1
Wenn ich sah, wie bis zur Erde
2
Sich ein Schmeichler oft vor Schurken bückt,
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Wie mit freundlicher Geberde,
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Arglist ihre Worte schmückt;
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Wie die Dummheit mit dem großen Bauche,
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Dem Verstande grob befiehlt;
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Wie der Reichthum an dem vollen Schlauche,
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Keines Armen heiße Zunge kühlt;
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Und der Stolz mit dem Verdienste, schier
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Wie mit seinem Ordensbande, spielt:
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O wie vielmal dann in mir
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Der vergebne Wunsch erwachte:
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Daß er mit mir seufzte, oder lachte!
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Wenn ich in des Harzes Eichenhainen,
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Ganz allein umher nach Kräutern lief,
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Felsenberg' erstieg, und da mit Weinen
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In mein Herz die Stille rief,
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Plötzlich aber auf der Spitze,
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Ueber einer Landschaft stand,
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Die ich sonst im reichen Witze
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Wenn ich dann mich auf dem Rasensitze,
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Wie aus einem Traum erwachend, wand;
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Ach, was ist mir, rief ich, alles nütze?
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Und nun seh' ich bald dich wieder?
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Und nun wirst du wieder mein?
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Sagt' ich's nicht: Sein Herz ist bieder,
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Und er läßt dich nicht allein? –
30
Komm denn an die naßgeweinten Wangen,
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An die Brust, die vor Verlangen
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Hoch dir schon entgegenschwillt,
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In die Arme, welk von Kummer,
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An das Herz, dem selbst der Schlummer,
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Nachts, die Seufzer nicht mehr stillt.
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Aber neunmal hat nun Philomele
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In dem wälderreichen Harz geklagt,
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Seit nach dir, du Hälfte meiner Seele!
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Schon ein Wunsch den andern jagt.
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Werd' ich dir auch noch wie sonst gefallen?
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O! was ändert nur ein Jahr!
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Und verändert hab' ich mich in allen;
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Doch mein Herz ist wie es war.
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Zwar ich kannte all' die schönen Risse
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Zu Gebäuden hohen Erdenglücks;
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Aber, aber! Tausend Hindernisse
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Fand ich in dem Willen des Geschicks,
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Einen Pallast mir darnach zu bauen:
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Darum baut' ich nur ein Hüttchen mir,
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Und in diesem sollst du dich beschauen.
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Doch du findest freilich hier
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So viel Still' und Anmuth nicht,
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Als uns in den Schäferhütten,
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Vom Erhabnen der Palläste,
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Wie zum Beispiel Seneca,
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Nur im Grunde nicht recht feste,
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Bauen lehrt, ist auch nichts da.
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Dennoch möcht' ich, trotz dem Weisen
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Und dem Dichter! dir beinah
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Meine simple Bauart preisen,
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Denn die Welt kannst du durchreisen,
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Und du wirst, genau besehn,
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Auf des Römers stolzen Höhn,
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In des Schweizers stillen Gründen,
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Weder den Pallast so schön,
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Noch so still die Hütte finden.
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Wie ich hier in meiner Hütte,
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Leb' und denke? – – – O heraus,
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Liebes Herz, heraus! und schütte
70
Dich in seinen Busen aus!
71
Nicht dem Dünkel unterthan,
72
Such' ich, ferne von dem Wahn',
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Daß das Glück im Range liege,
74
Rang nur in der Geisterwelt.
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Hier erwirbt Verdienst die Siege,
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Nicht des Schmeichlers feine Lüge,
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Nicht das sonst allmächt'ge Geld.
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Nicht dem Gaumen unterthan,
79
Blick' ich, ferne von dem Wahn',
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Daß das Glück im Aufwand' liege,
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Froher, als ein Großsultan
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Seiner Schüsseln ganze Züge,
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Mein bescheidnes Näpschen an,
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Denn daran hab' ich zur Gnüge.
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Dir, o Gold! nicht unterthan,
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Gib dich, wem du willst, betrüge
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Weise selbst durch eitlen Wahn;
88
Ich, wenn ich mich nur vergnüge,
89
Ziehe jeden Freund dir vor;
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Denn vor deinem Schimmer, schmiege
91
Sich der Bettler und der Thor.
92
Kurz und gut, ich folge froh
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Brauche, sagt er, deines Lebens,
95
Mit dem Weibe, das du liebst!
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Wenn du sorgst, und dich betrübst,
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Grämst du dich, und sorgst vergebens.
