Ihr wünschet, mich zu kennen?

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk: Ihr wünschet, mich zu kennen? Titel entspricht 1. Vers(1788)

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Ihr wünschet, mich zu kennen?
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Wär'
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Drei Meilen, wollt' ich rennen,
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Daß kaum, selbst ein Courier
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Mir sollte folgen können.
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Allein, weil Euch von mir
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Sechs Herren Länder trennen,
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So würden schon fürwahr
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Die Sohlen wacker brennen,
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Durchstreift' ich nur ein Paar.
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Ich könnte freilich reiten;
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Doch ach! mein einzig Pferd
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Ist grade jetzt bei Leuten,
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Die es so lieb und werth,
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Als ihre Seele, halten.
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Denn wißt, als ich damit
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Vor kurzem nach
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Ein Dorf bei
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Da fuhren zehn Husaren
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Wie Teufel auf mich ein!
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Ich, mit gesträubten Haaren,
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Jagt' über Stock und Stein,
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Allein die Herren waren
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Noch schneller hinter drein.
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Da ließ ich durch ihr Schrein:
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»halt Schurke!« mich erbitten,
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Und stellte selbst mich dar,
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Eh' ich nach wenig Schritten
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Dazu gezwungen war.
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Wer hat, sprach ein Husar,
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Den Gaul Euch zugeritten?
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Der Hundsfott wäre werth,
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Daß er am Galgen hinge!
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Mein Seel'! ein braves Pferd!
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Wenn's unter mir – der Blitz! –
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Nur ein acht Tage ginge.
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Euch ist's den Teufel nütz!
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Steigt drum nur immer ab!
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Ich will's schon Mores lehren! –
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Kaum war ich denn mit Ehren
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Von meinem Pferd' herab,
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Als er die Sporn ihm gab,
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Und, ohne Abschied, husch!
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War er damit im Busch'.
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Bringt er es zugeritten
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In meinen Stall zurück,
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Will ich den Augenblick
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Bei Euch zu Gast mich bitten.
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Allein es lernt vielleicht
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Wohl erst in vielen Jahren
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Die Schule, vom Husaren:
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Drum wäre, wie mich deucht,
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Das sicherste: zu fahren,
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Eh' noch die Zeit verstreicht.
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Denn ach! ihr lieben Frauen!
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Wenn's manchem gleich so glückt,
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Wer kann dem Uhrwerk' trauen,
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Das uns im Herzen pickt?
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Ihr wißt ja, wie der Zeiger
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An unsers Lebens Seiger
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So hurtig weiter rückt!
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Man flickt daran und flickt,
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Bis daß die Zeit die Räder
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Mit einmal stehen heißt,
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Und, Knall und Fall! die Feder
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Zerspringt, die Kette reißt!
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Wohlan! da aufgeschoben
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So gut als aufgehoben
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Für einen Pilger ist,
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Dem, über dem Besinnen,
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Der Rost gemach von innen
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Das Triebwerk mürbe frißt:
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So muß ich wahrlich eilen,
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Ein Herz mit Euch zu theilen,
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Das bald in Staub zerfällt;
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Und sechs und dreißig Meilen
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Ist ja nicht aus der Welt!
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Die fahr' ich und mein Kober
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Voll schmaler Reisekost,
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Im spätesten Oktober
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Auf einer offnen Post,
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Und leid' auf meinem Sitze
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Dabei so ruhig Frost,
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Als einst auf seinem Rost'
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Der heil'ge Lorenz Hitze.
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Durch einen Kuß wird Euch
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Es leicht seyn, liebe Frauen,
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Wär' ich auch Eis, sogleich
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Mich wieder aufzuthauen.
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Der Kuß ist mir genug,
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Um Sporenstreichs zu kommen;
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Allein, wird mein Besuch
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Auch Euch, ihr Damen, frommen?
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Erwartung macht uns größer,
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Als wir am Ende sind.
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Daß sie nicht viel gewinnt,
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Wenn ihr die Schenken Schlösser,
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Und auf der See zwei Fässer
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Von fern zwei Schiffe sind,
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Ist klar; drum thu' ich besser,
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Ich schick' Euch selbst von Haus
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Den Maßstab gleich voraus.
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So fragt Euch denn nur immer:
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»je! sollt' er das wohl seyn?«
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Tritt künftig in das Zimmer
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Ein Mann im Frack' hinein.
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Die Wahrheit Euch zu sagen:
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Er hat nur einen Rock.
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Müßt' ihn der Kuckuck plagen,
