Sorg' am Herzen frißt,
157
Dem die Weisheit ein Gespötte
158
Und Talent ein Ekel ist.
159
O wie leicht ist's, wenn der Noth
160
Edelmuth, zu fliehn gebot,
161
Unsern Dank ihm aufzudringen;
162
Doch, der Eitelkeit ihn bringen,
163
Das ist schwerer als der Tod!
164
Sieh! wenn gleich von meiner Wiege
165
Bis zu meinem Traualtar',
166
Größtentheils mein Pfad zur Gnüge
167
Ueberstreut mit Rosen war,
168
Doch mit unter nun auf Schollen
169
Oder Stoppel sich verliert,
170
Dennoch hörst du nie mich schmollen,
171
Denn ich weiß, wer mich ihn führt.
172
Wenn ich auch auf jene Höhe,
173
(ach! nach der ich Thor sonst hin
174
Gierig sah, doch nicht mehr sehe,)
175
Gleich nicht halb gekommen bin:
176
Dennoch sitz' ich hier am Hügel,
177
Lächelnd, wenn sich mißvergnügt
178
Unter eines Adlers Flügel,
179
Mancher Zäunert
180
Aber du? was willst du machen?
181
Willst du dich hier neben mich
182
Setzen, und mit
183
Oder mit dem Zäunert dich
184
Auf zur Höhe tragen lassen? –
185
Um dem Reichen gleich zu prassen,
186
Ist dein Gütchen kaum das Spiel
187
Zweier Jahre; um dem Leben
188
Reitz durch frohen Muth zu geben,
189
Hast du wahrlich schon zu viel.
190
Lerne, so wie ich, entbehren,
191
Und genießen was du hast.
192
Fort vom Tische mit dem Gast',
193
Dem du ihn mit einer Last
194
Von Gerichten, sollst beschweren;
195
Fort von Leuten, die dich nicht
196
Länger auf der Zunge tragen,
197
Als so lang ein goldner Wagen
198
Und ein Sammtrock für dich spricht.
199
Wer dich dann noch immer schätzet,
200
Wenn dein Frack von Bergopzoom
201
Sich vertraulich zu ihm setzet,
202
Lieber sich am Napf' voll Rohm
203
In der Laube mit dir letzet,
204
Als, zur Statue versteint,
205
Wenn da gleich Champagner brauset,
206
An der Fürsten Tafel schmauset:
207
Der allein war nur dein Freund!
208
Wer, wie du, der Großen Gnade
209
Nicht bedarf, auf seinem Pfade
210
Aus dem Thoren beugen kann,
211
Und mit Freunden durch das Leben
212
Wie in einem Tanze schweben:
213
O wie glücklich ist der Mann!
214
Freilich muß an dem Vergnügen
215
Froher Weisheit, ihm genügen;
216
Denn was ist sonst wahres Glück?
217
Aber wirfst du deinen Blick
218
Von des Nachbars sammtnem Kleide
219
Schnell auf deinen Frack zurück:
220
Weg ist alle deine Freude!
221
Sammt ist freilich warm und weicher,
222
Und auch ich, macht mich das Glück
223
Ohn' ein großes Opfer reicher,
224
Trage, wenn mich friert, ihn wohl;
225
Aber, wenn ich sorgenvoll,
226
Um das Sammtkleid zu erwerben,
227
Nur ein Jahr mich plagen soll,
228
Will ich gern im Fracke sterben.
229
Für Bedürfniß hat ein jeder
230
Seinen eignen Maßstab, Freund.
231
Wahre Noth drückt ihn entweder,
232
Oder nur was nöthig scheint.
233
Aber, Freund! was ist dir nöthig?
234
Muß aus
235
Muß dein Porzelan aus
236
Und ein Rebhuhn nur aus Preußen,
237
Um recht zart zu schmecken, seyn?
238
Alles das kannst du dir geben,
239
Wenn die Klugheit, ohne Rast,
240
Nur nach diesem Ziel' soll streben;
241
Doch wie lange wirst du leben,
242
Wenn du das erlaufen hast?
243
Wann zum erstenmale wir
244
Beid' in einem Schauspiel' wären,
245
Ohne Hoffnung, jemals hier
246
Noch ein zweites auzuhören:
247
Würdest du wohl Zeit und Witz,
248
Aemsig, nur damit versplittern,
249
Einen recht bequemen Sitz
250
In den Logen auszuwittern?
251
Denn, mein Freund, verlörest du
252
Deine Zeit mit diesen Possen,
253
Und der Vorhang fiele zu:
254
Sag', was hättest du genossen?
255
Spielt man etwa dir zu Liebe
256
Noch einmal? Nein! aus ist aus!
257