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Eitel ist dieß Schattenleben,
99
Eitel, aber dennoch gut!
100
Brich denn, ohne Thränenfluth,
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Was dir Gott an Brod gegeben,
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Leer dazu mit frohem Muth',
103
Deinen kleinen Becher Wein,
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Und auch dieß wird eitel seyn:
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Aber, was ist mehr hienieden
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Dir zu deinem Theil' beschieden?
107
Diese Weisheit auszuüben,
108
Dürfen wir die Tugend nur
109
Feurig, wie uns beide, lieben;
110
Und der Vater der Natur
111
Wird uns, wahrlich! nie betrüben.
112
Alles, was wir von ihm flehen,
113
Sey, mein Lieber, dieses nur:
114
Wie die Sonn' auf meine Flur,
115
So auf uns herab zu sehen.
116
Wie bei Frühlings-Sonnenschein
117
Ein Paar Tauben auf dem Dache,
118
Und das Reh im jungen Hain',
119
Und der Schmerl im warmen Bache,
120
Wollen wir der Welt uns freun.
121
Jede Grille zu vertreiben,
122
Das sey unsre Sorg' allein;
123
Gott ist Vater, darum bleiben
124
Alle andre Sorgen sein.
125
Wenig, wenig laß uns hoffen,
126
Fürchten – nichts! denn dessen Ohr,
127
Der der Tugend Hülfe schwor,
128
Steht für unsre Seufzer offen.
129
Eitle Wünsche sollen nie
130
Unser stilles Herz verführen;
131
Laß der Thoren Phantasie
132
Sich den Augenblick verzieren,
133
Der noch kommen soll; Genuß
134
Ist das wenig, denn er muß
135
Den, der da ist, erst verlieren.
136
Fliehen laß uns vor der Pracht,
137
Weil sie gute Sinne schnell verwöhnet,
138
Und das beste Herz so launisch macht,
139
Daß es immer sich nach Wechsel sehnet.
140
Nicht im Golde von dem Gallakleide,
141
In dem Herzen sitzt der wahre Ruhm,
142
Und der Wiederschein der Freude
143
Ist des Pöbels Augenweide,
144
Doch die Freude selbst, ein Eigenthum
145
Von zufriednen Seelen, wie wir beide.
146
Dem Bedauren und dem Neide
147
Sind wir keine Losung zum Gespräch';
148
Ungesehen, schleichen wir den Weg
149
Unsers Lebens, bis zum Grab' herab;
150
Keinen Schritt breit weich' er ab,
151
Weder zu der Hütte, wo der Mangel
152
Sitzet, und sein Daseyn haßt,
153
Noch zum lärmenden Pallast',
154
Wo der Ueberfluß den goldnen Angel
155
In das Meer der Freude hängt,
156
Aber nichts als Ekel fängt.
157
Welch ein Leben, Freund! Allein
158
Werden wir nicht Sonderlinge
159
Bei der Welt der Mode seyn?
160
Tanze! ruft sie, tanz' und springe
161
Mit in unsern bunten Reihn,
162
Oder bleib' für dich allein! –
163
Das ist billig! Aber, wagen
164
Möcht' ich's nicht sogleich mit ihr.
165
Laß uns erst die Weisheit fragen:
166
Sagt sie ja! so tanzen wir,
167
Sagt sie nein! so wird uns zwar
168
Spott der Welt ins Dunkle jagen,
169
Aber dieser wird, fürwahr!
170
Besser, als ihr Lob, behagen.
171
Leere Köpfe, leere Herzen,
172
Wissen nicht vergnügt zu seyn,
173
Wenn nicht bei dem Glanz' von hundert Kerzen,
174
Beim Gewühl' von zwanzig Liverein,
175
Und dem süßen Dampf' von fremden Giften,
176
Und dem Sprudeln von Champagner-Wein,
177
Und dem Juchhei! in erschrocknen Lüften,
178
Dreißig Stimmen durch einander schrein.
179
Sie berechnen das Vergnügen
180
Nach des Aufwands Summe nur;
182
Lassen sie verächtlich liegen.
183
Heißt das, nach dem Epicur,
184
In der Freude sich berauschen?
185
Thoren! wüßtet ihr doch nur,
186
Daß er schier die stillste Flur
187
Würd' um euren Lärm vertauschen.