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Auf Reisen den zu tragen,
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Als hätt' er noch ein Schock.
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Auch schiebt es auf das Reisen,
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Wird man an seinem Haar'
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Von einem Kräuseleisen
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Kaum eine Spur gewahr;
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Doch hatt' er es im Grunde
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Schon immer an der Art,
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Daß er die Viertelstunde
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Gern für die Freude spart.
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Man sagt, es sey zu lesen
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Auf seiner Stirn' gewesen:
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Nur hat, das müßt ihr wissen,
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Sein Weibchen nicht geruht,
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Bis daß sie unter Küssen
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Die Aufschrift abgerissen;
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Was eine Frau nicht thut!
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Doch würd' er auch, ihr Lieben,
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Vom Kopfe bis zum Schuh',
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Euch von Gestalt beschrieben,
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Von Wesen noch dazu;
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Ja! wenn er selbst da stünde:
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Was wär' er? Nun! ein Ding
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Gleich jedem Menschenkinde,
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Das je im Fracke ging;
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Denn, einen Sonderling
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Haßt er wie seine Sünde.
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Kann etwas, ihn genau
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Zu schildern, ja noch taugen,
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So sind es seine Augen,
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(wenn ich nicht irre, blau,
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Doch meinethalb auch grau,)
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Worin er, was ihn rühret,
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Und mißfällt, sehr genau
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Gleich selber registriret.
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Doch sollte so ein Mann
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Im Frack', mit solchem Auge,
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Gleich von der Thürschwell' an,
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Mit einer ganzen Lauge
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Von Witz und Reimerei
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Euch weidlich übergießen,
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So könnt Ihr sicher schließen,
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Daß das nicht
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Denn der wird sicher warten,
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Wovon Ihr lieber sprecht:
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Von Liedern oder Karten?
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In eines Freundes Garten
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Ist jede Blum' ihm recht.
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Doch, wenn nach einer Stunde
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Mein Mann noch immer schweigt,
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Wenn dann auf seinem Munde
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Sich noch kein Lächeln zeigt:
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So wird sich's nimmer zeigen,
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Und er ist nicht für Euch!
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Denn das ist ihm so eigen,
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Gleichgültig still zu schweigen,
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Wo Sympathie nicht gleich
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Die Herzen paart mit Herzen.
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An Freundlichkeit und Scherzen
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Wird er nur dann erst reich,
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Wenn sie der Etikette
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Den Marschallsstab zerbricht,
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Und ehe noch ein Licht
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Verbrannt ist, um die Wette
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Sich Rosenkränze flicht.
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Sonst ist er es für Fürsten,
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Und sollt' er ewig dürsten,
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Selbst bei Tokaier nicht.
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Sagt nur mit einem Blicke:
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»mann! du gefällst uns wohl!«
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Wer ist, der dann im Glücke
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Sich ihm vergleichen soll?
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Denn was ist Glück? Als Freude,
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Die einem Mann' im Frack'
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Zuflüstert: diese Beide,
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Könnt' in dem reichsten Kleide,
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Kein Narr, mit seinem Sack'
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Voll Gold, ihn hochzuschätzen,
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Gewinnen; aber du,
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Darfst dich geradezu
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An ihre Seite setzen.
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O seliges Gefühl,
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Den Edlen zu gefallen!
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Du bist das große Ziel,
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Nach dem wir alle wallen!
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Dich haben, ist schon viel!
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Dich auch verdienen, ist
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Das seligste von allen!
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Wem du gegeben bist,
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Der siehet von dem
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Der Krämer Schiff' im Hafen,
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Wird aber, ohne Traum
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Von Schiffen, ruhig schlafen.
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Wer dich hat, beugt dem Wagen
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Mit Sechsen, willig aus,
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Doch ist's umsonst, ihn fragen:
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»sah nicht der Fürst heraus?«
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Wer dich hat, wahrlich dem
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Sitzt sein Gewissen, – treibe
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Das Glück sein Spiel! – bequem,
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Wie mir mein Frack am Leibe.
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Glück, ist der Klugheit Loos,
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Der Weisheit Loos, ist Freude!
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Ich sitze nicht im Schooß'
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Des Glücks, doch weil ich Beide
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Nicht gut vereinen kann,
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So halt' ich's mit der Freude.
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Bin ich nun Euer Mann?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk
(17481828)

* 13.07.1748 in Gröningen, † 18.02.1828 in Syców

männlich

deutscher Dichter des Rokokos und preußischer Beamter

(Aus: Wikidata.org)

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