Und, kaum hingesetzt, so triebe
258
Dich der Pförtner schon hinaus.
259
Dieses Schauspiel ist das Leben,
260
Und der Sitz ist unser Glück.
261
Gültig für ein einzig Stück.
262
Laß das unsre uns, das binnen
263
Wenig Stunden schon, vielleicht,
264
Ein zu frühes End' erreicht,
265
Im Parterr' mit allen Sinnen
266
Froh genießen; nicht, vernarrt
267
In den Rang, die Loge suchen;
268
Denn was hilft es, ist er hart,
269
Noch so sehr den Sitz verfluchen?
270
Ist die Vorstellung vorüber,
271
Dann so ist es gleich, mein Lieber,
272
Ob wir sanft auf Eyderdaun,
273
Oder hart auf Holz gesessen.
274
Der auf Daunen, hatte traun!
275
Die fünf Akte durch,
276
Doch wie wird er nun verdaun?
277
Gähnen wird er, Freund! indessen
278
Wir mit den Sokraten nun
279
In Elysium, an Bächen,
280
Sanft auf Moos und Veilchen ruhn,
281
Und vom Vorspiel' uns besprechen.
282
Würden wir noch itzt so alt,
283
Wie zu Adams goldnen Zeiten:
284
O von selber würde bald
285
Mich der Sammlungsgeist verleiten.
286
Fünfzig Jahr' schätzt' ich geringe,
287
Könnt' ich, bei gespartem Wein'
288
Noch fünf hundert, guter Dinge
289
Mit den Ururenkeln seyn.
290
Aber so, mein Lieber, gucken
291
In die Welt wir kaum hinein',
292
Und sind fröhlich: Ach! so schlucken
293
Uns die Gräber hurtig ein.
294
Wer von diesem Augenblick'
295
Viel um Gold verkaufen kann,
296
Ist ein Mann für großes Glück,
297
Aber, Freund, für mich kein Mann.
298
Froh beim Napf' voll Rohm zu singen,
299
Und zum Fuß' des Stolzes, Freund,
300
Nur das Rauchfaß nicht zu schwingen:
301
Das ist leichter, als es scheint.
302
Ein Vergnügen sich versagen,
303
Um die Hälfte von dem Joch'
304
Eines Freundes, mit zu tragen:
305
Das ist zehnmal leichter noch.
306
Doch auf
307
Und ein weit gereis'tes Huhn,
308
Einem Weibe zu gefallen
309
Das uns liebt, Verzicht zu thun:
310
Ist das leichteste von allen.
311
Freund! so leb' ich itzt als Gatte,
312
Zwar nicht prächtig, doch bequem,
313
Mit vier Andern, fast von dem
314
Was ich ganz allein sonst hatte.
315
Dennoch hatt' ich nie genug.
316
Bücher hatt' ich zwar bei Haufen,
317
Doch sie machen, höchstens, klug;
318
Aber Freude mußt' ich
319
Damals wollt' es nichts bedeuten,
320
Tag und Nacht Courier zu reiten,
321
Um zu sehn, wie
322
Itzt kann ich so was entbehren,
323
Meine Kinderchen gewähren
324
Mir das beste Schauspiel, Freund!
325
Um die
326
Hätt' ich damals obenein
327
Für die Stadt bezahlt; allein
328
Ob mir itzt – die Stimm' in Ehren! –
329
Ihre Triller lieber wären,
330
Als das bloße Trarara!
331
Meines Weibes, das den Jungen
332
Eben itzt hat eingesungen:
333
Daran zweifl' ich doch beinah.
334
Ach! das freundliche Gesicht
335
Dieses Jungens, tauscht' ich nicht
336
Gegen
337
Oder
338
Dennoch wär' ich gerne reicher!
339
Aber, weißt du auch, warum?
340
Ich, der sehr das Geben liebt,
341
Gebe mehr, als ich wohl sollte,
342
Aber dennoch, wie betrübt!
343
Nie, was gern ich geben wollte.
344
O wie sollte der sonst lachen,
345
Der noch weinend von mir ging!
346
Denn, mein Lieber, glücklich machen,
347
Ist ein gar zu köstlich Ding.
348
Wohl mir, daß durch mich auf Erden
349
Wenigstens ein Weib es ist!
350
Willst du auch durch mich es werden?
351
Folge, wenn du weise bist!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Leopold Friedrich Günther von Goeckingk
(17481828)

* 13.07.1748 in Gröningen, † 18.02.1828 in Syców

männlich

deutscher Dichter des Rokokos und preußischer Beamter

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.