188
Führt das Ohngefähr uns hin,
189
Wo die dumme, plumpe Freude,
190
Mit dem Wanst', nicht mit dem Munde, lacht,
191
Und im steifen Sonntagskleide
192
Uns die Etiquette zehn Bescheide
193
Ueber Eines Tages Wetter macht:
194
Dann so wird die Langeweile
195
Uns erinnern, still davon zu ziehn,
196
Um dem giftbestrichnen Pfeile
197
Des Verdrusses zu entfliehn.
198
Zehnmal räumlicher wird dann
199
Unser Stübchen dir bedünken,
200
Wo vor Zischen, Fragen, Winken,
201
Ohr und Auge ruhen kann.
202
Silberner wird mein Klavier,
203
Wenn ich dann es spiele, klingen,
204
Und von selber wirst du mir
205
Oder mich durch Küsse dingen,
206
Zu den süßen Träumerein,
207
Plato meinen Mund zu leihn.
208
Wie wird dann der große Seher
209
Unsre Wangen immer höher
210
Mit der Tugend Purpur schminken,
211
Bis, verloren in der Welt
212
Seiner Schöpfung, mir die Stimm' entfällt,
213
Dir im Auge Zähren blinken,
214
Jetzt wir Blicke wechseln, jetzt
215
Leise Seufzer, und zuletzt
216
In die Arm' einander sinken.
218
Viele tausend Brennen preisen,
220
Einschenkst aus dem Quell' der Weisen,
221
Bis die Königs-Sorgen sich
222
Aus dem Labequell' berauschen,
223
Möcht' ich doch mit dir nicht tauschen!
224
Wird die Kraft des Denkens überspannt:
225
Weg mit Weisheit! bis gelinde Freude
226
Wiederum den Geist ermannt.
227
Komm! begleit' an meiner Hand
228
Mich nach meiner Lieblingsheide,
229
Wo noch in so mancher Weide
230
Dein bekrönter Name steht.
231
Dort, wo um die Königseiche
233
Hab' ich oft am stillen Teiche
234
Stundenlang für mich gesessen,
235
Und der ganzen Welt vergessen,
236
Weil sie sich in dir verlor!
237
Wollt' ein Strahl der Hoffnung mich erfreun,
238
Daß du Mein noch würdest seyn:
239
O! wie kam ich mir so klein,
240
Aber itzt, wie groß nicht, vor!
241
Alle Stunden dieser Pein,
242
Veilchen, die sonst ungesehn,
243
Vor den Füßen mir verblühten,
244
Sind dafür nun doppelt schön,
245
Denn zuerst werd' ich sie sehn,
246
Deiner Hand sie anzubieten.
247
Selbst die Abend-Threnodien
248
Meiner Nachtigall empfand ich kaum;
249
Doch, wohin wird sie die Phantasien,
250
Freund! durch ihre Töne ziehen,
251
Wenn wir unter ihrem Baum'
252
Nach des Mondes Aufgang' blicken?
253
O wir werden selbst im Traum'
254
Nachts, uns noch die Hände drücken!
255
Immer sey uns die Natur,
258
Seines Throns, die Havel-Flur,
259
Für des Hofes Pomp, erköre.
260
Dank dir, Schöpfer dieses All!
261
Daß ich für den Mond ein Auge habe,
262
Und ein Ohr für deine Nachtigall!
263
Dank auch dir, mein Vater! noch im Grabe,
264
Daß du mich als Jüngling, nicht
265
Weg vom Glanz' in Mondes Angesicht,
266
Auf den Glanz des Goldes sehen hießest;
267
Von der Nachtigall Gesang
268
Nicht hinweg, und auf den Klang
269
Feiner Gulden horchen ließest.
270
Was ein Stockpferd für das Kind,
271
Der Geliebten erstes Danken
272
Einem Jüngling', frischer Wind
273
Für den Schiffer, Schlaf dem Kranken,
274
Einem Stutzer die Frisur,
275
Und ein Pfand dem Wuchrer ist;
276
Alles das, und mehr noch, bist
277
Du allein mir, o Natur!
278
Wen du liebest, dessen Thüren
279
Oeffnet niemals Sorg' und Harm;
280
Doch, den Hang zu dir verlieren,
281
Das macht mürrisch, und macht arm.
282
Frostig würde meine Liebe,
283
Und mein Witz verzehrend seyn,
284
Ja, von zwanzig Freunden bliebe
285
Wohl zuletzt nicht Einer mein.
