Hier ist mein Bildniß! – Wenig gleichen

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk: Hier ist mein Bildniß! – Wenig gleichen Titel entspricht 1. Vers(1788)

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Hier ist mein Bildniß! – Wenig gleichen
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Wird itzt der Mann dem Jüngling', Freund!
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Den du gekannt hast; theure Leichen
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Hab' ich seit jener Zeit beweint.
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Denn beide sind sie nun begraben,
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Die einst in deine Hand mich gaben;
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Drum ist mein Auge noch so roth,
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Mein Blick voll Ernst, mein Feuer todt.
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Sechs Jahre saß auf meinem Zimmer
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Mit meinen Büchern ich allein,
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Und täglich schien die Welt mir schlimmer,
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Denn jeder Schelm darin, sollt' immer
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Gut, oder gleich gehangen seyn.
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Drum ist die Stirn mir noch voll Falten,
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Und als ein Denkmal, daß ich Thor,
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Aus dem Gesichte, wie die Alten,
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Den guten Theil der Welt verlor,
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Muß ich zur Strafe sie behalten.
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Nur ganz so grämlich, o mein Lehrer!
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Seh' ich denn doch nicht aus, wie hier;
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Sonst machte
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Vielleicht wohl einen Freudenstörer.
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So trüb auch meine Augen sind,
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Entwölken sie sich doch geschwind,
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Wenn meine Jungen, wie die Mücken,
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Sich in der warmen Sonne freun;
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Und meine Falten zu zerstreun,
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Bedarf es keiner Flasche Wein,
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Nur eines Freundes Händedrücken.
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O Maler! hättest du mein Herz
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Statt des Gesichtes malen können,
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So würde man den Ernst nicht Schmerz,
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Den Gleichmuth, Eigensinn nicht nennen.
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Doch du, der besser noch vielleicht,
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Als ich, mich kennt mit allen Schwächen,
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Du kannst allein ein Urtheil sprechen,
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Ob noch mein Herz dem Herzen gleicht,
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Das du geformt hast? Ob dem Keime,
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Deß Gärtner du gewesen bist,
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Ein solcher Baum entwachsen ist,
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Als du wohl hofftest, ich wohl träume?
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Dieß weiß ich, daß dein Freund noch liebt,
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Was damals er als Jüngling liebte,
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Und über das sich noch betrübt,
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Was ihn als Knabe schon betrübte.
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Die wackern Helden des Homer
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Lieb' ich, o Freund, noch itzt so sehr,
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Als in dem siebenzehnten Jahre;
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Doch, tritt ein Nero nur hervor,
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So heben itzt noch meine Haare
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Die Nachtmütz' auf dem Kopf' empor.
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Wie damals ich dem schwarzen Brette
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Und Carcer, (denn mein Ehrgefühl
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Ging willig,) Trotz geboten hätte,
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So acht' ich meinen Kopf so viel
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Noch itzt, als einen Pappenstiel,
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Gilt's für der Menschheit erste Rechte.
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O Schande Roms! daß Nero kühl
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Das Blut der Bürger zapft' und zechte,
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O Schand'! und doch so spät erst fiel!
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Allein, wann setzten je die Knechte
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Der Wollust, ihren Kopf aufs Spiel?
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Noch schallt der Spruch in meinen Ohren,
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Den über mich dein Mund einst that:
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»in keiner Republik geboren,
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Wärst du in jedem andern Staat',
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Als diesem, den dein Fuß betrat,
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Nicht glücklich; wo nicht gar verloren!«
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O laß mich denn bis an mein Grab
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Die längst erkannte Wohlthat preisen,
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Daß mich dem Zepter eines Weisen
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Mein gutes Schicksal untergab.
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Hier, auf der Grenze seiner Staaten
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Sitz' ich, und sehe froh mich um,
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Denn noch sind immer unsre Saaten
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Die Aehrenreichsten rund herum.
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Und freue dich! du, der die Felder,
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Die Wiesen, Berge, Seen und Wälder,
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Von seltnen Kräutern nur entblößt;
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Kein Land, von
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Steht enger mit der Kräuterkunde,
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(dank! daß du sie, die das der Stunde
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Des Traurens, was dem wunden Munde
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Der Honig ist, mir eingeflößt!)
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Als mein Hercynien im Bunde.
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Wie damals, lieber Freund, mit dir,
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So irr' ich itzt auch noch bisweilen
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Durch Wald und Wiese ganze Meilen;
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Nie aber kostet's einem Thier',
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Doch einem Blümchen oft das Leben,
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Denn diesem kann ich's auf Papier
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Nur jenem niemals wieder geben.
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Statt Pflanzen aber, sucht dein Freund,
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Wie damals schon, im Winter, Reime.
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Was soll ich machen? Wie es scheint,
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Lag diese Frucht schon in dem Keime.
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Denn eh' ich noch einmal erfuhr,
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Was Dichtkunst sey? Wer die Homere
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Der Vorzeit waren? Ob Natur,
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Ob Kunst, des Dichters Lehrbuch wäre?
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Ob Gold sein Lohn sey, oder Ehre?
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Kam ich dem Reim' schon auf die Spur.
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Ich, der beim Pflanzensuchen, wie
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Ein Reh, mich matt, Berg auf Berg unter,
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Gelaufen hatte, war doch früh
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Schon mit der Sonne wieder munter.
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Du lächeltest, wenn dann am Pult'
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Die Stirn mir wie ein Schornstein dampfte,
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Und ich den Kiel, voll Ungeduld
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Ob einem Reim', zu Fasen stampfte.
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Und doch gebotest du mir nie,
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Die Hand der Muse loszulassen,
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Denn durch Verbote lehrt man sie
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Nur stärker lieben, nicht, sie hassen.
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Auch war's zu spät bei mir. Homer
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Lag Nachts schon unter meinem Kissen;
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Leicht hätte man den Ball, so sehr
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Ich ihn auch liebte, mir entrissen,
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Doch diesen Alten nimmermehr.
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So ging ich fort auf meiner Bahn',
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Allein aus meinem süßen Wahn'
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Riß unser
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Den Augen nahm er ihre Binde,
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Daß sie das weite Ziel erst sahn,
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Und o die Namenlose Menge
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Bereits im Wettlauf' nach dem Kranz'!
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Ich stutzte; wenig vor der Länge
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Der Laufbahn'; mehr, vor dem Gedränge:
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Doch, ich war halb, warum nicht ganz?
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Gewinnt gleich einer nur von allen
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Zwölf Tausenden, das große Loos;
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Das zweit' und dritt' ist auch noch groß,
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Und besser doch, als durchgefallen.
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So drängt' ich auf dem vollen Wege
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Mich durch, und riß ein Lorbeerblatt
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Vom Kranz' noch ab, (denn
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Den ganzen Kranz,) das, für die Pflege
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Des Herzens, auf den Dankaltar
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Ich dir gerührt als Opfer lege.
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O! wenn ein jeder von der Menge,
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Die du erzogest, statt Gesänge,
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Dir Thaten für der Menschen Heil
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Aufweisen kann: gewiß, mein Bester!
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So würde dir der Preise größter,
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Der Lohne süßester zu Theil.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk
(17481828)

* 13.07.1748 in Gröningen, † 18.02.1828 in Syców

männlich

deutscher Dichter des Rokokos und preußischer Beamter

(Aus: Wikidata.org)

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