Auf dieser komischen Redoute

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk: Auf dieser komischen Redoute Titel entspricht 1. Vers(1788)

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Auf dieser komischen Redoute,
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Man nennet sie mit einer Sylbe: Welt!
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Hatt' ich mich unbemerkt im Winkel hingestellt,
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Dem Tanze zugesehn, und hinter meinem Hute
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Nach Wunsch mich satt geweint, nach Herzenslust gelacht.
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Dieß steckte nun nicht bloß in
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Nein! jedem ist dieß Fieber zugedacht.
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Ja! wenn ein Knabe, kaum der Ruthe
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Entwachsen, fertig schon mit seiner Rolle wäre,
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So hätt' er doch den
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So gut, als ein Methusalem, gemacht.
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Der wunderliche Weise Griechenlandes,
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Der nie aus seinem Gransen kam,
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War doch noch immer unsers Standes,
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Und wenn er sonst sich je die Mühe nahm,
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Betrachtungen auch über sich zu machen,
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So mußt' er ja nothwendig – lachen.
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Der andre Herr, der sich ins Grab gelacht,
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War sicher doch mit Seufzern auch bekannt.
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So oft, gepeitscht von eines Wüthrichs Macht,
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Die Unschuld sich in Blut und Thränen wand,
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So mocht' er gleich von außen fröhlich scheinen,
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Er mußte doch im Innern weinen.
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Die Schauer hat der Weise wie der Thor!
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Nur mit dem großen Unterschiede,
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Der eine
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Der über viel, und kurz; dann hat er wieder Friede,
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Der andre, hängt sein Steckenpferd das Ohr,
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Wird seines Schreiens nimmer müde.
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So sah ich's auf dem Maskenball' auch immer;
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Der eine nur verbarg mit künstlichem Gesicht'
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Sein Lachen oder sein Gewimmer;
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Der andre lacht' und weint' im großen Tanzsaal' nicht,
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Wohl aber in dem Nebenzimmer.
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Der eine lächelt nur, so oft der muntre Knabe,
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Der Witz, im Schooß' der Mutter Weisheit spielt,
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Und, daß des Weisen Herz sich labe,
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Sein Müthlein an dem Thoren kühlt.
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Dann ist dieß Lächeln ein Geflüster,
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Süß, wie der
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Doch wenn bei seinem Stiefgeschwister,
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Dem Aberwitz', des Meister Unsinns Sohn,
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Der grobe Bootsknecht aus Natur,
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Der Kammerherr aus Eigennutzen lacht:
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Wohl dir, wenn dann dieß Lachen nur
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Dem Ohr', und nicht zugleich dem Herzen, Ekel macht!
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Wohin ich sah, war alles Mummerei,
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Voll Thoren war's, die hier nach äußern Trachten,
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Ein jeder zwar nach seiner Phantasei,
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Sonst aber sämmtlich einerlei,
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Bald gut, bald schlecht – den Weisen machten.
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Ja! Weise sah ich gar – wer hätte das gedacht? –
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Vermummt in eines Thoren Tracht.
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Da war's nun eine Kunst, den Mann heraus zu finden,
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Der weise sey, nur nicht nach Schulsystem,
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Und der durch Tugenden den kleinen Schwachheitssünden
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Den Schatten selbst von Sünde nähm'.
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War's aber schwer, dich Mann! heraus zu finden,
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So war es erst ein Perlenstück,
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Ein solches Mädchen zu ergründen,
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Der Witz und Scherz in jedem Augenblick',
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Wie
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Doch frisch gewagt ist halb gewonnen!
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So mischt' ich mich denn kecklich in den Reihn,
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Mir schienen manche Schönen hier den Nonnen
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Im Blick', entlehnet von Madonnen,
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Auch dieser selbst an Tugend gleich zu seyn.
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Du aber sahst, daß wunderfein
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Verstellung diesen Schleier nur gesponnen;
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Dieß, und mein Glück, daß ich dem Netz' entronnen:
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Dank' ich, o Freund! dir ganz allein.
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Dein scharfer Blick, der jeden Schleier,
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Auch noch so dicht gewebt, durchschaut,
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Hat unpartheiischer und freier
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Geprüft des Freundes künft'ge Braut.
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Großmüthig kannst du selbst verzeihen,
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Daß sie die Hälfte dir von seinem Herzen raubt;
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Doch sey es ihr dagegen auch erlaubt,
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Vom ihrigen die Hälfte dir zu weihen.
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Mit dir und diesem Genius der Tugend,
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Mit dieser
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Hüpft meine Zeit davon gleich einem Schäferreihn;
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Doch mischen wir bei feinerem Gefühle
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Uns selten nur in das Gewühle
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Des großen Contretanzes ein.
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In ihm tanzt der Betrug mit der Verführung vor;
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Die große Welt folgt unter Scherz und Lachen,
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Die krummen Touren mit zu machen,
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Worin sich selbst die Arglist wohl verlor.
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Ja! auf des Bodens Spiegelglätte
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Fällt oft der Weise, wie der Thor;
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Doch warum flicht er sich auch mit in diese Kette?
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Wir aber hüpfen, fern von aller großen Welt,
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Zwar auch nach der Musik, nur bei gedämpfterm Schalle,
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Und wenn uns nicht die Melodie gefällt,
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So singen wir sie selbst zu unserm kleinen Balle.
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Bald ist sie dann dem sanften Gange
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Des Hillerschen Andante gleich,
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Doch öfter seinem komischen Gesange,
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An schneller und an leichter Wendung reich;
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Bei jener, unser Herz nicht bange,
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Bei diesem, noch für fremde Klagen weich.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk
(17481828)

* 13.07.1748 in Gröningen, † 18.02.1828 in Syców

männlich

deutscher Dichter des Rokokos und preußischer Beamter

(Aus: Wikidata.org)

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