286
Traurig würd' ich spät und früh
287
Mich mit der Hypochondrie
288
Und der hagern Ruhmsucht quälen;
289
Oder lernt' – ich steh' für nichts! –
290
Nach der Schwere des Gewichts
291
Ihrer Thaler, meine Tage zählen,
292
Und – wie jener Geitzhals sich
293
Um sein eignes Geld – auch mich
294
Um mein eignes Glück bestehlen.
295
Treu, Natur! verbleib' ich dir,
296
Bis ich deiner schönen Erde
297
Lebe wohl! einst sagen, und mit ihr
298
Eine schönre tauschen werde.
299
Aber, wenn des Waldes Farben schwinden,
300
Wenn in unsern nackten Gründen
301
Nur die Krähe noch verweilt,
302
Wenn auf schneebedecktem Thurme,
303
Um die Wette mit dem Sturme,
304
Jede Wetterfahne heult:
305
Dann mag Ball und Maskerade,
306
(unserm Neide viel zu klein!)
307
Immerhin die Welt erfreun.
308
Ihre Freude macht Parade,
309
Aber, wahrlich! es ist Schade,
310
Ihre Freud' ist nur ein Schein.
311
Unser Ball und Maskerade
312
Soll ein trautes Kränzchen seyn.
313
An dem knisternden Kamine,
314
Schwatzt der Freundschaft Tändelei
315
Froher uns die Nacht herbei,
316
Als dem Hofmann' vor der Opern-Bühne
317
Ob der Türke neue Flotten baue,
318
Daß der Russe sie verbrennen kann?
319
Ob der große Tartarchan
320
Menschen, wie die Disteln, niederhaue?
321
Und der Pohle dann und wann
322
Nach gerade sich im Kopfe kraue?
323
Immerhin! Wen ficht es an?
324
Wollen sich die Herren streiten,
325
Frost und Durst entgegen ziehn,
326
Wenn wir an dem wärmenden Kamin',
327
Kriege führen, Küsse zu erbeuten,
328
Und von Witz und Punsche glühn:
329
Ei! so gönnen wir den armen Leuten
330
Das Vergnügen, sich um Kleinigkeiten
332
Aber, sich für sie zu int'ressiren,
333
Wer gewinnen, wer verlieren,
334
Wer betrügen, wer betrogen wird?
335
Dadurch werd' in unserm Kreise,
336
(hier neutral zu seyn, ist weise!)
337
Nie ein Biedermann geirrt.
338
Ob mein Nachbar, Herr Arlander,
339
Traun! ein zweiter Alexander
341
Ob die Nachbarin Annette,
342
Heimlich an der Toilette
343
Sich für ihren Lubin schminke,
344
Und der gute, fromme Mann,
345
Seines Weibchens lose Winke
346
Nach dem schlauen Cicisbeen,
347
Nicht bemerken, nicht verstehen,
348
Oder nicht verhindern kann?
349
Immerhin! Wen ficht es an?
350
Zornig über sie zu werden,
351
Das verlohnt sich nicht der Müh';
352
Sie sind Bürger unsrer Erden,
353
Und als solch' ertrag ich sie.
354
Sind sie Thoren? Sie sind's
355
Sind wir weise? sind wir's
356
Wird mein Tadel einen Duns
357
Mit der Weisheit wohl versühnen?
358
Aber leisen, feinen Spott,
359
Wie sich Freund' einander sagen,
360
Wenn des Einen Steckenpferd, im Trott',
361
Die Vernunft will überjagen,
362
Wollen wir bei jedem Don Quixott,
363
Unserm Herzen ohnbeschadet, wagen.
364
Wucherer und Müßiggänger
365
Machen unsern Kreis nicht enger;
366
Hat die Freundschaft Platz für sie?
368
Ueber schlechte Zeit zu klagen
370
Das ist mehr, als Tage lang
371
Von der Hungersnoth des Landes sprechen.
372
Aber, dringt zu meinem Ohr'
373
Das Gewinsel eines Armen,
374
Blickt sein Auge, um Erbarmen,
375
Thränenvoll nach mir empor:
376
Sollt' ich dann das Mitleid, Freund!
377
Bei der Schale Punsch versingen?
378
Und indeß daß jener weint,
379
Mich zum Scherz', zum Lachen zwingen?
380
Wenn die Menschheit in mir spricht,
381
O wie leise will ich hören!
382
Keine Lieb' und kein Gedicht,
383
Ja, selbst du sollst mich nicht stören.
384
Suchen will ich, ob ich nicht
385
Irgendwo kann Balsam finden,
386
Meines Freundes Wunde zu verbinden,
387
Denn das wäre süß, auch ohne Pflicht.
388
Aber ist bei großem Willen,
389
Seine Schmerzen ihm zu stillen,
390
Mein Vermögen, ach! zu klein:
391
Soll ich mit Matronen und mit Kindern
392
Dann noch weinen, schluchzen, schrein?
393
Wird dann das die Schmerzen lindern?
394
Sage, welche Sittenlehre
395
Machte das zu einer Pflicht?
396
Macht es ihrem Herzen Ehre?
397
Wohl! doch ihrer Klugheit nicht!
398
Wenn ein Strom vom Berge schießet,
399
Schadenhungrig wie ein Feind
400
Ueber fremde Saat sich gießet,
401
Dann so mag ein Menschenfreund
402
Drohend ihm die Rechte zeigen,
403
Und gebieten: Bleib zurück!
404
Ich, ich will zum mächtigern Geschick'
405
Leise seufzen, und will – schweigen.
406
Wenn in meinem Hirtenzelt'
407
Mich ein Unglück überfällt,
408
Jeden Ausgang mir darin
409
Sperret; halt' ich als ein Held
410
Ihm den blosen Busen hin.
411
Stößt es seinen Dolch hinein:
412
Nun! wie konnt' ich denn es hindern?
413
Kaltsinn wird der Wunde Pein
414
Schneller noch, als Weinen, lindern.
415
Der Franzose mag Melancholie
416
Durch die Becher weg philosophiren,
417
Und der stolze Britte sie
418
Hurtig durch den Strick kuriren;
419
Ich, ich brauche so viel Müh'
420
Um so was nicht zu verlieren.
421
Ein Paar Seufzer, ein Paar Lieder,
422
Das ist mein Recept dawider:
423
Eingenommen! – weg ist sie!
424
Tanzt ein Schwarm von schwarzen Grillen,
425
Ueberlaß es mir, gemach
426
Euren kleinen Zwist zu stillen.
427
Ich gebrauche nicht Gewalt,
428
So vergeblich, wie der Ritter
429
Von der traurigen Gestalt;
430
Denn mein Wein, und meiner Zitter
431
Melodie, zerstreut ihn bald.
432
Doch, zum Glück! ist diese Zeit,
433
Mit den Grillen uns zu streiten,
434
Nur ein Fall der Möglichkeit;
435
Da, wo sich die Tugend freut,
436
Sieht man sie gewöhnlich nur von weiten.
437
Fliehet denn, ihr Wuchrer, flieht!
438
Hebt euch weg, ihr Müßiggänger!
439
Macht uns nicht die Brust durch Klagen enger,
440
Und mit Eurer Weisheit zieht
441
Auf ein Billard, wo mit offnem Munde
442
Langeweil' Euch Beifall gähnt,
443
Und die Einfalt, ihre Stunde
444
Klug verlebt zu haben, wähnt.
445
Aber komm Musik! durch deine Töne
446
Lock' uns Uzischen Gesang herbei!
447
Komm du Scherz und Lachen! und verhöhne
448
Thorheit, Spleen und Heuchelei.
449
Komm o Fröhlichkeit! und fülle
450
Unsre Gläser an nach altem Brauch',
451
Denn der Weise findet, auch
452
Selbst wo du bist, noch die Stille.
453
Führt die Tugend nicht die Freude
454
An der Hand zu ihm hinein?
455
Haben, Freund, wir diese beide
456
Nur zu Gaste, wird der Wein
457
Vom Johannisbeeren-Strauche
458
Meines Gartens süßer seyn,
459
Als vom Alicanten-Schlauche,
460
Der den Wanst des Abtes füllt.
461
Wenn denn auch das Glück uns trillt,
462
Und uns tausend Freuden fehlen:
463
Was aus unserm Herzen quillt,
464
(und was könnten wir verhehlen?)
465
Jedes neu gefundne Bild,
466
Das die Phantasie des Einen zeichnet,
467
Und des Andern auszumalen eilt;
468
Ist ja Freud', und wird getheilt!
469
Sieh nun noch einmal mein Hüttchen an!
470
Hast du Lust, mein lieber Mann,
471
Mit dem Frühling' einzuziehn?
472
Aber fern sey diese Bitte,
473
Wenn nicht dir auch meine Hütte
474
Hell, bequem und feste schien.
475
Freilich hat sie hundert Mängel;
476
Sie liegt einsam und ist klein.
477
Aber, kehrten sonst die Engel
478
Nicht in solchen Hütten ein?